Gedenkstätten Genug bemitleidet
Seligmann, 47, lebt als Schriftsteller in München.
Es hat mich immer auch getröstet, mich sogar nach Berlin zurückgeholt, daß sich hier die Wunden des Krieges nicht schlossen.« Seit dem Fall der Mauer muß Lea Rosh diesem Trost entsagen. Sein Preis, die Unfreiheit und die moralische Korrumpierung von 17 Millionen Menschen, hat die Journalistin wenig geschert.
Kaum war der eine Trost dahin, organisierte sich Lea Rosh schon den nächsten. Bereits Anfang 1989 hatte sie gemeinsam mit Willy Brandt, Günter Graß und einer Reihe notorischer Wichtigtuer, wie Walter Jens, Udo Lindenberg und Alfred Hrdlicka - ja eben jener, der Wolf Biermann jüngst die Nürnberger Gesetze an den Hals gewünscht hatte - die Bundesregierung, Berlin und die Länder dazu aufgerufen, »endlich für die Millionen ermordeter Juden ein Mahnmal in Berlin zu errichten . . . um in aller Öffentlichkeit zu dokumentieren, daß wir die Last unserer Geschichte annehmen, daß wir aber ein neues Kapitel in dieser unserer Geschichte zu schreiben gedenken«.
Die sprachliche Nähe zu Helmut Kohl kommt nicht von ungefähr. Der Bundeskanzler persönlich entschied geraume Zeit nach vollbrachter deutscher Einheit, in Berlin das Grundstück zur linken Hand von »Führerbunker« und Speerscher Reichskanzlei für den Bau eines deutschen Holocaust-Memorials zur Verfügung zu stellen.
Warum? Übertriebene Sympathie für die sozialdemokratische Wiedervereinigungsgegnerin dürfte der konservative Einheitskanzler kaum empfinden - auch nicht für so manche Neu-Mitglieder des »Förderkreises zur Errichtung eines Denkmals für die ermordeten Juden Europas«, etwa den sozialdemokratischen Pastoren und Moralisten Friedrich Schorlemmer oder gar den Altkommunisten Hans Modrow.
Helmut Kohl weiß dennoch, was er tut. Er hat die wohlverdienten Prügel nicht vergessen, die er allenthalben bezog, weil er 1985 US-Präsident Ronald Reagan nötigte, mit ihm gemeinsam den Soldatenfriedhof Bitburg zu besuchen, auf dem auch SS-Männer begraben sind.
Kohl weiß von den Begehrlichkeiten professioneller Schoah-Nostalgiker im In- und Ausland. Deutschland hat, so etwa der Gründungsdirektor des Washingtoner Holocaust-Memorials, Jeshajahu Weinberg, mehr Holocaust-Museen nötig als alle anderen Länder. Und, so ergänzt der Heidelberger Pädagoge Micha Brumlik: »Wer in Deutschland des Holocaust öffentlich und feierlich gedenken will, muß heute weite Reisen auf sich nehmen: nach Jerusalem, nach Oswiecim, nach Washington.«
Umgekehrt wird ein Schuh draus! Dachau, Bergen-Belsen, Flossenbürg und unzählige andere Konzentrationslager und ihre Außenstellen liegen nicht bei Jerusalem oder Washington, sondern vor unserer Haustür. Keine deutsche Stadt, kaum eine größere Ortschaft, wo Juden nicht denunziert, verhaftet und schließlich in den Tod geschickt wurden, wo man die Synagogen nicht zerstörte oder entweihte. Diese Geschichte können Israel und die Vereinigten Staaten nicht bieten.
Zelebriert man dort »öffentlich und feierlich« das Gedenken an die Opfer des Völkermordes an den Juden, so ist man tatsächlich auf einen repräsentativen Schauplatz angewiesen. Die Deutschen müssen der Gnade des fernen Ortes jedoch entsagen. Sie sind als Angehörige der Opfer, der Täter, vor allem aber der Wegschauer und Ein-wenig-Mitmacher dazu verdammt, mit den Erinnerungen und Ängsten, mit den Vorwürfen der Davongekommenen an ihre Kinder ("Dafür haben wir nicht überlebt!") und den inquisitorischen Fragen der Nachkommen der Tätergeneration an ihre Eltern ("Warum habt ihr nichts dagegen getan?") zu leben.
Die einen haben ein schlechtes Gewissen, weil sie dem Volk der Mörder angehören, die anderen, weil sie ebendort leben.
Das schlechte Gewissen des Tätervolkes bedingt, daß die Deutschen versuchen, sich von der Schuld freizukaufen - mit Geld und der Bereitschaft, sich so manche Chuzpe bieten zu lassen. Etwa die verworrene Vererbungslehre eines Henryk M. Broder: »Ihr seid die Kinder eurer Eltern«, will heißen, ihr Deutschen seid zu »ewigem Antisemitismus« verurteilt.
Kann das zentrale »Denk- oder Mahnmal« - um den Namen wird noch heftig gerungen - »für die ermordeten Juden Europas« den Deutschen, Juden wie Nichtjuden helfen, mit den Auswirkungen der Vergangenheit zu leben? Nein, das Mal ist so überflüssig wie ein Kropf.
Die Topographie des Terrors, die die Initiatoren des Denkmals demonstrieren wollen, existiert in Berlin bereits. Die Wannsee-Villa, in der deutsche Ministerialbeamte und SS-Führer unter Reinhard Heydrichs Leitung die systematische Ermordung der europäischen Juden sanktionierten und organisierten, dient als Museum und Bildungsstätte. Im »Zentrum für Antisemitismusforschung« versucht man der Judenfeindschaft zumindest theoretisch auf den Grund zu kommen. Die Konzentrationslager Oranienburg und Sachsenhausen liegen in unmittelbarer Nähe der Hauptstadt.
In vielen Stadtvierteln Berlins wurden und werden Mahnmale errichtet, die an die deportierten und ermordeten Juden erinnern. Aber der Enthusiasmus vieler Bürger und ihrer politischen Vertreter hat bemerkenswert enge Grenzen. In Steglitz etwa beschloß im Bezirksparlament eine Koalition der besonderen Art aus Christlichen Demokraten, Liberalen und Republikanern ein Mahnmal »zur Erinnerung an die deportierten Steglitzer Juden« zu kippen. Als Bausenator Wolfgang Nagel (SPD) »beschämt« dennoch die Errichtung des Denkmals anordnete, empörte sich ein FDP-Fraktionssprecher über dieses »totalitäre« Vorgehen.
In Moabit ließ das Bundesfinanzministerium vorübergehend eine Erinnerungstafel vom Gelände des Hauptzollamtes entfernen, auf der die einstige Behörde »als Handlanger der SS und wichtiges Glied in der Deportation jüdischer Mitbürger in die Vernichtungslager« bezeichnet wurde. Erst nach dem Bekanntwerden in der Presse zog man die Einwände zurück.
Bei diesem Ungemach sinnt mancher auf wirksame Abhilfe. Etwa Berlins CDU-Fraktionsvorsitzender Klaus Landowsky. Den stört die rapide Zunahme von Gedenkstätten und Hinweisen offenbar sehr: »Berlin gerät in eine Art Beliebigkeit.« Nach dem Motto »Weniger ist mehr« möchte Landowsky die vielen Erinnerungshinweise aus dem Stadtbild verbannen. Konsequent befürwortet der CDU-Politiker daher die Errichtung einer zentralen »Holocaust-Gedenkstätte«.
Aus dem gleichen Kalkül werden alsbald Politiker mit einem vergleichbaren Geschichtsbewußtsein aus allen Gauen Deutschlands, Bürger, Künstler und Historiker, die auf das Geschehen vor ihrer Haustür hinweisen wollen, mit dem Ruf antworten: Ab nach Berlin! So bliebe die Ruhe am Ort gewahrt und die Kosten erspart. Geschichte soll fortan zentral in Berlin »bewältigt werden«.
Noch ehe die Jury sich für den Entwurf einer Gedenkstätte entscheidet, wird bereits erbittert zwischen den Vertretern der Opfergruppen gestritten. Denn die Nazis haben sich nicht aufs Judenmorden beschränkt.
Durch ein separates Mahnmal für die ermordeten Juden fühlen sich vor allem Sinti und Roma diskriminiert. Ihr Zentralrat fordert eine adäquate Gedenkstätte »in räumlicher und gestalterischer Verbindung« mit dem Judenmal. Dies lehnt Ignatz Bubis ab. Er begreift die Einrichtung als Friedhofsersatz, hier wolle man unter sich für die Toten beten. Deshalb bezichtigte ihn der oberste Sinti-Funktionär Romani Rose der »Apartheid«. Bubis fühlt sich beleidigt. Die Sinti und Roma sind ebenfalls gekränkt.
Homosexuelle, Kommunisten und Angehörige von Behinderten fordern mit gleichem Recht ebenfalls Gedenkstätten. Ein unabsehbarer Zank, ähnlich wie in Auschwitz, wo Juden die Gedenkstätten allein für sich reklamieren, ist absehbar.
Der schärfste Streit aber wird innerhalb der jüdischen Gemeinschaft toben. Schon jetzt werden jüdische Wissenschaftler, Künstler und Intellektuelle, die es wagen, auf die Gefahren einer Opferidentität aufmerksam zu machen, als »Nestbeschmutzer«, »Anbiederungsakrobaten«, »jüdische Flakhelfer«, »Schänder« oder schlicht als »Hitlers Ebenbild« verunglimpft.
Die Polemik wird an Heftigkeit zunehmen, je näher die Errichtung des Mahnmals rückt, da sich dann zwangsläufig die Diskussion um Sinn und Nutzen der Gedenkstätte intensivieren wird.
Dies alles ist bekannt. Dennoch treiben Lea Rosh, Eberhard Jäckel und ihre Mitstreiter ihr Denkmalprojekt dampfwalzenhaft voran. Egozentrik spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Es überwiegen gute Absichten und persönliche Betroffenheit, Mitleid und Identifizierung mit den Opfern.
Genug bemitleidet, identifiziert und geopfert! Genug von dieser Schmetterlingssammlerliebe, die die Juden fast ausschließlich als Opfer begreifen will und sie so innig herzt, daß den lebenden Juden die Luft zum Atmen wegbleibt.
Sich der Toten zu erinnern ist ein Gebot jüdischer Ethik. Grundlage der jüdischen Religion und Geschichte ist jedoch - anders als im Christentum und im Islam - unbedingte Diesseitigkeit. Der Schutz von Leben und Gesundheit hat Priorität vor jedem formalen Gesetz. Die Juden dürfen sich nicht wieder zu Opferlämmern stempeln lassen! Weder von Bußfertigen noch von Übelwollenden. Ansonsten ginge ihnen die Vitalität verloren, die sie seit Jahrhunderten alle Anfeindungen überleben läßt.
Man soll der Opfer gedenken. An den Stätten ihres Lebens und Leidens, vor der eigenen Haustür, und wenn es sein muß, auch in einer zentralen Gedenkstätte. Weit wichtiger ist jedoch, sich allenthalben der lebenden Menschen anzunehmen - egal ob Christ, ob Jud, ob Muselman.
Wenn ein Kanzler und sein Außenminister das Abschlachten Tausender Tschetschenen zur inneren Angelegenheit Rußlands bagatellisieren, dann stellen sie unter Beweis, daß sie wenig aus der NS-Vergangenheit gelernt haben. Da helfen keine Kränze in Jerusalem und Berlin. Y
Ein Mahnmal für ermordete Juden - und für Sinti und Roma?