GERETTET - DER SPIEGEL
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FERNSEHEN / Telemann GERETTET

• aus DER SPIEGEL 13/1964
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als Telemann zur Jahreswende die Augen schloß, verspürte er

- bei aller Lust am Abschiednehmen - einen Rest von Wehmut. Was wird wohl, fuhr es ihm durch den Sinn, aus Mainz werden, der Anstalt »Zweites Deutsches Fernsehen« mit ihrer Schuldenlast. Ach, nicht alles war wohlgeordnet, was er zurückließ!

Nun weckt ihn die Kunde: Nicht mehr Mainz, nein, schlimmer, das Erste Fernsehen steht vor dem Ruin. Denn, so vernahm Telemann, und es klang ihm wie das Rauschen von Aasvogelschwingen: Professor Dr. Dr. h. c. Bernhard Grzimek verläßt die Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten (ARD) und »geht zum Zweiten Fernsehen über«. Vollauf gewärtig, daß er dort »einen geringeren Kreis von Zuschauern« erreicht.

Zweierlei war vorausgegangen: Das NDR -Fernsehen hatte Grzimeks Gorillasendung (27. Februar), Ergebnis einer »nicht ungefährlichen Expedition«, um zweieinhalb Minuten beschnitten, mit der fadenscheinigen Ausflucht, eine Eurovisions-Schaltung zum Eislauf in Dortmund habe dies erfordert.

Zum zweiten war (am 11. März) unter dem Deckmantel sogenannter Satire etwas

geschehen, was die »besondere Feindschaft des NDR, Abteilung Fernsehen« gegenüber dem Frankfurter Zoodirektor für alle TV -Welt augenfällig machte.

Kaum hatte Grzimek unter dem Werbe-Motto »Natur in Gefahr« der Dinge gedacht, die, »wenn man so will, von Gott geschaffen sind«, kaum hatte Großwildjäger Bernhard Prinz der Niederlande auf die Mißlichkeit gewiesen, die darin liege, »einen Haufen Tiersorten auszurotten«, kaum hatte Eugen Gerstenmaier, von der Pirsch auf eine seltene Wildziegenart Franco-Spaniens zurückgekehrt, das Postscheck-Spendenkonto »Köln 60« annonciert und der Gewißheit Ausdruck verliehen, daß die deutsche Geberlaune, wenn es stummer Kreatur Gedeih zu gewährleisten gelte, unübertrefflich sei - da erschien in der knapp darauffolgenden Sendung Richard Münch auf der Scheibe, umhüpft von einem lebfrischen Äffchen, und sprach:

»Hallo Nachbarn, wie ihr soeben gesehen und gehört habt, ist die Natur in Gefahr... Nun sterben wilde Tiere allerdings nicht nur, weil sie kein Geld haben; einige werden auch erschossen, und zwar von honorigen, waidgerechten Jägern...« Danach ein Aufruf an die »Schießer« aus Politik, Industrie und Wirtschaft: »Schickt uns eure

Gewehre... wir werden sie unter notarieller Aufsicht verschrotten lassen...« Zuletzt ein Dia mit genauer NDR-Adresse.

Es sei nicht Humorlosigkeit, was ihn nach Mainz treibe, im Gegenteil, sagte Bernhard Grzimek zu Telemann. Angesichts der Bemühung des Nachbarn Münch, mit dem Affen zu agieren, habe er sogar »einige Schadenfreude« empfunden. Aber der Affront gegen unseren Bundestagspräsidenten und Hollands Prinzgemahl und die zu erwartende Minderung der Großherzigkeit zwinge ihn zur Härte.

»Der Scherz bedeutet für uns eine halbe Million Verlust. Ich hatte das Geld im Geiste schon verteilt.«

Für besonders verwerflich hält es Grzimek, daß der NDR von der drei Wochen alten Aufzeichnung kraft verschwörerischer ARD-Beziehungen profitiert habe.

Dazu »Hallo Nachbarn«-Redakteur Hans Joachim Roering: »Unsere Sendung stand schon auf dem Programm, ehe die Grzimek-Sendung davorgesetzt wurde. Natürlich wußten wir, worum es dabei ging, aber gesehen hat die Aufzeichnung niemand von uns.«

Mag sein. Dennoch trifft den Norddeutschen Rundfunk der

Tadel, eine satirische Darbietung an einer Stelle placiert zu haben, wo sie Aufsehen erregen mußte.

Wie will der NDR das wiedergutmachen? Gewiß, er könnte die halbe Million (Eugen Gerstenmaier schrieb sogar von Millionen) mit Anstand ersetzen, könnte den Jochen Richert eine neue Fernsehlotterie erdenken lassen, mit wertvollen Reisen in aller Herren Jagdgründe - aber würde eine materielle Sühne ausreichen, den Massenliebling neuerlich an die ARD zu fesseln?

Gerade wollte Telemann den Intendanten Schröder bitten, barfüßig und in härenem Gewande nach Frankfurt zu wallfahren, da traf - am vergangenen Donnerstag - die Botschaft ein: Grzimek bleibt beim Ersten Fernsehen!

Welch glückhafte Fügung, nicht nur für die Republik, auch für ihn! Denn - und auch dies erfuhr Telemann an jenem Donnerstag - das Mainzer Fernsehen war auf seinen Empfang keineswegs vorbereitet, mißlicher noch: Es wollte den Schau-Zoologen gar nicht.

ZDF-Programmdirektor Grahlmann: »Bevor wir Leute von der ARD aufkaufen, lassen wir uns lieber selber etwas einfallen.«

Merke: »Je ärger Schalk, je besser Glück« (Alter Spruch).

Grzimek

telemann
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