POP »George Bush riecht frisch«
SPIEGEL: Ms Knowles, Ms Rowland, Ms Williams, die Geschichte Ihrer Band gleicht einer Daily Soap: Angefangen haben Sie als Quartett, dann verließen zwei Mädchen die Gruppe im Streit und wurden kurzerhand durch zwei neue ersetzt, von denen wiederum eine auch schon wieder gefeuert ist. Heißen Ihr jüngster Hit und Ihr neues Album »Survivor«, weil bei Destiny's Child nur die Stärksten überleben?
Knowles: Der Titel hat mit der amerikanischen Fernsehshow »Survivor« zu tun, in der Kandidaten auf einer einsamen Insel ausgesetzt und nacheinander rausgewählt werden: Wer zuletzt übrig ist, hat gewonnen. Über uns witzelte man, bei uns ginge es zu wie in dieser »Survivor«-Show. Dabei ist das doch etwas sehr Positives: Überleben. Ein kraftvolles Wort. Das hat mich zu diesem Song inspiriert.
SPIEGEL: Ihre britischen Konkurrentinnen von den All Saints und den Spice Girls haben sich im Streit getrennt oder kümmern sich nur noch um ihre Solokarrieren - woran liegt es, dass so viele Girlgroups den Erfolg nicht verkraften?
Knowles: Mädchen sind sehr emotional. Sie werden schnell eifersüchtig und lassen sich leicht beeinflussen. Wenn ihnen irgendjemand sagt »Hey, warum singst du nicht öfter die erste Stimme? Warum stehst du auf dem Cover nicht weiter vorn?«, dann nehmen sie sich das zu Herzen. Männer dagegen wissen, was es bedeutet, in einer Band zu sein. Sie können Beruf und Privates besser trennen und lassen sich von niemandem leicht reinreden. Viele Mädchen dagegen scheinen eines nicht zu verstehen: Innerhalb einer Band gibt es keinen Wettbewerb, es geht immer um die Gruppe.
SPIEGEL: Sie selbst singen die erste Stimme und präsentieren sich als Star der Gruppe. Was hat das mit Gleichberechtigung zu tun?
Knowles: Das ist eben so passiert. Ich schreibe die Songs mit und produziere auch. Warum muss ich mich dafür rechtfertigen? Wenn irgendwer sich schwer tut, mein Talent anzuerkennen, ist das sein Problem.
SPIEGEL: Und Sie, Ms Williams und Ms Rowland, sehen Ihre Karriereträume erfüllt, wenn Sie bei Destiny's Child in der zweiten Reihe stehen?
Rowland: Wir kennen unsere Rollen.
Williams: Ich singe die dritte Stimme, und ich bin absolut glücklich damit. Leider wollen das viele nicht verstehen. Freunde und sogar Familienangehörige haben versucht, mich gegen die anderen aufzuwiegeln.
Knowles: Das passiert selbst mir. Ich höre immer: »Was brauchst du die anderen, mach doch solo Karriere.«
SPIEGEL: Die scheinen Sie gerade vorzubereiten. Auf dem Cover des amerikanischen Männermagazins »Stuff« sind Sie in der April-Ausgabe bereits ganz allein zu sehen.
Knowles: Die haben mich reingelegt. Es war ausgemacht, dass wir alle drei aufs Cover kommen. Dass es ein Cover zum Ausklappen sein würde, mit mir allein vorn und Michelle und Kelly auf der Rückseite, das haben sie verschwiegen. Ich hätte das sonst nie gemacht.
Rowland: Und dann haben die auch noch am Computer meinen Busen vergrößert. Ich sehe unmöglich aus.
Williams: Ich auch, ich stehe auf dem Foto völlig bescheuert da.
SPIEGEL: Besonders viel haben Sie auf den Bildern alle nicht an. Wie wichtig ist Aussehen für Ihren Erfolg?
Knowles: Immer heißt es »Die Schönen von Destiny's Child«. Einerseits freut uns das, weil es ein Kompliment ist. Andererseits geht es uns um ganz andere Dinge, um Musik und um Zusammenhalt. Kelly zum Beispiel hat kürzlich einen Song aufgenommen, den habe ich für sie geschrieben. Nennen Sie mir eine andere Gruppe, in der so etwas möglich wäre. Im Übrigen kann ich nur sagen: Wenn wir wirklich nur gut aussehen - warum versuchen dann so viele andere Rhythm'n'Blues-Bands, unseren Sound zu kopieren?
SPIEGEL: Wie kamen Sie darauf, den schnellen, stakkatoartigen Gesang zum Markenzeichen von Destiny's Child zu machen?
Knowles: Ursprünglich war das ein Witz. Wir arbeiteten mit Wyclef Jean von den Fugees im Studio an einem Remix unseres ersten Hits »No, No, No«, und ich sang nur so zum Spaß den Refrain im doppelten Tempo. Plötzlich sagte Wyclef: »Das ist es!« Ich antwortete ihm: »Unsinn, ich klinge wie ein Backenhörnchen.« Aber er beharrte darauf, dass es genau so gut sei - und was soll ich sagen: Mittlerweile habe ich mich an den Klang gewöhnt.
SPIEGEL: Warum sind Sie im Januar bei den Antrittsfeierlichkeiten von George W. Bush in Washington aufgetreten? Weil Sie wie er aus Texas kommen oder weil Sie mit den Republikanern sympathisieren?
Knowles: Wir reden nicht über Politik.
Rowland: Wir können aber schon erzählen, dass er sehr cool war. Ganz anders als im Fernsehen - hübscher. Er hat einen festen Händedruck, und er hat gut gerochen, frisch, so ein bisschen nach Waschmittel.
Williams: Er hat gesagt, wir hätten großen Einfluss auf junge Menschen. Dann hat er mit Ricky Martin auf der Bühne getanzt.
SPIEGEL: Na so was. In Deutschland gibt es die neue, erfolgreiche Girlgroup No Angels, in der gleich fünf Mädchen singen. Was raten Sie denen, damit die No Angels überleben?
Knowles: Eine Band funktioniert wie eine Ehe. Um möglichst lange zusammenzubleiben, muss man Opfer bringen und kompromissbereit sein. Natürlich werden auch die No Angels mal unterschiedlicher Meinung sein, das ist natürlich bei fünf Mitgliedern. Am Ende sollen sie sich immer auf das einigen, was mindestens drei von ihnen wollen. INTERVIEW: JOHANNA ADORJáN