25 Jahre "taz" Kniefall vor dem Feind
Hamburg - Die "taz"-Mitarbeiter waren schon Tage vor der Machtübernahme in heller Aufruhr. Als Diekmann, im Hauptberuf "Bild"-Chefredakteur, dann auch noch seine Redaktion bekannt gab, war die Verblüffung in der Berliner Kochstraße 18 komplett.
"Bild"-Kolumnist Franz Josef Wagner, RTL-Unterhaltungschef Hans Mahr, Ex-Regierungssprecher und "Bild"-Chef Peter Bönisch, Ex-Verteidigungsminister und Badewannenkapitän Rudolf Scharping sowie Ex-BDI-Chef Hans-Olaf Henkel, die PDS-Frontfrau Gabi Zimmer, Berlins Ex-Bürgermeister Eberhard Diepgen und (Gott sei's gedankt) TV-Pfarrer Jürgen Fliege - die versammelte Feindesschar besetzte die Redaktionsräume der linksalternativen "taz". Die Ur-Redaktion war verstört, der Überraschungsangriff erstmal gelungen.
Der Scoop: Interims-"taz"-Chef Diekmann, der am Geburtstag des Blattes mit seinem Team die Geschäfte leiten durfte, brachte ein Interview mit dem Einheitskanzler Helmut Kohl in das Redaktionshaus. Um dieses Interview "werden uns 'Stern' und SPIEGEL beneiden, mit denen Kohl seit Jahren ja nicht mehr spricht", versprach der Gast.
"Heute gibt's Kohl"
"Dr. Kohl" (Diekmann) bedankte sich mit Attacken auf Linke, Medien und Politiker sowie mit einem Bekenntnis zu seinem "Lieblingskommunisten": Der Mathematiklehrer aus seinem Ludwigshafener Gymnasium, Otto Stampfert, sei für ihn ein Freund gewesen, der in der Nazi-Zeit für seine Überzeugungen bitter gebüßt habe. "Die Linke wird es immer geben", muss der Ex-Kanzler bei diesen Worten geseufzt haben. Schließlich ziehe die Ideologie Kinder aus "gehobenen Elternhäusern" regelrecht an.
Er teilte Seitenhiebe aus, zum Beispiel gegen Joschka Fischer: "ungezogenes Wesen, flegelhaftes Benehmen" oder Gerhard Schröders "Überheblichkeit." Er zog über die Medien her, etwa über den SPIEGEL: Wurde er in seiner "Frühzeit" noch wohlwollend von dem Nachrichtenmagazin behandelt, habe sich dies "schlagartig" verändert, als er Parteichef der CDU wurde.
"Für den SPIEGEL waren meine Auseinandersetzungen mit Franz Josef Strauß natürlich ein 'gefundenes Fressen'", vertraute der Christdemokrat, dessen Konterfei neben der Schlagzeile "Heute gibt's Kohl" die Seite Eins des Blattes zierte, Diekmann an: "1976 habe ich das letzte SPIEGEL-Interview gegeben. Denn es war immer das Gleiche beim SPIEGEL: Der Text der Interviews war in Ordnung, aber drum herum haben sie eine herabsetzende Geschichte gebaut."
Dabei kam der SPIEGEL noch ganz gut davon - bedenkt man des Alt-Kanzlers Äußerung zum "Stern": "Zu diesem Blatt fällt mir gar nichts ein. Ich habe bis heute nicht begriffen, warum man eigentlich den 'Stern' lesen muss." Er habe das nur einmal getan: als der "Stern" behauptete, die Hitler-Tagebücher gefunden zu haben.
Und dann fand der Altkanzler noch ein paar selbstkritische Worte: "Und ich gebe auch zu, ich bin keine elegante Erscheinung, mein Auftreten entspricht nicht dem, was man in der Mediengesellschaft so schätzt. Ich war der Mann aus 'Oggersheim'".
Nur einen Steinwurf von der Springer-Zentrale entfernt
Diekmanns eigentliche Schaltzentrale, das Springer-Haus, befindet sich nur einen Steinwurf von der "taz" entfernt. Nie passte diese Metapher besser, muss sich Bascha Mika gedacht haben, als sie die Zeitung den "Lieblingsfeinden" der "taz" am Freitag (und nur an diesem Tag!) anvertraute. Denn vor genau 25 Jahren erschien die erste Probenummer der "taz" - und da durften mal die großen Vorbilder von der anderen Seite des politischen Spektrums heran. Diekmann & Co. durften ganz ohne Zensur in die Tasten hauen und endlich einmal das in der "taz" schreiben, was sie dort schon immer lesen wollten.
Der "Bild"-Chef, der wegen einer Satire über seine angebliche Penisverlängerung gegen die "taz" schon mal juristisch zu Felde gezogen war, gab sich versöhnlich. Schließlich seien die beiden Blätter die einzigen überregionalen Boulevardzeitungen." Und manchmal blicke er mit Neid auf "taz"-Schlagzeilen wie "Holzmann rettet Schröder".
Die Stamm-Redaktion griff der Feindesschar mit Rat und Tat unter die Arme und bot - wenn nötig - auch "emotionale Unterstützung" an, sagte Mika im Vorfeld. Ab Sonntag wird sie Flurbereinigung für die Sonderausgabe betreiben müssen - schließlich bediente sich die neue Redaktion sogar an Graffitis von der "taz"-Toilette und stellte sie schamlos auf die Seiten.
Unter der Frage "Gibt es ein richtiges Leben im Grünen" zählte die Zeitung 25 Gründe auf, warum es so schwer sei, als Grüner glücklich zu sein. "Weil man nicht in den Urlaub fliegen darf", "Weil man statt Brathendl teure Öko-Wurst kaufen muss" oder "Weil man hormonell nicht verhüten darf" lauteten einige Antworten der Jubiläumsredaktion.
Die Lieblingsfeinde ließen auch Oskar Lafontaine zur Gründung einer "Arbeitsgemeinschaft der Sozialdemokraten in der SPD" aufrufen und Jürgen Trittin durfte sich zur Frage äußern, ob sich Grüne über einen WM-Titelgewinn von Michael Schumacher freuen dürfen: "Ja, sie dürfen". Auch dies eine Premiere: Sonst lässt die "taz" die Formel 1 rechts liegen.
Und da die Grünen-Politikerin Claudia Roth, in einem giftgrünen Kleid einst von der "taz" zur "Gurke des Jahres" ernannt, wegen Krankheit abgesagt hat, durfte die PDS-Politikerin Gabi Zimmer zu einer Abrechnung mit Fidel Castro schreiten. "Ronald Schill darf in Kuba einreisen, Roth nicht - das sollte unbedingt in die Geschichte", schreibt sie.
Pastor Fliege will in einem "Wort zum Sonntag" die Leser auf den rechten Weg bringen ("Die kommen ja sonst nie auf die Knie") und wünscht sich aber nun doch eine Antwort auf die Frage, "warum wir die größten Arschlöcher" sind.
Das Beispiel habe zumindest gezeigt, meinte Bascha Mika, dass man eine Zeitung auch machen kann, "wenn Feuer und Wasser aufeinander treffen". Was soll sie auch anders sagen, wenn Franz Josef Wagner seine erste Begegnung mit ihr wie folgt beschreibt: "Und da saßen Sie durch nichts gezeichnet als von ihren blauen, blauen Augen. Hatten Sie lavendelfarbene Lippen in dieser Nacht? In meiner Erinnerung haben Sie duftendes blondes Haar und die Rumba-Hüften einer Verführerin. Und wenn ich die Augen schließe, dann sehe ich Sie bloßfüßig mit eintätowierten Blümchen über den Knöcheln..."
Diekmann bot im Gegenzug an, das "taz"-Team könne die "Bild"-Zeitung zu ihrem 75. Jubiläum gern gestalten. Aber das ist erst in 24 Jahren.