Gefährliche Risse - DER SPIEGEL
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DENKMALPFLEGE Gefährliche Risse

Westdeutsche Verkehrsplaner machen ein denkmalgeschütztes Dorf zuschanden - mit Duldung der Denkmalpfleger.
• aus DER SPIEGEL 32/1982
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das »Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz« wird nicht müde, »die Allgemeinheit wachzurütteln«. Mit Broschüren wie »Bauen und Bewahren auf dem Lande« oder »Lebensraum Straße« will es den Bürgern bewußt machen, »wie sehr historische Ortsbilder vor allem durch den Straßenbau gefährdet sind«.

Mahnung: »Wir können es uns nicht leisten, noch mehr Zeugnisse unserer Kultur zu zerstören, nur damit jeder überall mit 50 Kilometern die Stunde fahren kann.«

Auch Professor Ingeborg Schild, Dozentin für Denkmalpflege an der Technischen Hochschule Aachen, möchte die Bürger belehren: Um Unwiederbringliches zu erhalten, müsse man besonders »die Besitzer und Bewohner über den hohen Wert ihrer Häuser und ihres durch diese Häuser gebildeten Lebensraums aufklären«.

Mitunter jedoch müßten zuallererst die Ämter für Denkmalpflege und die städtischen Planungsbehörden aufgeklärt werden. Die Einwohner einer rheinischen Gemeinde machen gerade leidvolle Erfahrungen mit beiden. S.143

Das Straßendorf Breinig im Landkreis Aachen, durch Eingemeindung Ortsteil der Industriestadt Stolberg, wurde vor zehn Jahren unter »Ensembleschutz« gestellt. Begründung des Landeskonservators: Sein Wert sei »für die Rheinlande einmalig und deshalb überhaupt nicht einzuschätzen«.

Tatsächlich ist die rund einen Kilometer lange Dorfstraße »Alt Breinig« eine Rarität: Die Häuser zu beiden Seiten sind einheitlich in sichtbar belassenem Bruchstein, zum Teil in Verbindung mit Fachwerk, errichtet.

Freilich sind die so robust wirkenden Steinwände auch besonders empfindlich: sie wurden, zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert, durchweg ohne Fundament gebaut und stehen direkt auf Schiefer. Zudem ist der Mörtel des Mauerwerks aus Kalktraß und bietet nach 200 Jahren keine feste Bindung mehr.

Prompt stürzte die Bruchstein-Grenzmauer eines Anwesens ein, als Tiefbauarbeiter ihr bei Ausschachtungen zu nahe kamen. Doch von der Straße drohte den Häusern keine Gefahr, solange sie lediglich gepflastert und von den S.144 Randflächen nur unwesentlich durch Gossenvertiefungen abgesetzt war. Der Verkehr war spärlich.

Das änderte sich, als 1977 das Straßenverkehrsamt Kreis Aachen den Fahrweg Alt Breinig für sich entdeckte: Die Dorfwurde als Durchgangsstraße ausgeschildert.

Nun donnerten Brummis mit Traglasten bis zu 40 Tonnen durch Breinig; als dann ein Lastzug mit überhöhter Geschwindigkeit gegen zwei Häuser krachte, begann ein zäher Straßen-Kampf zwischen Bürgern und Behörden.

Mehrere Häuser zeigten gefährliche Risse - und Risse in Bruchsteinmauern sind fast immer irreparabel: Der Schaden ist nur durch Abriß und Neuaufbau zu beheben.

Das Straßenverkehrsamt befand jedoch, Alt Breinig sei weiterhin »geeignet, den derzeitigen Verkehr aufzunehmen«, und empfahl die üblichen »baulichen Verbesserungen« - an Gehwegen, Bordsteinen und Quergefälle. Die Stadt Stolberg versuchte sogar eine »Aufweitung« der Straße zu erzwingen: breitere Schneisen auf Kosten der Bausubstanz.

Die Bewohner suchten Beistand beim Landeskonservator in Bonn, und dessen Empfehlungen klangen zunächst tröstlich. So sei »unbedingt notwendig«, ermahnte er die Stadtverwaltung, die Kreisstraße »an Breinig vorbeizuziehen«; außerdem »wäre es gut«, in Alt Breinig selbst »die Geschwindigkeit auf 30 km/h zu begrenzen«.

Dann geriet das Dorf unter die Obhut von Dr. Frank-Joachim Kretzschmar S.145 vom Rheinischen Amt für Denkmalpflege, und dessen Korrespondenz mit der Stolberger Stadtverwaltung schien den Breinigern durchaus dazu angetan, seine Daseinsberechtigung als Denkmalpfleger anzuzweifeln.

Im Februar vergangenen Jahres schrieb Kretzschmar noch: Bei einem Ausbau der Straße »sollte zum Schutz der Bruchsteinbauten von einer Asphaltierung und von einer Abtrennung der Straße durch erhöht liegende Bürgersteige abgesehen werden«; statt dessen sollte der Fahrweg »durch eine Gossenabsenkung vom Fußweg abgetrennt werden«.

Vier Monate später empfahl er plötzlich »einen dunklen Straßenasphalt« sowie »Gehwege mit kleineren quadratischen Betonsteinen«.

Zuletzt erklärte er: »Eine Straße ist einem ständigen Wandel unterworfen, und heute werden bestimmte Voraussetzungen an eine Straße gestellt, die viel Verkehr aufnehmen muß.«

Seitdem fragen sich die Einwohner von Breinig, warum ihre Straße »viel Verkehr aufnehmen muß«. Denn über alle untergeordneten Instanzen hinweg hatte die Düsseldorfer Landesregierung nach dem Lkw-Knall Alt Breinig für Schwerlastverkehr über 2,8 Tonnen gesperrt, und auch der Anliegerverkehr eines benachbarten Neubaugebiets sollte über eine neue Straße abgewickelt werden.

Doch diese Verbindung wird nun, nach dem Willen der Stolberger Strategen, »aus Gründen der Verkehrssicherheit« nicht gebaut. Statt dessen begann der Ausbau von Alt Breinig - und damit eine Gefährdung des gesamten geschützten Häuserensembles.

Um die Gehwege dem buckligen Straßenscheitel im Niveau anzupassen, werden die Bürgersteige nun durchweg angehoben, stellenweise bis zu 30 Zentimeter - mit haarsträubenden Folgen:

* Die Häuser versacken im Bürgersteig, Türschwellen verschwinden, Kellerfenster werden gleichsam zu Gullys;

* Regenwasserleitungen und Hausanschlüsse haben teilweise gar kein oder falsches Gefälle.

Gerade an ihren verwundbarsten Stellen, zwischen Schiefergrund und Mauersockel, sehen die Breiniger nun ihre Häuser gefährdet: »Zu den Erschütterungen durch den Verkehr«, so ein Anrainer, »kommt auch noch die Aggression durch das Wasser.«

Auf die dringend empfohlene Geschwindigkeitsbegrenzung dürfen die Bewohner wohl ohnehin nicht länger hoffen. Das Tiefbauamt von Stolberg, so wurden sie beschieden, habe keinen Auftrag, über verkehrsberuhigende Maßnahmen für Alt Breinig nachzudenken.

Die wurden mittlerweile auf den modern und großzügig ausgebauten Fahrbahnen und Gehwegen im benachbarten Neubaugebiet realisiert.

Während künftig auch der Verkehr zu dieser Siedlung durch Alt Breinig gequetscht werden soll, dehnen sich nebenan die öden Flächen »möblierter Wohnstraßen« - mit unsinnigen Bordsteinschlangen, tristem Pflastermuster und Blumenbeeten vor Garagenzeilen, die die Wohnlichkeit von Heldenfriedhöfen verbreiten.

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