Genie im Urwald - DER SPIEGEL
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Pop Genie im Urwald

Der Sänger Paul Simon kreuzt alte Hits mit frischen Ethno-Klängen - auf seiner Deutschland-Tournee präsentiert er nun sein Lebenswerk.
• aus DER SPIEGEL 24/1991
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Bühne ist so groß wie ein Marktplatz - und wer darauf den Star des Abends entdecken will, muß mindestens zweimal hinschauen. Vor einem Wall von Trommeln, umgeben von einem Haufen wilder Männer aus Brasilien, Südafrika, Kamerun und Amerika, steht da ein kleiner Mann, zieht die Schultern zusammen und versucht zu lächeln.

Ein wenig verkrampft wirkt das schon, doch Paul Simon, 49, hat allen Grund zur Freude. Er präsentiert sein Lebenswerk - und er macht das origineller als die Kollegen von den Rolling Stones, den Bee Gees oder The Who.

Auf seiner Tournee, die unter dem Motto »Born at the Right Time« steht, will Paul Simon mehr als nur die altbewährten Hits in den altbewährten Arrangements herunterspielen. Und deshalb hat er seine millionenfach kopierten, in Supermärkten und Hotelbars zu Tode gegeigten Songs ein wenig verwandelt, hat seine alten Kompositionen noch einmal zu erfinden versucht - als Ethno-Pop-Nummern, die von afro-brasilianischen Rhythmen angetrieben werden.

Solche Extravaganzen sind typisch für Paul Simon. Trotz aller Zurückhaltung ist der Mann mit dem Stirntoupet und dem Hundeblick unter all den in die Jahre gekommenen Superstars der erfindungsreichste und noch immer so rastlos wie kein anderer.

Im Verlauf seiner 34jährigen Karriere hat der Sänger 48 Millionen Platten verkauft, drei Grammys in die Vitrine gestellt und sich zu einem der reichsten Musiker der Welt emporgearbeitet. Er hat fast alles erreicht, was einer im Pop-Geschäft erreichen kann, nur eines nicht: die Gelassenheit, es sich irgendwann einmal leichtzumachen. Er ist dazu verdammt, der Musterschüler des Pop zu bleiben. Wann immer er die »Sounds of Silence« (wie sein größter Hit heißt und das Leitmotiv seines Schaffens) hören, fühlen und dann spielen will, muß er sich das hart erarbeiten.

In mittlerweile fünf Dekaden hat der emsige New Yorker seine Spuren hinterlassen. In den Fünfzigern spielte er mit seinem Partner Art Garfunkel unter dem Namen Tom & Jerry naiv-fröhlichen High-School-Rock'n'Roll, zu dem die Teenager in den Nachmittags-Cafes tanzen konnten. In den sechziger Jahren fingen die beiden, nun unter ihren richtigen Namen, mit zarten Folkballaden die verwirrten Gefühle einer ganzen Studentengeneration auf, die sich, geschockt von der Ermordung Kennedys, vom Krieg in Vietnam und vom Kapitalismus als solchem, entfremdet fühlte und nicht mehr wußte, ob der amerikanische Traum noch der ihre war.

In den siebziger Jahren versuchte Paul Simon, inzwischen getrennt von Garfunkel, die Mühsal des Älterwerdens mit Reggae-Rhythmen, Gospels und lakonischen Großstadtballaden zu bewältigen. Und in den achtziger Jahren fusionierte er die anglo-amerikanische Musik mit den Klängen der Dritten Welt. Das Album »Graceland« popularisierte den »Township Jive« aus den Gettos Südafrikas - und die afrobrasilianischen Trommelklänge auf dem Album »Rhythm of the Saints« sollen, so will es jedenfalls Simon, in die Popmusik der Neunziger weisen.

Mit seinen musikalischen Stilwechseln hat sich auch die Arbeitsweise von Paul Simon geändert. Als seine Karriere anfing, klopfte er noch persönlich an die Türen der Pop-Geschäftsleute und trug ihnen, im Gang, seine Songs zur Klampfe vor. Heute arbeitet er wie ein Jet-Set-Archäologe: Er bereist den südamerikanischen Urwald und andere ferne Gegenden, sein Tonband hat er immer dabei, und damit zeichnet er jedes musikähnliche Geräusch auf, das ihm vors Mikrofon kommt.

Er ist noch immer auf der Suche nach jenem Reiz, den der Rock'n'Roll für ihn in den fünfziger Jahren hatte. »Als ich damals am Radio drehte«, sagt er, »kamen mir die Geräusche und Melodien fremd, exotisch und aufregend vor. Genauso geht es mir heute, wenn ich brasilianische Trommeln und afrikanische Gitarren höre.« Der Ethno-Pop als Aufputschdroge für alternde Künstler.

Die Plünderungszüge des romantischen Perfektionisten haben das Publikum gespalten. Manche halten Simon für ein Genie, weil er die Popmusik mit neuen Rhythmen und Klängen auffrischt. Andere schimpfen ihn einen Kultur-Imperialisten, weil er fremde Kulturen ausbeute, die er nicht einmal wirklich verstehe. So urteilt das englische Fachblatt New Musical Express: »Simon hat einige der aufregendsten Sounds der Welt genommen und sie mit glatten Kabarett-Arrangements und langweiligen Midlife-Crisis-Texten verkrüppelt.« Darüber hinaus werfen ihm viele vor, er bezahle die Quellen seiner Inspiration nicht anständig. Tatsächlich hat Simon, was die Beteiligung seiner Musiker an den Rechten angeht, rigide Vorstellungen: »Das Schreiben eines Songs besteht für mich vor allem im Erfinden einer Melodie und eines Textes. Getrommel allein genügt nicht.«

Hinter den schroffen Sprüchen und dem geizigen Gehabe aber verbirgt sich ein sensibler und neurotischer Intellektueller, der besessen an seinen Projekten arbeitet und auf Vorgaben keine Rücksicht nimmt: Etat ist, was Simon ausgibt, und manche neue Platte kommt nicht etwa zum angekündigten Termin auf den Markt - sondern dann, wenn Simon mit der Aufnahme zufrieden ist. Für seine letzte LP, eine der teuersten Produktionen der Pop-Geschichte, brauchte Simon drei Jahre, für seine derzeitige Tournee probte er mit seiner United-Colors-of-Ethno-Pop-Big-Band drei Monate lang, davon zwei Wochen in einer Football-Arena in New Jersey - nur um sich an die gigantische Bühne zu gewöhnen.

Er wird demnächst 50 Jahre alt, und er beteuert, daß er sich niemals so gut gefühlt habe wie heute. Von jenem jugendlichen Pessimismus und der sanften Larmoyanz, die ihn zum charismatischen Poeten seiner Generation werden ließen, will er heute nichts mehr wissen. »Damals«, sagt Paul Simon, »waren wir alle sehr jung und haben die Attitüden des Existentialismus übernommen, ohne etwas Eigenes erlebt zu haben.« Heute sei das anders, heute fasziniere ihn die Welt mit all ihren Farben und Stimmungen und wundersamen Klängen.

Paul Simon muß, im Gegensatz zu den Kollegen seiner Generation, nicht fürchten, daß er sich mit zunehmendem Alter als Pop-Figur lächerlich macht: Er ist nicht zu ewiger Jugend verurteilt. Zum Sexsymbol hat er nie getaugt, als Rebell ist er auch nicht aufgefallen. Wenn die Mädchen etwas von ihm wollten, dann diskutierten sie mit ihm über Gedichte, und wenn er einmal etwas Außerordentliches wagte, dann spielte er auf einer Wahlveranstaltung für den demokratischen Präsidentschaftskandidaten George McGovern.

Paul Simon, der Liebling der Bildungsbürger, wird sich noch lange auf großen Bühnen verstecken. »Schließlich«, so sagt er, »gibt es Ray Charles auch immer noch.« Er wird immer ein paar begabte Farbige finden, die neuen Schwung in seine alten Stücke bringen. Und was kann er schon dafür, daß jene Schwarzen, die heute für Exotik auf der Bühne sorgen, seine Hits schon vor 20 Jahren zur Zerstreuung vor Luxustouristen spielten: in Afrika und natürlich in der Originalversion. Damals hieß der Ethno-Sound noch Volksmusik - und Pop war etwas ganz anderes.

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