Geld oder Leben - DER SPIEGEL
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KINO Geld oder Leben

»Washington Square« steht in einer Reihe bemerkenswerter Henry-James-Verfilmungen. Warum erlebt der US-Klassiker eine solche Leinwand-Renaissance?
• aus DER SPIEGEL 15/1998
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Jennifer Jason Leigh hätte die Hauptrolle fast nicht bekommen: Nach all den Huren, Junkies, Alkoholikerinnen, Inzestopfern und Psychopathinnen, die sie in ihrer Karriere dargestellt hat, konnte sich die Regisseurin von »Washington Square« nicht recht vorstellen, daß Leigh ins Korsett einer jungen Dame aus den besten New Yorker Kreisen anno 1850 paßt. Noch dazu einer Dame, die vom Autor der Romanvorlage als zwar »ausnehmend und unbeirrbar gut«, aber auch als »Allerweltskind« geschildert wird: träge, verhuscht, verschüchtert und mausgrau.

Dabei gefiel der Extrem-Darstellerin Leigh, 36, gerade die Schüchternheit, »die viel dichter an meinem eigenen Charakter dran ist als alle meine anderen Rollen«.

Es sind in erster Linie Darstellerinnen und Regisseurinnen, die derzeit den amerikanischen Klassiker Henry James (1843 bis 1916) auf der Leinwand wieder zum Leben erwecken - weil sie in seinen Geschichten eine erstaunliche Aktualität entdecken oder weil sie sich, wie Leigh, mit seinen Frauenfiguren identifizieren. Drei von James' Romanen sind innerhalb weniger Jahre neu verfilmt worden: »Washington Square« von Agnieszka Holland startet gerade in Deutschland; »Wings of the Dove«, der seine Hauptdarstellerin Helena Bonham Carter in die Oscar-Auswahl katapultierte, wird in einigen Monaten folgen; und »Portrait of a Lady« von Jane Campion war 1997 zu bewundern.

Dreimal geht es um junge, unerfahrene Erbinnen, die von geldgierigen Gewinnlern im Krieg der Geschlechter umgarnt werden. Dreimal schickt James seine verwundbaren Heldinnen durch eine Feuertaufe von Versuchung, Ekstase, Enttäuschung, Schmerz und Verrat - und dreimal lernen sie dadurch ihren eigenen Charakter kennen, Stärken wie Schwächen.

Es ist auffällig, daß gerade diese Henry-James-Romane derzeit en vogue sind, und deshalb wäre es falsch, die Adaptionen schlicht als angestaubte Salon-Romanzen abzutun. Denn die romantischen Augenblicke sind das letzte, worauf die Filmemacher in ihrer neuen Lesart der Vorlagen hinauswollen.

Vielmehr wird James als Lieferant von Frauengeschichten entdeckt, die zwar von Emanzipation und dem Weg zu weiblicher Selbstachtung handeln - dies aber nicht um den Preis psychologischer und moralischer Einfalt. Im Gegenteil: Jeder Jamessche Roman webt ein meisterhaftes Geflecht aus Beziehungen, Motiven, Eigenschaften und Erfahrungen, in dem sich alle Charaktere verheddern. Bei James, der mit sarkastischem und moralischem Impuls zugleich schrieb, ist jede Figur schillernd, jede Tat vielfach motiviert.

Auch die Psyche seiner jungen Damen leuchtet er so subtil und präzise aus, daß ihnen ihre Abstammung aus dem späten 19. Jahrhundert kaum anzumerken ist, und selbst ihre Sorgen wirken erschreckend frisch: die Kommerzialisierung menschlicher Beziehungen, die Frage, ob Geld oder Leben - das kennen Frauen auch an diesem Fin de siècle. Beim »Allerweltskind« Catherine Sloper dauert es einige Zeit, bis sich die unterschätzten Eigenarten ihres Charakters offenbaren. Gerade 20 Jahre alt, ist sie auf dem besten Weg, eine alte Jungfer zu werden. Ihr Vater, ein angesehener Arzt, zeigt sich enttäuscht von dem ungeschickten, wenig geistreichen Nachwuchs. Dennoch hat sie durch sein Testament viel Geld zu erwarten: 30 000 Dollar pro Jahr.

Aber nur ein einziger Mann wirbt um die Mauerblume, der ausnehmend attraktive, narzißtische Nichtstuer Townsend (Ben Chaplin), der im Grunde nur eines will: Catherines Erbe. Ihr Vater (Albert Finney) wehrt sich deshalb von Anfang an gegen die Verbindung. Er ahnt den Mitgiftjäger. Er hat recht - und doch setzt er sich ins Unrecht: eine typisch Jamessche Volte. Sein Urteil erwächst aus Herzenskälte, aus Verachtung (und Fehleinschätzung) seiner Tochter und aus einer Ratio, die nur die Umstände des Werbens versteht, nicht aber das Sehnen Catherines. Sie will geheiratet werden von dem Mann, den sie liebt - egal, ob er ihre Leidenschaft erwidert.

Als Catherine einsieht, daß der Vater, den sie stets verehrt hat, sie für dumm und wertlos hält und daß ihr Geliebter nur ihr Erbe will, entscheidet sie sich bei James als innerlich gereifte, passiv-aggressive Rebellin gegen beide. Ohne Liebe fristet sie ihre Tage im geerbten Haus. Der Film hingegen schreibt ihr eine Selbstverwirklichung zu, die klar sein Entstehungsdatum verrät: Die verlassene, verschmähte Catherine richtet einen Privatkindergarten ein, in dem sie Freude und Bestärkung findet.

Die aus Polen stammende Agnieszka Holland ("Hitlerjunge Salomon"), 49, ist eine gewissenhafte, fast pedantische Filmemacherin, weit entfernt von den lyrischen Extravaganzen, die sich Jane Campion mit dem »Portrait of a Lady« erlaubt hatte. In diesem Fall erweist sich das als Vorzug, denn Holland zieht die Zuschauer beharrlich in das Beziehungschaos von Vater, Tochter und Verehrer hinein, bis die Zuschauer selbst kaum noch einen Ausweg sehen aus den engen, dunklen, viktorianisch überladenen Räumen am Washington Square.

Außerdem hat Holland mit Jennifer Jason Leigh (die den Part schließlich doch bekam) eine Darstellerin gefunden, die Catherine nur zu gut versteht - und die ganz genau weiß, warum diese stille junge Frau im Korsett das Recht hat, so bitter und so verzweifelt zu sein wie alle Huren und Junkies von Hollywood. Susanne Weingarten

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