Froschkönig - DER SPIEGEL
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Froschkönig

»Vanya on 42nd Street«. Spielfilm von Louis Malle. USA 1994.
Von Urs Jenny
• aus DER SPIEGEL 15/1995
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn einen der liebe Gott so gemacht hat wie Wallace Shawn - als Frosch also, den kein Kuß zum Prinzen erlöst -, dann hat man im großen Welttheater eigentlich keinen Anspruch auf Titelrollen.

Der knubbelige, kurzbeinige Kerl, dem ein Kugelkopf zwischen den Schultern sitzt, wirkt beinah wie ein Stadtstreicher, wenn er (in den ersten Bildern dieses Films) die schmuddelige West 42nd Street hinabstiefelt und im Gehen ein Sandwich verdrückt. Man wundert sich nicht, wenn er sich in ein verfallenes, düsteres Bauwerk schiebt und dort auf eine Holzbank zu einem Nickerchen bettet. Doch während er noch zu träumen scheint, ist man schon ganz woanders, auf einem russischen Landgut vor hundert Jahren, denn unversehens hat schon das Stück begonnen, das eine und einzige der Weltliteratur, für dessen Titelrolle Wallace Shawn wie gemacht ist: Tschechows »Onkel Wanja«.

Wanja ist der Pechvogel, der sein Leben lang auf eigene Ambitionen verzichtet hat, um als Gutsverwalter für den Lebensstil seines blindlings verehrten Schwagers zu ackern, der als Philosophieprofessor fern in der Großstadt lebt - bis zu dem Tag, wo Wanja dessen pompöse Hohlheit und also die Nichtigkeit seines Lebensopfers erkennt.

Wallace Shawn mit seiner Clownsgrazie ist so unvergleichlich in dieser Figur, weil er sich gleichermaßen ganz von Verzweiflung und Lächerlichkeit überwältigen läßt: Wenn er endlich zur Pistole greift, um seiner wunden, getretenen Seele Recht zu verschaffen, kann er nur tragikomisch ins Leere ballern.

Seit 1989 hat Shawn sich zusammen mit seinem alten Freund Andre Gregory als Regisseur und einem Kreis liebevoll ausgesuchter Mitspieler in langen Proben-Workshops an »Onkel Wanja« herangearbeitet. Als sie das Ergebnis 1991 und 1992 in einem kleinen Haus an der 42nd Street vorzeigten, jeweils nur für 20 bis 30 Zuschauer, sah es immer noch wie eine minimalistische Workshop-Etüde aus und gewann doch rasch den Ruhm eines Geheimtips und Theaterwunders (SPIEGEL 1/1992).

Was damals entstand, hat nun Louis Malle mit aller Demut und aller Emphase auf Film verewigt. Die Schauspieler scheinen - ohne historisches Kostüm die meiste Zeit bloß um einen Tisch herumsitzend - das Drama eher zu memorieren, als mit voller Kraft zu spielen, sie gewinnen dadurch eine überrumpelnde Frische: jede Kleinigkeit wie noch nie.

Das Ensemble, das Andre Gregory zu diesem erstaunlichen Stück theatralischfilmischer Kammermusik zusammengestellt hat, ist wunderbar, und wie so oft in Tschechows Kosmos sind es nicht die Schönen, die das Herz rühren, sondern die Unglücklichen. Also nicht die Eleganz des melancholischen Frauenlieblings Doktor Astrow, den Larry Pine spielt, und nicht die flirrende Schönheit der Jelena von Julianne Moore, die dem Astrow wie dem Wanja den Kopf verdreht, sondern die Einfalt der Nichte Sonja, die Brooke Smith heißt.

Sie hätte mehr Grund als Wanja, sich beim lieben Gott darüber zu beklagen, daß er sie so unschön geschaffen hat. Wie sie statt dessen ihren Schmerz niederkämpft und sich aufrichtet, das macht das Finale zu ihrem Triumph. Man möchte den Atem anhalten, um nichts davon zu versäumen, wie schön da ein Mauerblümchen erblüht.

Urs Jenny

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