Am Rande Geh-Analyse
Die einen schlurfen übers Trottoir, als wären sie ein Feudel auf zwei Beinen, die anderen schweben vergeistigt wie Goethes Werther über den Bürgersteig, als könnten sie schon in der nächsten Sekunde abheben. Es gibt den Sturmschrittgeher und den Marschierer, den flanierenden Lustwandler und den zielbewusst pragmatischen Power-Walker. Hektisches Trippeln und langsames Watscheln, stockendes Vorwärtstapern und maskulines Ausschreiten - so viele Menschen, so viele Arten, sich durch den Dschungel der Großstädte zu bewegen! Endlich hat nun ein »Stadtethologe« namens Atzwanger, Klaus Ordnung in dieses Chaos gebracht und Tempo, Motivation und Eigenart des Gehens in verschiedenen Metropolen untersucht. Das Ergebnis der Geh-Analyse: Wir haben es nicht nur mit einem Mann/Frau-, sondern auch mit einem eklatanten Nord/Süd- und einem Reich/Arm-Gefälle zu tun. Während im wohlhabend geschäftigen Hamburg die durchschnittliche Geh-Geschwindigkeit den Spitzenwert von 5,33 Kilometer pro Stunde beträgt, schlurft der ideelle Gesamtgeher in der Biergarten-Metropole München mit lahmen 5,04 km/h über die Leopoldstraße. In Wien, wo bekanntlich der Tod zu Haus ist, bewegt man sich gar mit der gerontologischen Schildkrötengeschwindigkeit von gerade mal 5,00 km/h ins Kaffeehaus, bevor man sich dann wieder für viele Stunden ins Burgtheater setzt. Was die Wiener offenbar nicht wissen: Zügiges, flottes Gehen signalisiert evolutionsbedingt Status und Selbstbewusstsein, Geld und Erfolg. Kein Wunder, dass in Düsseldorf am Rhein derzeit akute Erhöhungen des mittleren Lauftempos gemessen werden. Grund: der »blau-gelbe Turbo«. So rufen wir ins Rheinland: Möllemann, geh Du voran!