68-Debatte bei "Maybrit Illner" Krawallrunde mit Crashtest-Dummies
Da hatte sich die Redaktion von "Maybrit Illner" aber eine ganz infernalische Konstellation ausgedacht, eine geradezu revolutionäre Schlachtordnung der Gefühle, ein Quartett des Grauens. Bewusst verzichtete man darauf, etwa die kenntnisreichsten Zeithistoriker der Revolte von 1968 oder gar prominente Akteure einzuladen, weder Gerd Koenen noch Wolfgang Kraushaar, weder Peter Schneider noch Daniel Cohn-Bendit.
Stattdessen regierte die vorhersehbare Dramaturgie des inszenierten Krawalls. Crashtest-Dummies statt ernsthaft, gar ruhig reflektierender Diskutanten. Die glorreichen Vier im ZDF-Hauptstadtstudio passten allerdings wunderbar zum gewohnt manichäisch formuliertem Thema: "Die 68er Befreier oder Zerstörer?"
Fluch oder Segen, Rettung oder Untergang? Drunter macht man's nicht, auch nicht 40 Jahre danach. Und so konnte jeder Fernsehzuschauer selbst seine ganz persönliche Zuordnung vornehmen: Claus Peymann und Jutta Ditfurth als "Befreier", Bettina Röhl und Götz Aly als "Zerstörer"? Oder vielleicht doch umgekehrt? Die Personnage im einzelnen:
- "Berliner Ensemble"-Intendant Claus Peymann, selbst ernannter "Reißzahn" im Berliner Regierungsviertel, berufsmäßiger Schwadroneur und dramatisch verkannter Bewunderer des revolutionären Kampfes, den stets andere geführt haben.
- Die Autorin und Ex-Grüne Jutta Ditfurth als melodramatisch verspätete Wiedergängerin von Ulrike Meinhof, eine Jeanne d'Arc ohne echtes Kriegserlebnis, dafür mit großer Erfindungsgabe gesegnet ("Rudi und Ulrike"); die einzige deutsche Linke, die sich niemals geirrt hat.
- Bettina Röhl ("So macht Kommunismus Spaß"), von den Abgründen ihrer Mutter Ulrike Meinhof zutiefst geprägt, eine überzeugte Anti-68erin ohne die Gnade der späten Geburt.
- Schließlich Götz Aly, Ex-Revoluzzer und Historiker, der nach 40 Jahren plötzlich entdeckt hat, dass die 68er eigentlich auch Nazis waren, wenigstens ein bisschen.
Als diskursive Puffer saßen noch Volker Kauder, CDU/CSU-Fraktionschef im Bundestag, und der Fernsehjournalist Heiner Bremer dabei. Es war also angerichtet, doch der ganz große Knall blieb aus.
An diesem Punkt hatte Claus Peymann ausnahmsweise einmal recht, als er gegen Ende "für die Revolution und die Unsachlichkeit" plädierte: Im Fernsehstudio 2008 geht es eben um nichts mehr. Allenfalls um abrufbare Reflexe und Gefühle aus zweiter oder dritter Empörungshand. "Wir sind alle irgendwie kastriert", bekundete der Intendant, dessen eigene Erregungsschwelle allerdings nach wie vor im gefühlten Zentimeterbereich liegt.
1968 ist wie der gute alte VW Käfer
Man kennt sich und man mag sich nicht. Man läuft rot an, aber in der nächsten Talkshow sieht man sich schon wieder. Manchmal wird auch gelacht. Letztlich ist das Ganze doch ein flotter Einakter mit Wiederholungszwang. Bis zur nächsten Vorstellung.
Stichworte wie "Generation der Hoffnung", "Totalitarismus", "Vietnam", "Verharmlosung der Nazizeit", "Sieg im Volkskrieg", "Idealismus" und "Gewalt" fliegen durch die klimatisierte Luft, und natürlich lässt man sich gegenseitig ungern ausreden. Aber das geschieht auch anderswo. "Werden Sie nicht ausfällig!", zischt Röhl Peymann mehrmals an. Eine klassische Tradition von 68, wie damals im Hörsaal VI, als noch handgreiflich um das Mikrofon gekämpft wurde.
Die schlichte Wahrheit ist: Gerade durch ihre offenkundige politische Niederlage haben die 68er kulturell und medial auf ewig gesiegt, und jede neue Erregungswelle, die durchs längst befriedete Land schwappt, ist nur ein neuer Beweis für die sensationelle Nachhaltigkeit dieser historischen Rebellion. 1968 ist wie der gute alte VW Käfer: Es läuft und läuft und läuft. Je häufiger die Revolte vor 40 Jahren geschmäht, totgesagt oder für alle Übel der Gegenwart verantwortlich gemacht wird am besten alles zugleich , desto lebendiger erstrahlt sie in der nostalgischen Erinnerung auch jener Zeitgenossen, die gar nicht dabei waren. "Das waren noch Zeiten", lautet der Cantus firmus.
Womöglich liegen Magie, Mythos und die identifikationsstiftende Kraft von 68 darin begründet, dass es, entgegen aller verbissenen Interpretationsbemühungen und ihrer meterdicken akademischen Staubablagerungen seither, im Kern eine optimistische Revolte war, die letzte im 20. Jahrhundert. So sehr das notorische "Dagegensein", Protest, Kritik und Widerstand rhetorisch zu dominieren schienen, so stark war ihr vitalistischer und hedonistischer Zug. Hinter jeder Provokation stand auch die Lust aufs Leben und die Sehnsucht nach Freiheit und Glück.
Politik - ein Sponti-Plenum im Talkshow-Format
Jürgen Habermas irrte auf symptomatische Weise, als er auf die Frage, was von 68 geblieben sei, vor Jahren antwortete: Rita Süßmuth.
Die einzig richtige Antwort lautet natürlich: Uschi Obermaier.
Selbst Kauder, der vor allem Intoleranz und die Gewalt gegen Andersdenkende kritisierte, ließ sich zu der Bemerkung hinreißen, 68 sei eine "spannende Zeit" gewesen, die einiges auch zum Besseren gewendet habe. Als Peymann die "unklaren Fronten" in der globalisierten Unübersichtlichkeit beklagte, sekundierte Kauder fast fröhlich: "Provokation gelingt nicht mehr, gell!" Da ist was dran.
Heute provozieren Dieter Bohlens Sprüche tausendmal mehr als jede Erinnerung an die revolutionären Reden von Rudi Dutschke. Und auch der Maoismus ist nicht mehr wirklich eine brandaktuelle Gefahr in jenem historischen Augenblick, da der olympische Fackellauf auf seinem weiten Weg nach China zum Spießrutenlauf für die herrschende pseudokommunistische Parteiclique in Peking wird.
Der vielleicht größte Triumph von 68 besteht darin, dass Deutschland eine einzige Wohngemeinschaft geworden ist. Aus dem ewig tagenden Reichstag des Mittelalters ist ein Sponti-Plenum im Talkshow-Format geworden, und alle machen mit. So kann immer wieder neu gestritten werden über Zerstörung oder Befreiung, Rettung oder Untergang, taufrisch wie am ersten Tag.
Recht blass blieb dabei Aly mit seinem Versuch, kurz vor dem Eintritt ins Rentenalter noch schnell die endgültige Anklageschrift gegen seine Generationsgenossen zu verfassen nach der Methode: Haltet den Dieb! Mit Mao sei man "einem Massenmörder hinterhergelaufen" - wie die Eltern der 68er Adolf Hitler - und habe "Sieg im Volkskrieg!" geschrien.
Der Kampf geht weiter
Die 68er als getreue Kinder ihrer Nazi-verseuchten Eltern. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Die Nazi-These sei doch reine PR für Alys Buch, konterte Ditfurth und wartete mit einer echten historischen Information auf: Auch auf dem Klo ihres berühmten und konservativen Vaters Hoimar von Ditfurth habe eine "Mao-Bibel" gelegen, Provokation pur. Selbst bürgerliche Verlage hatten damals mit den Worten des Großen Vorsitzenden ihr Geschäftchen gemacht.
Röhl konnte das keineswegs besänftigen. Bis heute sieht sie den verheerenden "68er-Virus" am Werke, die böse 68er-"Sekte" mit ihren "leicht irrsinnigen Zügen". Fast Mitleid empfinde sie inzwischen mit den "fetten alten Säcken", jenen "gescheiterten Existenzen", die die damals "perfekte Bundesrepublik" attackiert und nichts als "einen Haufen Mist" produziert hätten. Zur Strafe sollten sie nun ihre gewiss ebenso fetten Pensionen an die bildungshungrigen Jungen weiterreichen.
Dann aber, mit Verlaub, käme es zur Rentnerrevolte 2018.
Hier hielt es nun selbst der soignierte Heiner Bremer, 1967/68 Chef der Jungdemokraten, nicht mehr aus und setzte zur freilich kritischen Verteidigungsrede an. Selbst die FDP habe damals doch auf ihrem Parteitag Ralf Dahrendorf mit Rudi Dutschke streiten lassen. Die verallgemeinernde Rede vom "Totalitarismus" der 68er gehe ihm "auf den Geist". Gerade in ihrer Frühphase 1966/67 sei die Revolte eine Freiheitsbewegung gewesen.
Claus Peymann setzte noch einen drauf und schwärmte von den "goldenen 68er Jahren, wie die goldenen zwanziger Jahre!"
Da nahte schon das Ende der turbulenten Gruppensitzung, die Supervisorin Maybrit Illner gewohnt streng, im Geiste aber antiautoritär, leitete. Dennoch konnte sie nicht verhindern, dass sich Röhl und Ditfurth, die sich hier zum ersten Mal im Leben leibhaftig begegneten, lautstark ineinander verkeilten. Angeblich will Röhl Ditfurths Bücher über Meinhof verbieten lassen.
Der Kampf geht also weiter. Und wir haben wieder einmal darüber geredet.