Gesäßfeindliche Linien - DER SPIEGEL
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DESIGN Gesäßfeindliche Linien

»Kunst-Möbel«, eine Kreuzung aus Gebrauchsgegenständen und Kunstwerken, finden zunehmend Interesse bei Galerien und Sammlern.
• aus DER SPIEGEL 36/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn Künstler Stühle zimmern oder Tische -- sind das dann Möbel oder ist das Kunst? Ist ein Objekt noch Kunstwerk, wenn man darauf sitzt?

Diese Fragen beschäftigen derzeit die internationale Kunstszene. Denn in amerikanischen Avantgarde-Galerien, in progressiven Einrichtungshäusern und in Spezial-Ausstellungen wie bei »Art et Industrie« in New York, aber auch in Mailand, Paris und München tauchen neuerdings sogenannte Art-Möbel auf: signierte Sofas, numerierte Lampen, Tische, Stühle oder Kommoden, die Unikate oder Teile einer limitierten Edition sind.

Die Signaturen stammen freilich nicht mehr von professionellen Kunsthandwerkern. Die Schöpfer dieser meist hintersinnigen Gebrauchsgegenstände sind Bildhauer, Maler und auch Architekten, auch Designer oder Werbegraphiker, die nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten suchen. »Die Grenzen zwischen Kunst und Nicht-Kunst« seien »fließend geworden«, sagt Marian Goodman von der New Yorker »Multiples Gallery«, die sich als eine der ersten auf »Art Furniture«, den neuen Trend, spezialisiert hat.

Barbara Toll, die im New Yorker Künstlerviertel SoHo eine Kunstmöbel-Galerie betreibt, erklärt sich den Vorgang so: Die Künstler hätten sich auf die Herstellung brauchbarer Gegenstände verlegt, »weil sie sich nicht länger Gedanken darüber machen wollten, ob ihre Werke irgendwo gehängt werden oder nicht«.

Um in die Gesellschaft »hineinzuwirken«, benutzen sie nun das Mobiliar des bürgerlichen Wohnzimmers als »neues Medium der Subversion« (so formulierte es die US-Kunstzeitschrift »Art News").

»Die Avantgarde ist tot«, erklärt der amerikanische Bildhauer R. M. Fischer seinen Übertritt zu den Möbelmachern. Er baut vorgefundene Teile zu Leuchtobjekten (oder Stehlampen?) zusammen. Denn: »Wer seine Ideen heute an den Mann bringen will, muß das bestehende System nutzen.«

Zwar sind die Möbel-Künstler durchaus scharf darauf, daß ihre Artefakte auch wirklich den Weg in die Wohnzimmer finden. Doch zur Benutzung laden Art-Möbel keineswegs alle ein. Einige Stücke sind eindeutig für S.186 den Gebrauch bestimmt: Kunst zum Ausruhen. Bei anderen Künstlern hat das Möbel-Objekt ersichtlich mehr einer »Aussage« als dem Gebrauch zu dienen. Gesäßfeindliche Linienführung gehört da zum Programm.

Beispielhaft für solchen Möbel-Expressionismus sind die schwarzen Holzstühle von Christopher Sproat. Der Amerikaner läßt sich durch Entwürfe der Art-Nouveau-Klassiker Josef Hoffmann und Charles Rennie Mackintosh inspirieren, verzerrt aber deren Proportionen und Winkel auf exzentrische Weise.

Auf einem sich perspektivisch verjüngenden Sproat-Stuhl mit seinem abschüssigen Sitz, den unterschiedlich hohen Beinen und der schrägen Lehne muß ein Sitzender Balance-Akte vollbringen, um oben zu bleiben. Sproat findet das in Ordnung. »Art-Möbel«, meint er, »sind zum Sitzen gedacht und auch wieder nicht.«

Scott Burton hingegen, ein ehemaliger New Yorker Kunstkritiker und Bildhauer, der vor allem mit Nachbildungen von Queen-Anne-Möbeln in Bronze und Stein als Möbelkünstler von sich reden machte, ist gegen Aufpreis und ohne künstlerische Skrupel bereit, zu seinen harten Stuhl-Skulpturen bequeme Sitzkissen mitzuliefern.

Auch die Möbelkünstlerin Rosalind Archer, deren »Tisch & Stuhl«-Assemblagen ab 1600 Dollar zu haben sind, ist Kompromissen zugeneigt, wenn es um die Verbreitung ihrer Möbel-Kunst geht. Zwar halte sie »nicht viel von der Idee der funktionalen Skulptur«. Wie aber, fragt sie, sollte man Leute, die so ein Möbelkunstwerk heimführen, an dessen Benutzung wohl hindern?

Richard Artschwager, Kunstschreiner von Haus aus und Pionier unter den Möbel-Künstlern, schwankt zwischen den Lagern. Sein Resopal-Bücherbord mit herausziehbaren Buch-Attrappen aus Resopal, sein Sperrholz-Klavier mit den neun riesigen Tasten sehen aus, als wolle er sich über die alte Streitfrage nach der Grenze zwischen Kunstwerk und Gebrauchsgegenstand mokieren.

Andererseits liefert er streng funktionale Sitzkästen, welche die bekannte New Yorker Kunstgalerie Leo Castelli zwischen 9000 und 20 000 Dollar verkauft. Die laden zum Hinsetzen ein, und darauf ist Artschwager sogar stolz: »Sie benötigen keine Gebrauchsanweisung.«

Sein Kollege Larry Bell, der eigentlich als Lichtkünstler einen Namen hat, liebt's darüber hinaus sogar gemütlich. »Ein Möbel«, sagt er, »ist für mich wertlos, wenn es nicht total bequem ist.«

Der Prototyp seines »Chair III« ist einem abgewetzten Polstersessel nachempfunden, den Bell vor 20 Jahren mal gekauft hatte. Endlich habe er in New Mexico Handwerker gefunden, die sein Lieblingsmöbel aus dem Wurzelholz einer Karpaten-Ulme maßgerecht nachbauen konnten. »Ich wollte den Sessel so klein, daß einem kein Raum mehr bleibt, wenn man in ihm sitzt.« Das Viertelkreis-Segment, aus S.187 dem die Seitenteile bestehen, soll in einer Kollektion aus Sofa, Eßtisch und Schreibtisch wiederkehren, die Bell plant.

Auch in den sogenannten Installationen des kalifornischen Möbel-Artisten Kim Mac-Connel läßt sich durchaus wohnen. Er bemalt alte Sofas, Rauchtischchen und Polstersessel, die er aus dem Sperrmüll fischt oder aus Depots der Heilsarmee bezieht, mit Öl- und Acrylfarben in wilden Mustern a la Matisse und beruft sich dabei auf diesen französischen Meister. Der habe einmal gesagt, Kunst müsse sein »wie ein guter Lehnstuhl, der Entspannung von körperlicher Mattigkeit verschafft«.

In den USA tragen extravagante Sammler und Design-Fetischisten bereits ganze Kollektionen von Art-Möbeln zusammen. Die Stadtneurotiker von New York bis San Francisco wissen es zu schätzen, wenn sie auf Partys Spielbein und Standbein neben einem Stuhl von Sproat oder Artschwager wechseln können.

»Solche Leute respektieren die Werke als beides -- als Kunstwerk und als Gebrauchsgegenstand«, beobachtete die Händlerin Barbara Toll auf ihren Vernissagen. »Ich kann jedenfalls davon ausgehen, daß niemand seinen Drink auf einer Skulptur abstellt.«

In Europa haben Künstlermöbel ihre Tradition. Surrealisten wie Max Ernst und Salvador Dali haben Möbel gemacht. Dalis Lippen-Bett und Kurt Seligmanns Tisch mit Frauenbeinen haben einen festen Platz in der Kunstgeschichte.

Dralle Pin-up-Puppen in Leder-Dessous hat der englische Pop-Künstler Allen Jones in den sechziger Jahren als aufreizend dienenden Hauptbestandteil seiner Möbel-Objekte verwendet: Hutständer, Tisch-Trägerin oder eine breitbeinig Liegende als Stuhl -- der Sammler konnte sie als Sado-Hausrat und als Geldanlage zugleich nehmen. Auch der deutsche Maler Paul Wunderlich bewegt sich mit seinen eigenartigen Verschmelzungen S.188 von Mensch und Möbel in dieser Tradition.

In Frankreich ließ das Ehepaar Claude und Francois-Xavier Lalanne schon vor Jahren eine dekorative Herde Polyester-Schafe als Sitzmöbel aufziehen. Neueren Datums sind die Marmor-Vögel von Lalanne: große weiße Flügeltiere, mit ausgebreiteten Schwingen landend und zugleich als steinerner Thron zu benutzen -- so sind sie als kostspielige Gartenmöbel in Serie gegangen.

Italiens Möbelkünstler hingegen sind die radikalen Neuerer und Ideologen der Bewegung. Zentrum dieser Gesellschaftskritischen Möbelkunst ist das »Studio Alchimia« in Mailand. Dort experimentierten Möbel-Künstler wie Alessandro Medini und Ettore Sottsass an Prototypen eines, wie sie wünschen, »post-konsumistischen Designs«.

Mendini, gelernter Architekt und Leiter der Architektur-Zeitschrift »Domus«, proklamiert in diesem Zusammenhang Kitsch zum Medium des Klassenkampfes. Er nennt ihn »trojanisches Pferd der Volksmassen«, die sich auf diesem Wege »wieder der Künste bemächtigten«.

Mendini überzieht beispielsweise ordinäre Anrichten aus der Kriegszeit mit Motiven von Kandinsky. Er verziert klassische Designer-Stühle von Thonet, Mackintosh oder Marcel Breuer mit bunten Pop-Applikationen. Die hohe Rückenlehne von Gerrit Rietvelds hölzernem Zickzack-Stuhl, einem wahren Fetisch modernen Designs, verwandelt er in ein Kreuz.

Art-Möbel-Fans in den Vereinigten Staaten schätzen besonders seinen »Fauteuil von Proust«, einen wuchtigen Sessel im Zuckerbäckerstil des piemontesischen 18. Jahrhunderts, den Mendini über und über mit bunten Pünktchen in der Manier des französischen Pointillisten Signac überzogen hat.

»Es ist doch nur eine Frage der Übereinkunft«, meint der Münchner Galerist Bernd Klüser, »ob man so etwas spießig, scheußlich oder progressiv findet.« Als erster hat er in diesem Sommer »dekorative Möbel im modernen Stil« von Ettore Sottsass in der Bundesrepublik auszustellen gewagt.

Sottsass, einst Chef-Designer von Olivetti, ist zu einem radikalen Verfechter des Anti-Design geworden. Seine körperfeindlichen, kantigen Kunststoffstühle haben Blechgriffe zum Hin- und Herrücken, seine wackligen Tischchen eine aufgeschweißte Platte aus geriffeltem Aluminium. Es gibt Spinde aus kunststoffbeschichteten Preßplatten mit gespreizten Chrom-Beinen und schiefe Leiter-Regale. Fast alles steht auf Sockeln und Podesten, um sich auf diese Weise, so Sottsass, »dem Kitsch der bürgerlichen und kleinbürgerlichen Einrichtung zu entziehen«.

Anregungen für seine Material-Auswahl fand Sottsass in WCs von Untergrundbahnen und auf Mülldeponien großer Städte. Aber auch »Peripheriezäune« und das Löschpapier, wie es in italienischen Behörden verwendet wird, haben ihn schon inspirieren können. Das Billigste ist Sottsass gerade gut genug. Er hat mit diesen Möbeln »eine Art Ikonographie der Nichtkultur« im Sinn, die »niemandem angehört«.

Zwar werden die absichtsvoll abschreckenden Askese-Möbel des Italieners sogar in Serie hergestellt (ein Stuhl zu 700 Mark). Käufer finden sich jedoch kaum, »Sammler und extravagante Schauspieler aus Hollywood ausgenommen« (Sottsass). Bleibt also offen, ob seine Anti-Möbel nicht schließlich doch, aller Askese zum Trotz, im Salon landen.

Dahin werden mit Sicherheit die Luxus-Stücke kommen, die auf polierten Messingplättchen den Namenszug des Frankfurter Entwerfers Will Menke tragen. Aus kostbaren Wurzelhölzern von Ahorn, Nußbaum und Weide, wie sie nur noch von Liebhabern unter der Hand gehandelt werden, ließ der ehemalige Werkkunstschüler und heutige Werbefachmann bislang ein Vertiko, einen Schreibschrank, eine Kommode und einen Backgammon-Tisch schreinern, Prototyp einer limitierten Zehner-Auflage.

An Menkes Möbel-Objekten gibt es keine rechten Winkel und deshalb auch nichts, was mit dem üblichen Werkzeug bearbeitet werden könnte. Spezialhandwerker mußten viele teure Arbeitsstunden auf die Fertigung verwenden. Entsprechend sind die Preise: 80 000 Mark kostet beispielsweise das nach oben und unten sich verjüngende Ahorn-Vertiko, ein Verwandlungsmöbel, dessen vielfach verwinkelte Seitenteile auch separat zu einer Art Bücherbord zusammengebaut werden können.

Menke, dessen Art-Möbel im März im Frankfurter Museum für Kunsthandwerk ausgestellt werden, versteht sich als Künstler, möchte aber auch dem Möbelmarkt neue Impulse geben, die sich am Ende sogar im Wohnzimmer des durchschnittlichen Konsumenten auswirken.

Vorerst bedient er die Großen: Jackie Onassis jedenfalls erwägt, auf ihrem Landsitz in Massachusetts ein Menke-Art-Möbel aufzustellen.

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