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Autoren Geringer Verstand

Endlich können sich die Leser die Suche im Zeit-Feuilleton sparen: Harry Rowohlts Kolumnen »Pooh's Corner« sind als Buch erschienen.
• aus DER SPIEGEL 50/1993
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn der Abend lang wird und die Weltsicht düster, wenn der Qualm dick genug ist und die Kellnerin das dritte Guinness und den dritten Whiskey bringt, dann sitzt da manchmal einer in dieser finsteren Ecckneipe in Hamburg-Eppendorf und redet über Bücher und Bären.

Die Leute, sagt er, sagen Pu zu ihm. Die Leute irren. Zwar hat Harry Rowohlt den englischen Winnie-The-Pooh kongenial ins Deutsche übertragen, zwar schreibt er unter dem Titel »Pooh''s Corner« Kolumnen in der Zeit, die nun unter eben diesem Titel als Buch erschienen sind*. Aber viel mehr hat er mit Pu dem Bären nicht gemein.

Pu der Bär ist braun, zottig, milde und von zweifelnder Nachsicht gegen sich und die Welt. Pu findet, daß eigentlich jeder in Ordnung ist. Auch wenn er nicht glaubt, daß er recht hat.

Rowohlt, 48, schaut eher griesgrämig in sein Bier, und daß alle Welt in Ordnung _(* Harry Rowohlt: »Pooh''s Corner«. ) _(Haffmanns Verlag, Zürich; 272 Seiten; ) _(28,50 Mark. ) sei, das käme ihm nicht in den Sinn. Die Welt ist voll von Langweilern, von Schwaben, von Frauen, die jemanden suchen, der ihnen die Magisterarbeit schreibt. Von Verbrechern, die Pu den Bären zum Walt-Disney-Zeichentrickfilm verhunzen. Von schlechten Übersetzern. Von noch schlechteren Übersetzern. Von Zonis, die mitten in der Nacht in der Bahnhofsmission von Hannover sitzen und geifern, wenn ein gestrandeter Übersetzer im selben Raum lungert und nach Knoblauch stinkt.

So etwas schreibt er dann auf. Und im Feuilleton der Zeit, zwischen Ulrich Greiner (« . . . sind wir beschäftigt mit der kräftezehrenden Debatte über die nunmehr zwei deutschen Vergangenheiten") und Manfred Sack ("Der Gemeinderat von Melsungen hat es sich hoffentlich nicht leicht gemacht, dieses schöne, sanft umhügelte Tal zum Bauen freizugeben"), stehen dann solche Sätze: »,Musil'', deutet mir Josef Schweikhardt Musil, ,hat eigentlich nix geschrieben, worauf man nicht auch selber käme; bei ihm dauert es nur länger. Außerdem hat er erst dies und dann jenes geschrieben, weshalb man ganz prima Seminare über ihn veranstalten kann.'' Die Ratsdiener murren. Ich sage, ,wir gehen ja schon''.«

»Pooh''s Corner«, die »Meinungen eines Bären von sehr geringem Verstand«, behandeln alles, was wichtig ist und das einem sonst keiner erklärt: Den Kommunismus. Den Frühling. Irische Bräuche. Kultur, die ja häufig darin besteht, daß man lauter fremde Herrschaften zu atonaler Musik tanzen sieht. »Das sieht ja sehr verlockend aus«, denkt man sich dann, denkt Rowohlt. »Da geh'' ich, glaub'' ich, nicht hin.«

Eigentlich hätte er Verleger werden sollen, wie es sich für einen Sohn von Ernst Rowohlt gehört. Aber erstens war er mit 15 Kommunist, und zweitens las er lieber Bücher, als Geld mit ihnen zu verdienen. Sein erstes Buch war Pu der Bär, und seitdem liebt er Bücher und Bären. Sein wichtigstes Buch war »At Swim-Two-Birds« von Flann O''Brien, in dem zwar wenig Bären vorkommen, aber sonst so ziemlich alles, was Rowohlt gefällt: Iren, Wahnsinn und Bier.

Also ist er Übersetzer geworden, hat »At Swim-Two-Birds« ("In Schwimmen-Zwei-Vögel") und 84 weitere Bücher ins Deutsche übertragen und ein Kinderbuch verfaßt, auf das er stolz ist, weil darin eine Bordellszene vorkommt*.

Schließlich hat er dann »Pooh''s Corner« erfunden. Dort betreibt er »Leser-Bär-Bindung«, und die Leserinnen lieben ihn dafür und schicken Selbstgebackenes, und die Leser schreiben ihm auch, aber oft eher schroff. Oder wie Herr Wittek, der findet, eine so brillante Analyse des Gegebenen habe er ja noch selten lesen dürfen; so etwas schreibt ihm Herr Wittek regelmäßig.

Herrn Wittek kennt er nicht persönlich; andere Leser schon. Regelmäßig tourt Rowohlt durch Deutschland, liest Texte in Buchhandlungen in Cloppenburg, Leer oder Pankow, und dazu gibt es dann Bier. Die Leute mögen das.

Aber er liest dort nicht »Pooh''s Corner«, sondern O''Brien, den er übersetzt hat, weil er von dessen Texten mehr hält als von seinen eigenen. Und er hat nie einen Roman geschrieben und wird das wohl auch nicht tun. »In Schwimmen-Zwei-Vögel« gibt es schon. Und wer kann schon gegen O''Brien bestehen.

Niemand kann das, glaubt Harry Rowohlt, und das fällt ihm zwischen dem vierten Guinness und dem vierten Whiskey ein, und das findet er dann sehr deprimierend. Nicht wie Pu, der zwar prima dichtet ("Singt Ho! Der Bär soll leben"), aber gar nichts dagegen hat, wenn irgend jemand das noch besser kann als er.

Grau und grübelnd sitzt der Mann am Tresen. Mehr wie I-ah, der depressive Esel, der vom Leben nichts und von seinen Freunden nur Unsinn erwartet und meistens allein in seinem Wald herumsteht und sinniert. Etwa so: »Manchmal dachte er traurig bei sich: Warum?, und manchmal dachte er: Wozu?, und manchmal dachte er: Inwiefern? - und manchmal wußte er nicht so recht, worüber er nachdachte.« Diese Art Tier ist Harry Rowohlt. Zumindest nachts, in der Kneipe, beim Bier.

Barbara Supp _(* Harry Rowohlt/Peter Schössow: »Ich, ) _(Kater Robinson«. Rowohlt Verlag, ) _(Reinbek; 44 Seiten, 24,80 Mark. )

Autor Rowohlt Iren, Wahnsinn und Bier

* Harry Rowohlt: »Pooh''s Corner«. Haffmanns Verlag, Zürich; 272Seiten; 28,50 Mark.* Harry Rowohlt/Peter Schössow: »Ich, Kater Robinson«. RowohltVerlag, Reinbek; 44 Seiten, 24,80 Mark.

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