11. September: Musical über die Terroranschläge - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

11. September Musical über die Terroranschläge

Nach anfänglichen Berührungsängsten wurden die ersten Filme über den 11. September 2001 bereits gedreht. Jetzt entstand sogar ein Musical über die dramatischen Ereignisse. Ein Jahr nach den Terroranschlägen feiert es Premiere in Wien.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im Wiener Metropol Theater wird das Stück "Wien New York Retour" uraufgeführt. Es stammt von dem in Moskau geborenen Sergei Dreznin, der am Tag der Attacke auf das World Trade Center selbst in New York war. Das Musical soll in einigen Monaten auch in Washington gezeigt werden.

Für seine Produktion hat Dreznin sich mit dem in Wien lebenden amerikanischen Schriftsteller Dennis Kozeluh zusammengetan. "Ich fühle mich hingezogen zu der Stärke des menschlichen Geistes gegenüber Katastrophen", sagte Dreznin gegenüber der BBC. "Ich hoffe, die Ereignisse und dieses Musical werden den amerikanischen Geist erweitern und nicht verengen."

"Wien New York Retour" erzählt die Geschichte von Suzanne, einer jungen Sängerin, die am Vorabend der Attacken eine Traumrolle auf dem Broadway ergattert. Die Show bedient sich Fotoprojektionen und Videoeinspielungen von den Momenten vor den Anschlägen als Hintergrund, als Suzanne sich am Morgen des 11. Septembers zu ihrer ersten Probe nach Queens begibt. Dann fliegen zu der Musik der österreichischen Rockband Slash die Flugzeuge in die Zwillingstürme. Die Zuschauer begleiten nun die freie Journalistin Amy Hendricks, die mit einer Handkamera durch die Straßen Manhattans läuft.

Am Ende des Musicals erleben sie wieder Suzanne, die versucht, die Ereignisse in einem nicht wiederzuerkennenden New York zu verarbeiten und dadurch ein anderes Weltbild erhält. "Wie aus einem warmen Bett in die kalte Nacht verlassen wir unser bisheriges Leben", sagt die junge Sängerin in dem Stück.

Der Regisseur der Aufführung, Jesse Webb aus dem US-Staat Louisiana, war zuerst skeptisch, als Dreznin mit seiner Idee auf ihn zukam. "Ich sagte ihm: Das kannst du nicht tun. Du kannst kein Musical über den 11. September schreiben", so Webb. Dann habe er erkannt, dass viele Leute nie wirklich verarbeitet hätten, was passiert sei. "Wir haben es vermieden, uns in dem sentimentalen Aspekt der Anschläge zu baden", sagte Webb. "Wir wollen nur Möglichkeiten aufzeichnen, wie man mit dem Unglück umgehen kann."

"Vienna New York Retour" ist nicht die erste Show, die Dreznin über tragische Ereignisse geschrieben hat. Erst kürzlich produzierte er "Songs und Satire aus Theresienstadt", ein Kabarett über das ehemalige Konzentrationslager in der tschechischen Stadt. 2001 schrieb er "Romeo und Julia in Sarajevo", eine Abkupferung der berühmten Liebesgeschichte, die er in die Bosnische Hauptstadt im Jahr 1993 verlegte. "In Russland sind wir Desaster gewöhnt", sagte Dreznin. "Es klingt merkwürdig, aber am 11. September habe ich mich zuhause gefühlt."

Unterdessen hat die amerikanische Regierung eine andere Show über die Anschläge kritisiert. Die Produktion soll in einer schottischen Kirche aufgeführt werden und Osama bin Laden als Weihnachtsmann darstellen. "Wanted: Dead Or Alice" von Andrew Dallmeyer soll ebenfalls am Jahrestag des Anschläge in Edinburgh uraufgeführt werden. Es stellt dar, wie der Terroristen-Anführer sich in ein Shopping Center in Florida begibt - als Nikolaus verkleidet.

Der Autor Dallmeyer verteidigte sein Werk gegenüber der BBC: "Die Aufführung soll auf keinen Fall die al-Qaida oder den Terrorismus verteidigen. Es stellt nur aus muslimischer Sicht dar, warum die Anschläge geschehen sind." Eine Sprecherin des US-Konsulats in Großbritannien nannte den Zeitpunkt der Premiere für ein solches Stück "unsensibel und unangemessen".