WISSENSCHAFT / DDT Gefährliche Kette
Gestorben: DDT, 95, ein dauerhaftes, einstmals menschenfreundliches Insektengift«, zeigte die »New York Times« an. In dem Nachruf wurde nicht nur Rühmliches vermeidet. Zwar habe DDT zu den »Helden des Zweiten Weltkrieges« gezählt. doch sei es auch -- von der Biologin Rachel Carson »des Mordes bezichtigt« worden. Fazit; »Von Blumenspenden bitten wir abzusehen.«
Die Todesnachricht erschien im redaktionellen Teil des Blattes, wenige Tage nachdem -- Ende Juni -- der US-Bundesstaat Michigan das bis dahin meistgebrauchte Schädlingsbekämpfungsmittel verboten hatte. Inzwischen haben sich die US-Bundesregierung und etliche andere Länder dem Verbot angeschlossen.
Jahrelang glaubten die Chemiker, mit dem Dichlor-Diphenyl-Trichloräthan Weltprobleme lösen zu können: Es ermöglichte Rekordernten, rettete nach Schätzungen der US-Regierung zehn Millionen Menschen vor dem Seuchentod, weitere 200 Millionen vor schweren Erkrankungen. Deutschen Kriegsgefangenen und amerikanischen GIs wurde das scharf muffig riechende Insektenpulver unters Hemd und in die Hose gestäubt.
Mehr als eine Million Tonnen von dem billigen Insektengift wurden in den letzten 25 Jahren auf Felder, Obstbäume und Rebstöcke, in Fiebersümpfe und fliegendurchsummte Köchen, ins Fell von Haustieren und in wanzenverdächtige Betten versprüht.
Daß zugleich mit den Insekten auch ganze Populationen von Fischen und Vögeln vergiftet werden könnten, malte dann 1962 die amerikanische Biologin Rachel Carson aus ("Der stumme Frühling"). In den letzten Monaten häuften sich die Anzeichen. daß Rachel Carsons düstere Vision Wirklichkeit werden könnte.
Die Forscher entdeckten, daß DDT -- gegen das etwa 150 Insektenarten bereits unempfindlich geworden sind -- bei höherentwickelten Tieren wichtige Körperfunktionen stören kann:
* Fischembryonen sterben ab, sobald DDT in den Dottersack übergeht.
* Wachteln büßen ihre Lernfähigkeit ein, wenn durch Nahrungsentzug ihr Körperfett abgebaut und das darin gespeicherte DDT freigesetzt wird.
* DDT stört den Kalkstoffwechsel von Vogelweibchen, so daß sie Eier mit zu dünner oder gänzlich fehlender Schale legen, die beim Brüten leicht zerdrückt werden.
* In hoher Dosis kann DDT bei Mäusen Krebs, bei Ratten Störungen der Sexualfunktion hervorrufen.
Am meisten beunruhigt sind die Forscher über eine Eigenschaft der »schmutzigen Sieben« -- der chlorhaltigen Kohlenwasserstoff-Verbindungen DDT, Dieldrin, Aldrin, Heptachlor, Endrin, Lindan und Chlordan: Anders als die meisten Schädlingsbekämpfungsmittel werden diese Gifte, einmal ausgebracht, frühestens nach Monaten, Jahren oder sogar Jahrzehnten abgebaut.
Im menschlichen und tierischen Organismus kommt noch ein weiterer Speicher-Effekt hinzu: Das mit der Nahrung aufgenommene DDT wird nur zu einem Teil wieder ausgeschieden; der Rest wird im Fettgewebe eingelagert, bei manchen Tierarten zu einem hohen Prozentsatz.
So kommt es, über die sogenannten Nahrungsketten, zu einem wahren Giftstau: Kleinlebewesen nehmen Spuren des Gifts aus dem Meerwasser auf, kleine Fische fressen das Plankton und speichern das DDT, große Fische fressen die verseuchten kleinen; Seevögel und Allesfresser wie der Mensch nehmen schließlich die größten Mengen DDT auf.
Und durch massiven DDT-Einsatz sind -- wie bei anderen Eingriffen des Menschen in seine Umwelt -- nachfolgende Generationen mitbedroht: Vom mütterlichen Organismus aufgenommenes DDT geht (während der Schwangerschaft durch die Plazenta. nach der Geburt mit der fettreichen Muttermilch) auf das Kind über.
Ungarn und die Tschechoslowakei, Schweden, Dänemark, Kanada und Großbritannien, jüngst auch die USA und Italien haben Alarmmeldungen und Verdachtsmomente für ausreichend gehalten, den Gebrauch von DDT und verwandten Schädlingsbekämpfungsmitteln drastisch einzuschränken oder zu verbieten. Die Bonner Regierung indes hat anscheinend noch keine Handhabe für ein solches vorsorgliches Verbot: siehe SPIEGEL-Gespräch auf der folgenden Seite.