Biographien Furcht vor Modju
Er sei stolz darauf, sich »in der guten, ehrbaren Gesellschaft« von Sokrates, Christus, Galilei, Moses, Savonarola, Giordano Bruno und Nietzsche zu befinden, schrieb der Arzt, Schriftsteller und Psychoanalytiker Wilhelm Reich im Frühjahr 1957 aus dem Gefängnis von Lewisburg in Connecticut an seinen Sohn Peter.
Ins Gefangnis sei er gekommen, weil er »gegen den Teufel der Unwissenheit« gekämpft habe und »Modju« ihn dafür bestrafen wolle. Modju -- das Wort war eine Zusammenfassung aus den beiden Namen Mocenigo* und Djugaschwili (Stalin) -- war für Reich die Inkarnation des »emotionell Pestkranken«.
Von Reichs Identifikation mit Moses und Christus, von seiner Furcht vor Modju und von seinem Tod im Gefängnis berichtet seine Frau, Ilse Ollendorff Reich, in der jetzt auch auf deutsch erschienenen Biographie »des großen Psychoanalytikers und Forschers«, wie es im Untertitel des Buches heißt**
Zur gleichen Zeit kamen Peter Reichs Erinnerungen an seinen Vater auf den deutschen Buchmarkt***. Sohn Peter erzählt vom »kosmischen Krieg«, den sein Vater mit fliegenden Untertassen führte, vom sogenannten Wolkenbrecher, mit dem er Regen machen wollte, sowie VOn » Kommunisten und Gangstern« in der Regierung, denen Reich die Schuld gab, daß seine Warnungen vor den außerirdischen Eindringlingen nicht ernst genommen wurden.
Das ist ein anderer Reich als der, den Studenten, Hippies und Kommunarden verehren, dessen Bild sie durch die Straßen tragen, den sie als Propheten der sexuellen Befreiung feiern, dessen ihm entlehnte Parole sie sich auf ihre Jacken malen: »Make love, not war.«
So groß der Schritt Reichs vom Orgasmustheoretiker zum Ufo-Jäger und Regenmacher auch ist, er ist nicht ohne Konsequenz. Er selbst hat, wie seine Frau berichtet, »immer behauptet. daß ein roter Faden der Logik ihn von einer Stufe zur nächsten führte«.
Als Schüler Sigmund Freuds hatte Reich in den zwanziger Jahren die Li-
* Giovanni Mocenigo, der Bruder eine, venezianischen Dogen, lieferte den Philosophen Giordano Bruno an die Inquisition aus.
** Ilse Ollendorff Reich: »Wilhelm Reich« Kindler Verlag. München; 216 Seiten; 26 Mark.
*** Peter Reich: »Der Traumvater«, C. Bertelsmann Verlag, München; 288 Seiten: 28 Mark
bido-Theorie seines Lehrers übernommen. Allerdings verstand Reich unter Libido einzig und allein den Sexualtrieb, dessen Unterdrückung zu Stauungen von biologischer Energie und mithin zu Neurosen führe. Für die Therapie ergab sieh daralls die Notwendigkeit, daß der Patient die Fähigkeit zum Orgasmus wiedererlangen müsse. Nur dann sei eine Heilung möglich.
Aus dieser Neurosen-Theorie hat Reich die sozialpsychologische These abgeleitet, daß die Unterdrückung der Sexualität durch die bürgerliche Zwangsmoral ein Bestandteil der Unterdrückung des Arbeiters sei und daß es keine wirkliche politische Befreiung ohne sexuelle geben könne.
Konsequent war dann Reichs nächster Schritt: der Versuch, die biologische Energie experimentell nachzuweisen. In seinem Osloer Laboratorium -- der Jude Reich war 1933 erst nach Dänemark, später nach Norwegen emigriert -- schloß er seine Versuchspersonen, ähnlich wie bei einem Elektrokardiogramm, an einen Oszillographen an, um durch Reizung der erogenen Körperzonen die freiwerdende Energie, die er »Orgonenergie« nannte, 711 messen.
Diese Experimente trugen ihm den Vorwurf ein, er würde von seinen Versuchspersonen Geschlechtsverkehr oder Masturbation verlangen -- ein Verdacht, den Ilse Ollendorff als böswillige Verleumdung hinstellt. In den sechziger Jahren wurden Reichs Experimente von zahlreichen Sexualforschern nachgeahmt.
Gleichwohl, die norwegische Presse und »eine ganze Reihe von Wissenschaftlern und Analytikern« bezeichneten Reichs Versuche als »verrückt« und »Quacksalberei der Psychoanalyse« und beschimpften ihn als »jüdischen Pornographen«.
Reich resignierte und übersiedelte wenige Tage vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nach New York, wo er 1940 an der New School for Social Research Vorlesungen hielt und seine Forschungen zum Nachweis der Orgonenergie fortsetzte.
Zweifellos steht die norwegische Kampagne gegen Reich am Beginn seines sich mehr und mehr verfestigenden Wahns, Kommunisten, Faschisten und Kapitalisten hätten eine weltweite Verschwörung gegen ihn angezettelt, weil er »die Lebensenergie entdeckt« habe.
Er beschuldigte sogar Albert Einstein, an der Verschwörung teilzuhaben. Reich hatte einen »Orgonenergie-Akkumulator« entwickelt -- leere Kästen, deren Wände aus Schichten von Zellstoffmaterial und Eisenblech bestanden -, in dem sich die Orgonenergie speichern sollte.
Bei Versuchen mit Mäusen, die er in den Orgon-Akkumulator setzte, hatte Reich einen Temperaturanstieg der Tiere festgestellt. Dies schien ihm der Beweis für das Vorhandensein der Orgonenergie. Bei dem ersten Gespräch mit Einstein zeigte sich der Physiker von den Versuchen beeindruckt. Laut Reich nannte er die ihm vorgetragenen Ergebnisse eine »Bombe«.
Später, nachdem Einstein selber Versuche mit dem Orgon-Akkumulator angestellt hatte, bestätigte er zwar Reichs Ergebnisse, er deutete sie aber völlig anders. Reich versuchte in einer langen Abhandlung, Einsteins Interpretation zu widerlegen, aber dieser brach die Diskussion einfach ab.
Immer mehr verfiel Reich seinen Wahnvorstellungen von einer internationalen Verschwörung gegen ihn. Als er in seinem Forschungszentrum, das er sich auf einer Farm in Maine eingerichtet hatte und dem er den Namen »Orgonon« gegeben hatte, Versuche mit Radium anstellte, dessen Radioaktivität er durch die Orgonenergie neutralisieren wollte, erlitten Reichs Assistenten Strahlenschäden und mußten ins Krankenhaus eingeliefert werden. Auch das Scheitern dieser Experimente führte Reich auf ein internationales Komplott zurück.
Reichs Kampf für die Orgonenergie wurde immer verbissener. Er baute nun größere Orgon-Akkumulatoren, in denen ein Mensch Platz hatte, weil er glaubte, mit der Lebensenergie ließen sich an Krebs Erkrankte heilen. Amerikas Klatschblätter -- die Reichs Ruf als Orgasmus-Experte ausnutzten -- nannten die Akkumulatoren jedoch »Orgon-Kästen"« in denen man den Orgasmus viel intensiver erleben würde.
Schon nach den gescheiterten Radium-Experimenten hatte die US-Gesundheitsbehörde begonnen, sich mit Reichs Forschungszentrum Orgonon zu beschäftigen. Sie erwirkte schließlich einen Gerichtsbeschluß. in dem Reich aufgefordert wurde, alle Akkumulatoren zu vernichten.
Doch Reich mißachtete den Beschluß. Außerdem hatte er längst einen anderen Feind entdeckt: die fliegenden Untertassen, die Anfang der fünfziger Jahre in Mode kamen. Reich nannte sie »EAs« ("Energy Absorbers"). Er glaubte, daß die »EAs« der Erde Orgon, also Lehensenergie. entzögen, die sie für ihren Antrieb brauchten.
Die »EAs«, deren tödliche Auspuffgase er »DOR« ("Deadly Orgone") nannte -- nach seiner Meinung waren sie nicht nur die Ursache für die »emotionelle Pest«, sondern auch für das Entstehen der Wüstengebiete in Amerika --, bekämpfte Reich mit dem von ihm konstruierten »Wolkenbrecher«.
Dieser bestand, ähnlich einer Raketenbatterie. aus mehreren schwenkbaren Metallrohren. Sobald er ein »EA« sichtete, versuchte er ihm mit dem Wolkenbrecher Orgon-Energie zu entziehen. Für seinen kosmischen Krieg hatte der ehemalige k.u.k. Leutnant Reich das »Kosmische Orgonomische Ingenieurwesen« gegründet, das aus seinem Sohn Peter und seinem Schwiegersohn Bill Moise bestand. In unzähligen Briefen an Präsident Eisenhower und die US-Luftwaffe berichtete er von seinen Beobachtungen und bat um Unterstützung für seinen kosmischen Krieg.
Doch statt der erwarteten Unterstützung wurde Reich angeklagt, und zwar wegen Mißachtung des Gerichts, das die Vernichtung der Akkumulatoren angeordnet hatte. Nach einem mehrtägigen Prozeß wurde er am 25. Mai 1956 zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt -- für Reich letzter Beweis einer »Verschwörung von Moskau und den Rockefellers« gegen ihn. ·