Kunstraub Geiseln gerettet
In Florenz streikten die Museumswächter, die Gelegenheit war günstig für Ganoven. Sie nutzten ihre Chance zu einem der schwersten Kunstdiebstähle der letzten Jahre.
im Schutz der Arbeits-Ruhe verließen zwei Prachtstücke abendländischer Malerei aus dem 15. Jahrhundert unbehelligt den Palazzo Vecchio, das historische Rathaus der Stadt: eine Madonna des Florentiners Masaccio und ein Adligen-Porträt des Niederländers Hans Memling. Als auffiel, daß die handlichen (22 und 35 Zentimeter hohen) Werke fehlten, ließ sich die Tatzeit nur noch ungefähr ermitteln: zwischen dem 10. und dem 11. März 1971.
Danach blieben die Bilder, deren Marktwert (bei legalem Verkauf) auf je zehn Millionen Mark geschätzt wird, über zwei Jahre lang verschollen. Vergebens setzte die Regierung zehn Millionen Lire (fast 50 000 Mark) für die Wiederbeschaffung aus. Interpol führte Madonna und Edelmann auf der Liste der »zwölf meistgesuchten Bilder«.
Seit dem Sommer dieses Jahres sind sie nun doch zurück in italienischem Staatsgewahrsam, und zwar -- das macht die ohnehin gravierende Affäre doppelt anrüchig-zurück aus Deutschland.
in Deutschland nämlich hatten die Gemälde schon früher einmal unter dubiosen Umständen gesteckt: das Manns-Bild im Depot für Adolf Hitlers in Linz geplantes Kunstmuseum. die Gottesmutter in Privathand. Nach dem Krieg waren beide als italienisches Kulturgut von Roms »bevollmächtigtem Gesandten« ("Ministro") für die »Rückerstattung von Kunstwerken«, Rodolfo Siviero, requiriert worden.
Beim Diebstahl 1971 will Siviero, 55 und immer noch in gleicher Mission aktiv, von Anfang an klar gesehen und »keine Zweifel« gehabt haben, »daß die Auftraggeber dieselben wie damals waren, die Überlebenden der alten Nazigarde«. Als Rückfall-Täter, so brüstete sich Siviero italienischen Zeitungen zufolge, habe er »zwei einstige SS-Offiziere« überführen können.
Wie verschlungen allerdings die Rück-Wege der Gemälde, wie verteilt die Verdienste an ihrer Heimkehr und wie verworren die Vor-Geschichten waren, läßt das selbstbewußte Gesandten-Wort kaum ahnen. Doch anders als die meisten, allseits mit großer Diskretion behandelten Fälle ist diese Kriminalstory nunmehr bis in Details rekonstruierbar.
Erste konkrete Hinweise waren schon wenige Wochen nach dem Diebstahl bei einer deutschen Behörde eingegangen. Aufgeschreckt durch die auch in deutschen Zeitungen verbreitete Raub-Nachricht, hatten sich bei der Staatsanwaltschaft in Essen drei Männer aus dem Ruhrgebiet (Martin Geißler, Otto Schumann, Karl Thiel**) mit einem vielsagenden Geständnis eingefunden. Sie bezichtigten sich selbst, ein halbes Jahr zuvor den Auftrag zu eben diesem Delikt angenommen zu haben. Nur: Sie hätten ihn nicht ausgeführt.
Vollendet hatten sie statt dessen einen anderen, schon im November 1970 aus dem Palazzo Vecchio gemeldeten Kunstdiebstahl:
Mit dem Vorsatz, die Gemälde von Memling und Masaccio zu entwenden, waren -- durch Geißlers Vermittlung angeheuert -- Schumann und Thiel wirklich nach Florenz gereist. An Ort und Stelle aber erschien ihnen das Wagnis zu groß. Um immerhin ihren schlimmen Willen zu beweisen, nahmen sie aus einem weniger gut gesicherten Ausstellungsraum im Palazzo einen Gobelin des Florentiner Renaissancekünstlers Raffaellino del Garbo mit. Am Abend des Tat-Tages stieß auch noch der telephonisch alarmierte Geißler zu ihnen.
In einer Autotür transportierten die drei ihre Beute dann nach Deutschland. Als der ungleich sensationelle Memling- und Masaccio-Raub publik wurde, gaben sie den Teppich über einen Mittelsmann an die Polizei.
Voll geständig, kamen Geißler, Schumann und Thiel im Juni dieses Jahres vor dem Essener Landgericht mit Freiheitsstrafen bis zu zwölf Monaten (zur Bewährung ausgesetzt) davon. Auf der Anklagebank fehlte, mit Krankmeldung, jener Mann, von dem sie angestiftet gewesen sein wollen, der ihnen aber den Gobelin nicht abkaufen mochte: der Dortmunder Kaufmann ("Zelte-Koch") und Kunstsammler Franz Josef Koch, 39. Eine neue Verhandlung gegen ihn ist noch nicht anberaumt.
Laut Geißlers Aussage (die der so Bezichtigte freilich als »Märchen« abtut) hatte Koch im Herbst 1970 bei ihm die Bilder-Entführung bestellt; vereinbarter Lohn: 50 000 Mark und zwei Autos für Geißler, je 20 000 Mark für die Handlanger. Nach dem Scheitern der Aktion soll Koch auch noch auf einem zweiten Versuch bestanden haben. Als aber Schumann und Thiel wiederum reisefertig waren, sagte der Auftraggeber ab: Der georderte Raub war schon von anderen ausgeführt.
Eine Haussuchung bei Koch, im Mai 1971, brachte weder die Gemälde noch Beweismaterial zutage -- außer den Fetzen eines zerrissenen Briefes, mit denen eine weitere Spur gelegt war: Als Absender des inhaltlich belanglosen Schreibens zeichnete der Münchner Kunsthändler Walter Andreas Hofer, 80.
Der Verdacht, Hofer könne in die Affäre verwickelt sein, lag nahe -- hatte doch der alte Herr in jüngeren Jahren schon einmal die gemalte Madonna in seinem Besitz gehabt.
Das war Hofers große Zeit; denn um 1937 hatte der Berliner Kunstkaufmann Dauer-Kontakt zu dem nächst Hitler gierigsten und mächtigsten Bildereinkäufer jener Ära gefunden: zu Hermann Göring. 1939 ernannte ihn der« sogar zum Direktor seiner Privatsammlung, ohne ihn übrigens je zum Partei-Eintritt ("Ich hätte mich ja nicht sträuben können") zu animieren.
Zusammen mit seiner Frau, die sich als Restauratorin nützlich machte, wohnte Hofer nun in Karinhall -- falls er nicht gerade zu Einkaufsfahrten, etwa in die besetzten Niederlande, nach Frankreich oder Italien, unterwegs war.
Das Masaccio-Bild jedoch, das damals noch als Werk eines fast unbekannten Frührenaissancemalers namens Pesello galt, brachte der Galeriechef von keiner Auslandsreise mit; es ist keineswegs während des Krieges »heimlich aus Italien ausgeführt« und somit »zweimal gestohlen« worden, wie die von Siviero inspirierte italienische Presse in diesem Sommer meldete. Im Gegenteil: Das Gemälde wurde heimlich nach Italien eingeführt.
Eine 1954 von dem (seither verstorbenen) Kunstsammler Hubert Menten unterzeichnete »Eidesstattliche Erklärung« besagt, er -- Menten -- habe das Gemälde am 16. Januar 1941 an Hofer verkauft. Ort der Transaktion: Berlin. Menten, so das Dokument weiter, habe die Madonna 1921 vn~ der Münchner Kunsthandelsfirma Julius Böhler erworben; sie sei dann bis zum Verkauf »ununterbrochen in meinem Besitz &
* Mit Bildern von Memling (2) und Masaccio (12).
** Namen von der Redaktion geändert.
während dieser Zeit niemals in Italien« gewesen.
Erst Hofer selbst brachte das Bild, das er mit 24 000 Mark bezahlt und seiner Frau nachträglich zur späten Geburt einer Tochter zugeeignet hatte, wohl 1943 in Görings Sonderzug nach Italien -- sei es, weil er es dort begutachten lassen wollte und nur den Gutachter nicht antraf (so seine eigene Version), sei es, weil er doch vorhatte, es weiterzuverkaufen oder umzutauschen (Sivieros Verdacht).
Jedenfalls fuhr Hofer wieder ab, ließ seine Madonna im Gewahrsam eines Florentiner Adligen zurück und sah sich durch den weiteren Kriegsverlauf gehindert, sein Eigentumsrecht noch wahrzunehmen.
Als Gefangener der Alliierten. der nach Kriegsschluß beim »Collecting Point« in München helfen mußte, die von den Nazis zusammengerafften Kunstschätze zu identifizieren, machte Hofer dann die Bekanntschaft des italienischen Experten Siviero -- und bat ihn um Hilfe bei der Rückführung seines in Florenz verbliebenen Bildes.
Siviero freilich recherchierte bald, daß Hofer es seinerzeit, unter dem Schutz seines mächtigen Arbeitgebers, nicht nötig gefunden hatte, den (vorübergehenden) Import ordnungsgemäß zu deklarieren. Konsequenz: 1947 wurde das Gemälde, formaljuristisch unanfechtbar, als Schmuggelware vom italienischen Staat konfisziert.
Drei Jahre später stellte der Kunsthistoriker Roberto Longhi die Madonna mit Kind zum erstenmal wissenschaftlich vor, schrieb sie dem Renaissance-Pionier Masaccio zu und hob dabei rühmend hervor, das Werk sei »dank der Energie Rodolfo Sivieros als Nationalkunstbesitz erworben« worden. Mit einer von Siviero organisierten »Nationalausstellung in Deutschland wiedererlangter Kunstwerke« ging es später auf Schau-Tournee durchs Land; über seine Herkunft schwieg der Katalog (genau wie vorher Longhi) sich aus.
Weit präziser lasen sich die Angaben über ein anderes Hauptstück der Wanderausstellung: das »Porträt eines Edelmanns« von Hans Memling. Das Bildnis stammt laut Katalog aus der (privaten, doch als nationales Kulturgut registrierten) Sammlung Corsini in Florenz und war »am 11. Juni 1941 auf Befehl Mussolinis an Hitler verkauft worden«.
Die Order des Duce war allerdings nicht etwa an den ohnehin bereitwilligen Verkäufer gerichtet: sie war vielmehr eine Genehmigung zum Export, gegen den Unterrichtsminister Bottai in einem langen Brief an seinen Kabinettskollegen Ciano kulturpolitische und ökonomische, doch keine juristischen Bedenken erhob.
Siviero aber argumentiert, in Auslegung eines 1909 erlassenen Gesetzes, jeder Export qualifizierter Kunstwerke aus Italien sei illegal gewesen und daher nichtig. So jagte und jagt er ("II Giorno": »Für Siviero ist der Krieg noch nicht zu Ende") außer eindeutigem Nazi-Raubgut auch vielen freiwillig verkauften Bildern nach.
1948 gaben ihm die US-Besatzer recht. Zusammen mit 17 weiteren Kunstwerken mußte auch das Memling-Porträt ohne Entschädigung von München aus nach Italien zurückerstattet werden und ging dort in Staatsbesitz über. 88 deutsche Kunsthistoriker protestierten vergebens gegen diese »Preisgabe« der von den Alliierten zuvor verkündeten »Rechtsgrundsätze«.
Unfair behandelt kam sich offenbar auch Hofer vor. Er mochte sich sagen. die Schmuggelfahrt seiner Madonna sei im Jahr 1943 nicht außergewöhnlich gewesen und habe niemandem Schaden zugefügt.
Auf alle Fälle drängte Hofer weiter hartnäckig auf Rückerstattung des Bildes, das durch die Zuschreibung an Masaccio gewaltig im Wert gestiegen war. Zunächst prozessierte er erfolglos vor italienischen Gerichten, später konnte er, da seine Frau auch in der Sammlung Adenauer restaurierte, westdeutsche Politiker für sein Problem erwärmen. Am 1. Juni 1956 schrieb Außenminister Brentano an den CDU -Abgeordneten und Adenauer-Freund Pferdmenges: »Hoffentlich gelingt es, Herrn Hofer nun bald zu seinem Recht zu verhelfen.« Auch das fruchtete nichts.
Nachdem aber das Gemälde 1971 in Florenz gestohlen worden war, blieb Hofer zwei Jahre lang unbehelligt -- obwohl er in den Ermittlungsakten als Vorbesitzer verzeichnet stand und trotz den bei Koch gefundenen Brieffragmenten.
Weder Staatsanwalt noch Kriminalpolizei noch das zuständige italienische Interpol-Team, mit dem die Deutschen ihre Kenntnisse austauschten, kam auf die Idee, den Schützling Hermann Görings zu befragen. Auch Naziriecher Siviero unternahm nichts, und die erbittert mit ihm konkurrierenden Carabinieri setzten erst einmal Mitarbeitern des »Zeit-Magazins« nach, die kurz vor dem Masaccio- und Memling-Diebstahl beide Bilder hatten photographieren dürfen -- dank einer Spezialgenehmigung Sivieros.
Erst ein Privatmann, bei stagnieren. den Recherchen von Siviero um Beistand gebeten, nahm die Fährte auf: der Restaurator und Kunsthändler Jan Dik, 57. Der am Schweizer Ufer des Genfer Sees residierende Holländer, der außerdem Wohnungen in München und Rom unterhält, hatte seit langem Kontakt mit Siviero.
An Hofer, den er während des Krieges in Holland als Handelspartner kennengelernt hatte, wandte sich allerdings auch Dik erst nach einigem Zögern. Vom zuständigen Kripo-Beamten Siegfried Kraienhorst in Recklinghausen über den Brieffetzen-Fund informiert, tauschte er endlich ab März dieses Jahres in München zahlreiche Besuche mit dem Senior-Kollegen.
Schon bei der zweiten Aussprache Diks mit Hofer gab dieser seine Bekanntschaft mit dem verdächtigten Dortmunder Kunstfreund Koch zu und erklärte sich bereit, an einer Rückgabe der gestohlenen Bilder mitzuwirken, suchte aber noch einen saftigen Profit für sich herauszuhandeln. Innerhalb von zehn Tagen könne er jedenfalls den Masaccio und dann möglicherweise auch den Memling herbeischaffen.
Tatsächlich steckte das Masaccio-Bild schon seit dem 14. August 1972 in einem Safe der Dresdner Bank in München, den Hofer gut zwei Monate vorher auf den Namen einer Schwägerin gemietet hatte. Am 30. März übergab er das Wertstück dann in seiner Wohnung an Dik, der es zunächst nach Zürich und anschließend nach Lugano verfrachtete. Dort, im italienischen Generalkonsulat, konnten Siviero und der römische Kripo-Offizier Alberto Sabatino. es am 9. April in Empfang nehmen.
Hofer. schon bescheidener geworden, erhielt einen (später von ihm zurückgezahlten) Betrag von 50 000 Mark. Angeblich brauchte er die Überweisung, um Koch glaubhaft zu machen, die Rückgabe des Memling-Bildes werde sich auszahlen.
Um auch diesem zweiten Beutestuck auf die Spur zu kommen, ließ sich Amateurdetektiv Dik von Hofer ein Gespräch mit Koch arrangieren, das am 17. April in München stattfand. Unter vier Augen erklärte der Industrielle, der Memling sei in den Händen zweier »Mafiosi« in Paris, zu denen er Kontakt herstellen könne, doch müsse zur Auslösung des Bildes Bargeld her, zumindest 600 000 Mark.
Diese Summe nämlich war als Wertangabe auf einer Quittung eingetragen, die Hofer beim Empfang des Masaccio unterzeichnet hatte. Daß der alte Herr das Gemälde den Italienern zurückerstattet habe, ohne das Geld aufbringen zu können. setze ihn -- so Koch -- der Rache der Mafiosi aus.
In dieser Situation mußten Dik sowie die deutschen und italienischen Kriminalpolizisten diplomatisch zu Werke gehen; denn die Diebe berühmter und daher kaum verkäuflicher Gemälde pflegen nach dem Prinzip der Geiselnahme zu taktieren. Verweigert der bestohlene Eigentümer ein gefordertes Lösegeld oder treibt er die Gangster so in die Enge, daß sie die Nerven verlieren, hat er mit der Vernichtung des Kunstwerks zu rechnen.
Nach weiteren Vorgesprächen mit Koch entschlossen sich die Verfolger (Dik, Sabatino, Kraienhorst) dazu, gemeinsam den Angeschuldigten in Dortmund aufzusuchen und ihm sowie seinem Anwalt vorsichtig die Chancen und Risiken der Lage darzutun. Noch ehe sie vollzählig waren, traf -- am 20. Juni -- überraschend auch Siviero ein.
Koch lag seit Anfang des Monats, nämlich seit den Tagen vor der Prozeßeröffnung gegen Geißler, Schumann und Thiel, in den Dortmunder Städtischen Krankenanstalten. Vom Besuch des italienischen »Ministers«, den er dort zusammen mit Dik empfing, zeigte er sich »sehr beeindruckt« (Siviero). Dik freilich fand es für das Verhandlungsziel gefährlich, einerseits kaum haltbare Versprechungen auf Strafmilderung, wenn nicht gar Verfahrenseinstellung abzugeben, andererseits mit dem Haftbefehl zu drohen, wie es Siviero tat.
Im Streit mit seinen Bundesgenossen und in der Einsicht, daß »meine Anwesenheit eine gewisse Konfusion hervorrief«, reiste der Römer wieder ab, während die übrigen weiterverhandelten. Koch, so schließlich das Resultat des Palavers, versprach sein Mögliches für die Herbeischaffung des Memling-Porträts zu tun, sowie er wieder auf den Beinen sei.
Alsbald genesen, zitierte Koch in der folgenden Woche einmal Dik und Sabatino nach Amsterdam, dann wieder stellte er Tel Aviv als Übergabe-Ort in Aussicht. Endlich ließ er wissen, die Gangster aus Paris seien willens, das Bild in Zürich bereitzustellen.
Am 28. Juni waren Dik und Sabatino dort. Von Koch minuziös instruiert, begaben sie sich um ein Uhr mittags ins Hotel »City«, Zimmer 404, und fanden, was sie suchten: Memlings »Edelmann« lag unversehrt unter einer Matratze.
Kaum war das Bild zurück in Rom, so trommelte Sivieri Fernsehen und Presse zusammen und ließ sich allein als Kunst-Retter feiern; insbesondere Dik, der außerdem Mühe hat, seine in die Recherchen investierten Spesen erstattet zu bekommen, nimmt ihm das krumm. Doch auch das früher offenbar gute Einvernehmen zwischen Hofer und Koch hat durch die Affäre schwer gelitten: Jeder beschuldigt nun den andern, den Gemälderaub inszeniert zu haben.
Trotzdem läßt sich die Vorgeschichte des Delikts jedenfalls in Umrissen nachzeichnen. Es steht fest, daß Koch und Hofer einander seit Jahren kannten und daß Hofer zumindest ein holländisches Bild an Koch verkauft hatte. Im Mai 1969 war er zu Besuch in Dortmund, wo Koch auf der Gartenbauausstellung »Euroflor ein Riesenrad und eine Großrestauration betrieb. In Unterhaltungen, an denen auch ominöse Dritte teilnahmen, kam die Geschichte des Masaccio-Bildes zur Sprache.
Denn mittlerweile hatte das Ehepaar Hofer. das regelmäßig in Italien Urlaub machte, erfahren, das Gemälde sei in Florenz ausgestellt, und hatte es da auch in Augenschein genommen: in einem Spezial-Raum des Palazzo Vecchio, der nur auf Verlangen vom Aufseher geöffnet wurde.
Im September 1970, etwa zwei Monate vor dem verunglückten Diebstahl von Schumann und Thiel, führte dann Hofer gemeinsam mit seiner Frau auch Koch in diesen Saal. Angesichts der handlichen Madonna will jeder vom anderen Vorschläge zum Diebstahl gehört und sich dagegen verwahrt haben. Koch, laut Koch, zu Hofer: »Bei Ihnen stimmt's wohl nicht.«
Doch wogen die behaupteten Meinungsverschiedenheiten keineswegs so schwer, daß Koch und Hofer nicht weiter freundlichen Kontakt gepflegt hätten. So setzten sie sich, samt ihren Frauen, während des ersten Vierteljahres 1971 einmal im Münchner »Bayerischen Hof« zum Abendessen zusammen. Koch datiert das Treffen in die Zeit vor dem Bilderdiebstahl, nach Hofers Erinnerung fand es kurz danach statt -- Koch sei ans Telephon gerufen worden und anschließend mit der Nachricht zurückgekommen: »Die Dinge sind raus.«
Bilderjäger Siviero will sogar erfahren haben, die Herren hätten dieses Ereignis mit dem Trinkspruch· gefeiert: »Der Nazismus hat gesiegt!« -- nicht gerade glaubhaft. Überhaupt dürfte die Kennzeichnung der beiden Akteure als »heimwehkranke Nazis« und »Ex-SS-Offiziere« unhaltbar sein. Auf den Hinweis, daß Koch bei Kriegsende erst elf Jahre alt war, reagiert Siviero mit der Version, dann müsse er eben ein »Nach-Nazi« geworden sein. Andere falsche Behauptungen, mit denen er in der italienischen Presse zitiert wird, legt er journalistischer Unzuverlässigkeit seiner Landsleute zur Last.
In Wahrheit sind politische Motive der Affäre nicht erweislich. Es ist auch so gut wie sicher, daß in das bislang noch unentwirrte Geflecht von Komplicenschaften keineswegs nur Deutsche verstrickt sind. Da im Palazzo Vecchio Einbruch-Spuren nicht zu entdecken waren, ist mit Helfershelfern aus dem einheimischen Hauspersonal zu rechnen.
Unangekränkeltes Profitstreben und gekränkter Besitzerstolz scheinen tatsächlich weniger von Nazi-Weltanschauung als durch eine sentimentale Note eingefärbt: Weil seine schwerkranke Frau den Masaccio »noch einmal um sich haben wollte«, sagt Hofer, habe Koch ihm das Gemälde (gegen Quittung) »überbracht«.
Koch seinerseits ließ den SPIEGEL wissen, Hofer müsse das Corpus delicti unmittelbar von den »Franzosen« erhalten haben. Er selbst will als unschuldiges Opfer einer »reinen Erpressung« in die Sache hineingezogen worden und »uneigennützig« um Aufklärung bemüht sein. Details über diesen Hergang mag er aber nicht berichten, weil »die Gefahr für mich persönlich zu groß« wäre.
Ungeklärt bleibt vorerst noch, was mit den gestohlenen Bildern weiter geplant war. Eine abenteuerliche Version, die in Gesprächen zwischen ihm und Koch aufgetaucht sein soll, hat Hofer zu Protokoll gegeben:
Danach hätte es der- Sinn des Doppel-Diebstahls sein können, eines der beiden Bilder, nämlich das Memling-Porträt, den Italienern zurückzugeben und so das andere, den Masaccio, freizukaufen. In diesem Fall wären -- bei einem möglichen Verkaufserlös von zehn Millionen Mark -- Mühe und Aufwand für den Diebstahl allerdings wohlinvestiert gewesen.
Tatsächlich dürften die italienischen Behörden Kunsträubern insgeheim so manche Konzession und manche Lira zugestehen, um unersetzliche Werke wiederzubekommen. Die Vorstellung jedoch, ein Staat könne es sich leisten, ein gestohlenes Gemälde hochoffiziell im Tauschhandel an Kriminelle abzutreten, zeugt von geradezu rührender Weltfremdheit.
Da hat Siviero schon recht: »Es ist etwas Irrationales an der ganzen Geschichte.«