Gaukler der Macht - DER SPIEGEL
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CANNES Gaukler der Macht

Die Verfilmung des »Mephisto«-Romans von Klaus Mann hatte jetzt in Cannes Premiere: dort, wo der Autor 1949 Selbstmord begangen hat.
• aus DER SPIEGEL 22/1981
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Zwei Seelen wohnen, ach, in seiner Brust. Aber nicht zur gleichen Zeit, und das macht ihn zum Opportunisten. Der Schauspieler Hendrik Höfgen, der in kleiner Zeit groß auftrumpft, um in großer klein beizugeben, ist jenseits des literarischen Skandalcharakters, der ihm durch die Vorbildnähe zu Gustaf Gründgens aufgezwungen wurde, eine Schlüsselromanfigur in mehrerlei Hinsicht.

Klaus Manns 1936 erschienener »Mephisto« enthüllt neben satirischen, manchmal von Insiderwitzen getrübten Einblicken ins Theatermilieu der zwanziger und dreißiger Jahre auch Ansichten der sogenannten deutschen Seele. Der endlose Kampf zwischen Geist und Macht, Kunst und Politik gilt ja quasi als urdeutsches Heimspiel, nicht zuletzt deshalb, weil gerade unsere jüngere Geschichte reich an drastischen Beispielen ist.

Die schlaffe Art, in der die bundesrepublikanische Kunst heute mit den Subventions- und Gremienmächten herumscharmützelt, sich häufig der Feigheit vor dem Freunde schuldig macht, läßt den Rückblick in den Faschismus, der zu klarer Stellungnahme zwang, um so faszinierender erscheinen. Emigration, Widerstand oder Kollaboration waren da die vorgegebenen Alternativen, die kaum selbstrechtfertigende Schattierungen zuließen. Verglichen mit manchen zeitgenössischen Künstlern, die sich von den ideologischen Lüftchen der letzten Jahre mal hierhin, mal dorthin tragen ließen, nur um immer vorn dran zu sein, ist Klaus Manns karrierebesessener Schauspieler Höfgen ein Held tragischen Ausmaßes.

Istvan Szabos Film, der jetzt in Cannes, wo Klaus Mann 1949 Selbstmord beging, Premiere hatte, betont, intelligent und streckenweise brillant inszeniert, diesen Aspekt. Klaus Maria Brandauers Burgtheaterton, mit dem er die Hauptrolle gestaltet, läßt dabei jede Anspielung auf Manns Vorbild Gründgens vergessen.

Als Ariane Mnouchkine vor zwei Jahren »Mephisto« für ihr Theater adaptierte, löste sie den Konflikt zwischen den Mächtigen und ihren Gauklern aus dem zeitlichen Kontext. Das Theater als moralische Anstalt wurde auf dem Theater überprüft. Szabo hat sowohl Klaus Manns historische Datierung als auch seine durchsichtigen Verschlüsselungen der Nazi- und Theatergrößen beibehalten. Höfgens Aufstieg vom kleinen Provinzschauspieler in Hamburg zum Staatsintendanten von Berlin, vom emphatischen Sprachrohr des Proletariats in den späten zwanziger Jahren zum willig-widerwilligen Nazi-Lakaien vollzieht sich vor opulent abgefilmtem historischem Dekor.

Höfgen ist von einer Sucht getrieben: dem Erfolg. Schmerzlos opfert er dafür seine politischen Überzeugungen, die eh nur pathetischen Wert für ihn besitzen, seine künstlerische Integrität, die immer nur solange besteht, wie sie nicht auf Widerstand stößt, und seine Liebesbeziehungen. Karrierebestimmt heiratet er in Hamburg die Tochter eines berühmten Schriftstellers (Thomas Mann), die dem kommunistischen Hitzkopf erliegt, stürzt sich aber gleichzeitig in eine ekstatische Affäre mit der farbigen Tänzerin Juliette. Aus dem Theater möchte er eine revolutionäre Folterkammer für die Bourgeoisie machen, zusammen mit seinem Freund und Gesinnungsgenossen Otto Ulrichs.

Doch Hamburg wird ihm zu eng, die Ehe zu langweilig. Höfgen geht ans Preußische Staatstheater nach Berlin und reussiert hier gleichzeitig am linken Kabarett »Sturmvogel«. Von der Machtübernahme der Nationalsozialisten erfährt er während Dreharbeiten im Ausland. Er folgt seiner Frau und seinen Freunden nicht ins Exil, sondern kehrt nach Berlin zurück, wo er zuvor in einer bejubelten Faust-Inszenierung als Mephisto brilliert hatte.

Durch die erbetene Protektion der Ministerpräsidentengattin und Schauspielerin Lotte Lindenthal (historisches Vorbild: Emmy Göring) erklimmt Höfgen schließlich den Gipfel seiner Karriere, als ihm die Generalintendanz des Staatstheaters angetragen wird. Seine »Sturmvogel«-Zeit findet als Jugendsünde Verzeihung, zumal er in seinem Theater nun stramm germanischen Geist wehen läßt.

Doch all das Höflingsgehabe kann es nicht verhindern, daß sein Versuch, das Theater zu einem Zufluchtsort für Nazi-Verfolgte zu machen, scheitert, daß Juliette, seine Geliebte, die ihm nach Berlin gefolgt war, als »Negerin« ausgewiesen wird, daß sein früherer Freund Ulrichs, für den er sich bis zuletzt eingesetzt hatte, im KZ umkommt. Vereinsamt und zum umjubelten Lakaien degradiert, erkennt Höfgen schließlich, daß der »Mephisto« in jeder Hinsicht die Rolle seines Lebens geworden ist. Auch er ist »Teil der Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft«.

Klaus Maria Brandauer spielt den Höfgen als elektrisierende Figur, den mit den Herrschenden das Buhlen um die Liebe der Massen verbindet, der Charakter nur als Rollenproblem versteht und das Theater zum Marktplatz seiner Eitelkeiten erniedrigt, indem er es dem Geist des Sportpalastes unterwirft. So inszeniert Höfgen etwa, der Stimme seines Herrn folgend, den Hamlet als Stück eines völkischen Dichters, macht aus dem Zauderer einen nordischen Mann der Tat.

Daß Kunst, wenn sie sich in die Hände der Mächtigen begibt, ihre Legitimation verliert, führt Szabo am Ende in einer klugen Szene vor. Da entwickelt Höfgen vor der Presse sein Konzept eines völkischen Theaters im Sinne der Nazis mit denselben Worten, mit denen er in Hamburg für sein proletarisches Agitationstheater gestritten hat. Schriftsteller wie Arnolt Bronnen taten es ihm damals gleich.

Wie der Verrat ist auch das Heldentum nur eine Frage der Zeit. Höfgen ist kein positiver Held, und Szabo wirft ihm das nicht vor. Was sein Film ohne Anklage vermittelt, ist die Einsicht, daß wer mit den Wölfen heult, letztlich nichts zu lachen hat.

Wolfgang Limmer

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