700. Tatort: Straßenbahn ins Nirgendwo - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

700. Tatort Straßenbahn ins Nirgendwo

CSI-Gewäsch statt Regionaldialekt, Großstadt-Einerlei statt Lokalkolorit - nach Saarbrücken und Stuttgart kommt es nun auch im Leipziger "Tatort"-Revier zum zeitgeistigen Generationswechsel. Ausgerechnet zur 700. Sendung drängt sich die Frage auf: Ist der Krimi-Klassiker noch zu retten?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Schicker Rollkoffer statt schäbiger Aktentasche: So einfach lässt sich der Generationswechsel beim Leipziger "Tatort" auf den Punkt bringen. Während Peter Sodann Ende letzten Jahres nach 45 Krimi-Episoden als Hauptkommissar Ehrlicher mit dem obligatorischen Lederlumpen unterm Arm in den wohlverdienten, aber ungewollten Ruhestand schlurfte, eilt sein Nachfolger Martin Wuttke als Profiler zeitgeistigen Zuschnitts bei seiner Ankunft nun mit modernsten Reiseutensilien über den Hauptbahnhof.

Gerade klickert und klackert der von Wuttke verkörperte Hauptkommissar Andreas Keppler mit seinem Rollkoffer die Stufen zum Vorplatz des schön restaurierten Leipziger Kopfbahnhofs herunter, da kriegt er bereits den ersten dienstlichen Anruf. Drei, vier Worte am Handy reichen, dann sitzt er schon in der Straßenbahn und rattert geschwind zum Tatort, wo die Leiche eines mutmaßlichen Kinderschänders von ihm inspiziert werden will.

Ein bisschen was von der Stadt sieht man also schon in der ersten Folge des upgedateten Leipziger "Tatorts", der zugleich die 700. Episode der Krimi-Reihe ist. Ohne diese doch recht einfältigen touristischen Impressionen wüsste man allerdings auch gar nicht so genau, auf welche Stadt man gerade blickt. Ansonsten gibt es hier nämlich keine wirklich markanten Orte und keine speziellen Typen, die als Hinweis auf den Handlungsort dienen könnten. In gewisser Weise düst Keppler mit der Straßenbahn ins fernsehtopographische Nirgendwo.

Ist das nun Leipzig? Oder Stuttgart? Oder Saarbrücken? In allen drei Städten wurden ja zuletzt die Tatort-Reviere runderneuert. Und die zuständigen ARD-Anstalten legten offenbar größten Wert darauf, alles Regionale, alles Mundartliche, alles Sperrige aus den Settings zu fegen. So führte der Generationswechsel geradewegs in die TV-Globalisierungsödnis. Die Ermittler sprechen jetzt meist wie Profiler in amerikanischen Serien, die Tatort-Besichtigungen werden schon mal in Szene gesetzt wie bei "CSI", und statt Erkundungszügen durch die unterschiedlichen Quartiere der jeweiligen Stadt gibt es launige Crashtesttouren.

Am schmerzlichsten aber ist die Auslöschung jeden Dialekts in diesem grob genormten Fernsehdeutschland. Beinahe nostalgisch wird da demjenigen zumute, der an die verrenteten Vorgänger denkt. Denn ob man nun den saarländischen Quadratschädel Palü nimmt, den schwäbischen Weinschwenker Bienzle oder eben den sächsischen Bratkartoffelfresser Ehrlicher – man arbeitete sich Folge für Folge an ihnen ab. Der Zuschauer musste diese ollen Grantler nicht mögen, um sich nach jeder Episode neu die Frage zu stellen: Was haben die da eigentlich genau gesagt? Als Norddeutscher konnte man so eine Menge über die Eigenheiten der südlicheren Regionen lernen. Das war ja das Bemerkenswerte an den alten "Tatorten": Man musste sich eingestehen, wie fremd einem doch das eigene Land ist.

Bei den neuen windschnittigen Fernsehermittlerteams vom SR, SWR und MDR ist das ganz anders: Alles so vertraut hier, alles so langweilig. Man wird das Gefühl nicht los, dass da eine von allen ARD-Intendanten abgesegnete Leitlinie existiert, entlang der die zuständigen Redaktionen ihre "Tatorte" auszuarbeiten haben, so dass es keine Unterschiede mehr zwischen Nord und Süd, Ost und West gibt.

Und so ist es nun eben auch beim generalüberholten "Tatort" aus Leipzig. Zwar hat man sich da einen verwegenen dramaturgischen Clou gegönnt und das Ermittlerduo aus Ex-Eheleuten zusammengesetzt – Drehbuchautoren und Darsteller hat das indes nicht beflügelt. Wuttke als Keppler und Simone Thomalla als Ermittlerin Eva Saalfeld geben vielmehr das altbekannte Doppel aus soziopathischem Profiler-Genie und sanfter Kommunikationswalze. Während er wortkarg Tatort und Verdächtige scannt, agiert sie als eloquente Vermittlerin.

Mal abgesehen davon, dass diese Rollenverteilung sehr viel feinnerviger und überraschungsreicher schon im Münchner "Polizeiruf 110" praktiziert wird, vermisst man doch die in Vorab-Interviews so viel beschworene Chemie zwischen den Hauptdarstellern. Nein, der Berliner Theaterstar Wuttke ("Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui") und die Sat.1-Komödien-Trulla Thomalla ("Entführ mich, Liebling!") agieren mit solch unterschiedlichem Temperamenten und in solch unterschiedlichen Tonlagen, dass man ihnen kaum abnimmt, ihre Figuren seien einmal ein Paar gewesen.

Die Kriminalisten in "Todesstrafe" (Regie: Patrick Winczewski, Buch: Mario Giordano und Andreas Schlüter) bleiben also Behauptung, der Fall wirkt arg konstruiert. Wie sich der einsame Wolf Keppler im Schein einer pittoresk flackernden Hotel-Leuchtschrift zum Nachdenken aufs quietschende Bett legt, wirkt ebenso gewollt wie die beherzte Hemdsärmeligkeit, mit der sich Kollegin Saalfeld durch Behördengänge und Verhörzimmer schiebt. Den Plot um einen vermeintlichen Kinderschänder und einer reaktionären Bürgerwehr hat man hingegen offensichtlich aus Versatzstücken zig anderer "Tatort"-Episoden zusammengestottert.

So tritt ausgerechnet zur Jubiläumsfolge ein eklatantes Problem der Krimi-Reihe zutage: Sie ist offensichtlich erneuerungsresistent. Zwar sieht man in den Münchner oder Frankfurter Episoden immer wieder atemberaubend kühne Genre-Variationen und -Erweiterungen – ausgerechnet aber die unterschiedlichen Generationswechsel der letzten Zeit führten zu keinerlei Modernisierungsschub.

Nun liegen alle Hoffnungen auf Hamburg, wo im Herbst Mehmet Kurtulus als türkischstämmiger Cop seinen Dienst antritt. Wie wunderbar wäre es, wenn sich der "Tatort" dann inhaltlich und ästhetisch tatsächlich in Regionen wagt, die im Vergleich zum deutschen Ermittler-Einerlei aufregend und vielleicht sogar fremd erscheinen müssen. Ein bisschen Profiler-Gewäsch und ein leicht angezogenes Tempo jedenfalls, das beweist dieser trübe 700. "Tatort", machen noch lange keinen zeitgemäßen Krimi.

Mehr lesen über