30 Jahre Talkshow: Pest oder Cholera? - DER SPIEGEL
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30 Jahre Talkshow Pest oder Cholera?

Drei Stunden Rederei über das Reden mit Beckmann, Willemsen, Schreinemakers & Co.: Zum 30. Jubiläum der deutschen Talkshow trafen sich zehn prominente Vertreter des Dauerquatschens in der ARD mit reichlich Anschauungsmaterial zum Therapiegespräch. Konnte das gut gehen? Es konnte.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist wieder mal Jubiläumszeit: 50 Jahre "Tagesschau", 40 Jahre Filtertüte (oder war's der Staubsaugerbeutel?), 35 Jahre "1968", 30 Jahre "Sesamstraße" - doch der Höhepunkt des erinnerungssatten Jahresbeginns war der 30. Geburtstag der deutschen Talkshow.

Unter dem Titel "Das Ganze eine Rederei" redeten bis gestern Nacht ein knappes Dutzend TV-Moderatoren drei volle Stunden lang in der ARD über ihr Gewerbe, die Talkshow, unterbrochen nur von historischen Einspielszenen aus all den Jahrzehnten der Rederei. Im Vorfeld hatten den geübten Zuschauer durchaus schwerste Bedenken befallen - Reden über das Reden mit Beckmann & Co: Kann das gut gehen?

Unter der leichthändigen Moderation von Anne Will entwickelte sich der dreiteilige Gesprächsmarathon jedoch zu einer unterhaltsamen, zuweilen amüsanten und sogar lehrreichen Angelegenheit. Eine Zeitreise mit dem Fahrstuhl ins Fernseharchiv. Beate Uhse erklärt Wolfgang Menge die Funktionsweise eines Kondom-Trockners: "Manche Männer wollen ihr Präservativ halt mehrmals benutzen."

Die erkenntnisleitende Grundfrage freilich blieb bis zum Schluss unbeantwortet: Fluch oder Segen, Verdummung oder Aufklärung, Demokratisierung oder Banalisierung, debattenstark oder einfach nur debil, Pest oder Cholera? Doch schon allein die Wiederbegegnung mit Margarethe "da-muss-ich-aber-weinen" Schreinemakers lohnte das Wachbleiben bis in die späte Nacht - ebenso das Wiedersehen mit Dietmar Schönherr als Elder Gentleman des Metiers, der vor 30 Jahren nicht ahnen konnte, dass er einmal mit einer Figur wie Andreas Türck zusammensitzen würde, jenem bekennenden Proletarier unter den Nachmittagstalkern, der damals allenfalls den bunten Abend eines Turn- und Sportvereins in Bocholt hätte organisieren dürfen.

Schön auch der Auftritt von Roger Willemsen als Professor für mediale und interdisziplinäre Hermeneutik, dessen exorbitante Sprechgeschwindigkeit der Entwicklung der eigenen Gedanken immer wieder mühelos den Rang abläuft, aber den Eindruck von tiefschürfender Intellektualität unauslöschlich in die Stirnen aller anderen Gesprächsteilnehmer eingräbt. Erich Böhme gab den Talkshow-Onkel, der seinen legendären Flop beim Versuch, Jörg Haider vorzuführen, recht flott und selbstgerecht überspielte und zudem nagende Zweifel daran aufkommen ließ, ob die Idee der verlängerten Lebensarbeitszeit wirklich weiterverfolgt werden sollte.

Johannes B. Kerner spielte wie immer den braven, aber aufgeweckten und turnschuhfitten Jungen, der sogar in der Lage ist, mal einen eigenen Fehler einzugestehen - wie im Fall der missglückten Live-Sendung nach dem Amoklauf von Erfurt. Christoph Schlingensief lieferte die bewährte Mischung aus Medien-Provokateur und verwuscheltem Schwiegermuttersohn, immerhin sympathischer als Reinhold Beckmann, Häuptling Triefauge mit dem Hang zum kritisch-vorbeugenden Verständnis. Geert Müller-Gerbes' ruhige, humorvolle und überlegte Art wünschte man sich da gern auf den Bildschirm zurück.

Amelie Fried glänzte in der Rolle der modernen und emanzipierten Frau, die auch mal was "zum Kotzen" finden kann - zum Beispiel die Vorführung jenes an vorzeitiger Vergreisung erkrankten Kindes in der Talkshow von Andreas Türck -, ohne als zeternde Emanze zu gelten. Wie anders war das noch damals, als Alice Schwarzer ihren wunderbaren verbalen Befreiungsschlag ("Wir lassen die Sau raus, gell?!") gegen den TV-Rüpel Klaus Löwitsch führte, der bei "3 nach 9" auf seinem Sofa grunzte, raunzte und rumlümmelte wie bei Hempels hinterm Kohleofen. Nach kurzer rhetorischer Gegenwehr trat der Über-Macho die Flucht aus dem Studio an.

Überhaupt war es in der Frühzeit der deutschen Talkshow häufiger zu verbalen und physischen Übergriffen gekommen. Da wurde einem Bordellbesitzer schon mal Wein über den Kopf geschüttet, hier und da flogen Gläser von Frauen auf Frauen, und Fritz Teufel attackierte Finanzminister Hans Matthöfer (SPD) mit der Spritzpistole der Spaßguerilla. Der Blick in die TV-Gegenwart zeigt: Fernsehen kann auch zivilisierend wirken. Dass die Talkshow, ob politisch oder populistisch unterhaltend, ob "Vera am Mittag" oder "Sabine Christiansen", immer auch eine Freakshow ist, bei der Geschmacksgrenzen sehr schwer zu ziehen sind, bleibt eine wichtige Einsicht nach 30 Jahren Quackeln und Quäken, Schreien und Mäkeln, Schimpfen und Lachen.

"Echt" muss das Ganze halt sein, meinte Müller-Gerbes, eine "Sucht" (Schlingensief) ist es sowieso, und es "entpolitisiert die Politik", wie Roger Willemsen meint, der einst Isabella Rossellini anhimmelte und mit der schönen Marie Bäumer den "Pferdeflüsterer" in Amerika besucht hat: "Ein sublimes propagandistisches Instrument."

Aber es ist eben auch ein Medium der (Selbst-)Aufklärung, manchmal schrecklich, peinlich, dumm und unerträglich, manchmal aber auch atemberaubend, spannend und erhellend, eine "Widerspiegelung des Zeitgeists", wie Amelie Fried meinte, eine fortlaufende Dokumentation der gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung, kurz: eine Sittengeschichte.

Es wäre einen Streit wert, ob die Bundesrepublik heute wirklich "unpolitischer" ist als vor 30 Jahren - und ob Fernsehen dümmer macht als früher. Sicher aber scheint, dass das Land liberaler geworden ist. Vielleicht sogar ein bisschen humorvoller. Professor Willemsen wählte eine antike Metapher: "Die deutsche Fernsehunterhaltung ist ein Trojanisches Pferd, in dem immer Guido Westerwelle steckt." Na bitte. Es gibt ihn also doch, den Fortschritt in der Geschichte.

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