Geeigneter Boden - DER SPIEGEL
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Ausstellungen Geeigneter Boden

Frankreichs Staats-Ausstellung zeitgenössischer Kunst, von Pompidou gewünscht, wurde kein »Prestige-Unternehmen«. Sie wurde gleich wieder geschlossen.
• aus DER SPIEGEL 22/1972
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Die Unruhe in Künstlerkreisen ist tief; ich weiß und ich verstehe das«, begütigte Frankreichs Kulturminister Jacques Duhamel. Und verständnisvoll trat er, im Pariser Grand Palais, vor eine Gemäldeserie, die ihn und andere Würdenträger als Hirten oder Schlächter einer großen Herde Schafe zeigte.

Wenige Stunden später rissen die Maler des Polit-Strips ihr Werk schon wieder zornig von der Wand; denn die Polizei des Staates, der nach Duhamel »allein imstande ist, sich über den Zwist zu erheben«, hatte Künstler geprügelt.

So begann (und endete womöglich) am Dienstag letzter Woche die Staats-Ausstellung »Zwölf Jahre zeitgenössischer Kunst in Frankreich«. Aus Solidarität mit ihren geschlagenen Kollegen draußen, die gegen diese »Manifestation zum Ruhme Pompidous« demonstriert hatten, machten die Teilnehmer das Grand Palais erst einmal wieder zu.

Nur Ehrengäste und Kritiker hatten jenes Kunst-Ereignis begutachten können, das der Nation so lange versagt geblieben war: eine aufwendige, umfassend gemeinte Bestandsaufnahme heimischer Produktion seit 1960. Auf 4000 Quadratmetern sahen sie Bilder, Plastiken, Objekte und Environments von 71 jener Künstler installiert, die nur zum Teil aus Frankreich stammen, doch jedenfalls »in unserem Land den geeigneten Boden für ihre Kunst gesucht haben«.

Mit diesen Worten hatte 1969 Präsident Pompidou, der traditionsbewußte Franzosen durch eine moderne Einrichtung des Elysée-Palasts schockierte und auf dem Gelände der Pariser Hallen ein neuartiges Kunstzentrum errichten lassen möchte, selbst die Ausstellung angeregt.

Der schließlich als Planer berufene Chefkonservator des Pariser Musée des Arts Décoratifs freilich, Francois Mathey, wollte eine »Prestige-Kundgebung« vermeiden. Er kappte den ursprünglich vorgesehenen Klassiker-Vorspann, fahndete nach anregenden Neuerem und zog sich so den Vorwurf einer Neigung für »Nicht-Kunst« zu ("Le Figaro").

Dennoch hing dem Unternehmen unweigerlich der Ruch an, das verschlissene Renommee der einstigen Weltkunst-Metropole Paris flicken und zugleich das Image des Pompidou-Regimes pflegen zu sollen. Um solcher Werbung nicht zu dienen, sagten 18 eingeladene Künstler ab.

Was danach für die weiten Säle des Grand Palais (Rundgangstrecke: ein Kilometer) übrigblieb, ist im Stil so unterschiedlich wie an Niveau und kann keinesfalls mit der üppigen Kunstszene New Yorks wetteifern.

Neben mancherlei Nachgeburten des Surrealismus und des Tachismus sind wenige eigenständige Impulse zu registrieren -- so der (auch schon beinah legendäre) »Nouveau Réalisme«, dessen Prophet Yves Klein bereits 1962 verstorben ist, und so die wesentlich von belgischen, schweizerischen und südamerikanischen Gastarbeitern bestrittene Kinetik.

Neuerdings, zumal seit den Mai-Unruhen des Jahres 1968, gedeiht in Paris auch eine originelle Photo-Malerei mit kritisch-politischer Tendenz. Ein Fünf-Mann-Kollektiv dieser Richtung ("Les Malassis") ließ sich für die »Zwölf Jahre«-Ausstellung gewinnen, verhöhnte aber die Regierung in einer fast 60 Meter langen Bildgeschichte.

Ein größerer Links-Trupp freilich, »Front des artistes plasticiens« genannt, stand von vornherein draußen und protestierte zur Ausstellungseröffnung mit Transparenten ("Pompidou-Ausstellung: Künstler im Dienst der Macht").

Polizei, wegen des Pariser Queen-Besuchs in der Nähe des Grand Palais massiert, schlug ohne Warnung auf die Rebellen ein und brachte so nicht nur, als erste, die »Malassis« auf deren Seite, sondern auch die übrigen Künstler und das Aussteller-Team um Mathey. Gegen Ende letzter Woche erörterten die Beteiligten noch, ob die Ausstellung überhaupt fürs große Publikum geöffnet werden sollte.

Minister Duhamel, der seine Kunstpolitik vorerst in Scherben sieht, hat dafür aber mit einer Prophezeiung recht behalten. »Nach dieser Ausstellung«, so hatte er vorausgesagt, »wird nichts mehr sein wie vorher.«

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