ARD-Programmchef Struve zur Fußball-WM "Bleiben Sie in Deutschland!"
SPIEGEL ONLINE:
Herr Struve, die "Hamburger Morgenpost" rät ihren Lesern für die WM 2002 zu einem Vietnam-Urlaub, weil dort alle Spiele im Free-TV zu sehen sein werden. Gleichzeitig stellt man ARD und ZDF erzürnt die Frage: "Was habt ihr uns mit eurem 125-Millionen-Euro-Deal nur angetan?"
Günter Struve: Zunächst mal möchte ich feststellen, dass ich Deutschland im Sommer wesentlich schöner finde als Vietnam. Ich kann den fußballbegeisterten Zuschauern also nur dringend raten zu bleiben, weil sie hier alle interessanten Spiele, vor allem die mit deutscher Beteiligung, von Anfang bis Ende in der gewohnten Qualität bei ARD und ZDF sehen werden. Die Frage, ob man jedes der anderen Spiele sehen muss, die bisweilen auch gleichzeitig laufen - so dass man gar nicht alle live sehen könnte - halte ich für zweitrangig. Also: Bleiben Sie in Deutschland, und Sie werden große Fußballwochen erleben!
SPIEGEL ONLINE: Die Diskussion um die für den Vertrag mit Premiere ausgegebene Summe wird allerdings noch heikler, weil die KEF (Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten) gerade festgestellt haben will, dass die ARD bis 2004 einen Überschuss von 700 Millionen Euro an Gebührengeldern erzielen wird. Das könnte den Vorwurf der Gebührenverschwendung verstärken: Wer so viel Geld zur Verfügung hat, kann auch mal 125 Millionen in den Sand setzen.
Struve: In den Sand gesetzt wäre die Summe dann gewesen, wenn sich die deutsche Mannschaft nicht qualifiziert hätte. Dann hätten wir in der Tat ein Rechtfertigungsproblem bekommen, das sehe ich auch so. Die Mannschaft ist aber qualifiziert, und egal wie sie in Korea abschneidet, wird sie eine große Sogwirkung entfalten, und viele Millionen Menschen werden sich schon um die Mittagszeit am Fernseher versammeln. Natürlich ist die Summe hoch, weil sie aber auch das Eintrittsgeld für die TV-Rechte an der WM 2006 ist, halte ich sie für vertretbar.
SPIEGEL ONLINE: Sie gestehen, dass es durchaus möglich war, dieses Geld in den Sand zu setzen. Schließlich hing die Qualifikation der Völler-Elf am seidenen Faden.
Struve: Es ist aber nicht schief gegangen.
SPIEGEL ONLINE: Dennoch steht fest, dass England, Italien oder auch Frankreich wesentlich weniger für die Spiele zahlen als ARD und ZDF. Haben sich die Verhandlungsführer Albert Scharf und Dieter Stolte von Kirch "vorführen lassen", wie die "Süddeutsche Zeitung" schreibt?
Struve: Dass England und Frankreich deutlich weniger gezahlt haben, lag nicht nur an deren glücklicherem Timing, sondern auch an dem Umstand, dass die WM 2006 in Deutschland stattfindet und durch diese von uns gezahlte Summe ein nicht mehr widerrufbarer Einstieg für ARD und ZDF gewährleistet ist. Ein Problem, vor dem weder Engländer noch Franzosen standen. Hätte das Glück für 2006 zu Gunsten von Südafrika oder Brasilien als Austragungsland entschieden, was bekanntlich durchaus möglich war, und hätte Herr Beckenbauer nicht so geschickte Lobby-Arbeit gemacht, dann hätten wir auch nicht annähernd diesen hohen Betrag für 2002 aufbringen wollen, so viel ist sicher.
SPIEGEL ONLINE: Wie schwer wog der Druck der Politik, den etwa Bundeskanzler Gerhard Schröder auf sehr populistische Weise ausgeübt hat?
Struve: Zumindest in diesem Punkt hat es eine große Koalition gegeben, der zum Beispiel auch Edmund Stoiber angehörte; das war dann mal ein Punkt, wo die beiden sich schnell verständigen konnten. Natürlich sind so die Erwartungen noch geschürt worden: "Ihr dürft dem deutschen Fußballvolk diese Spiele nicht vorenthalten!", hat man uns aufgefordert. Dennoch würde ich weniger von Druck als von einem moralischen Appell sprechen.
SPIEGEL ONLINE: Immerhin heißt es, Sie hätten gerne unter den bekannten Bedingungen auf die WM-Rechte verzichtet und stattdessen lieber die Formel 1 gekauft.
Struve: Wenn die WM 2006 nicht nach Deutschland vergeben worden wäre, dann hätte ich in der Tat mit aller Macht dafür gekämpft, auf Fußball zu verzichten, und mich stattdessen auf das andere große Aphrodisiakum, die Formel 1, gestürzt. Da aber die Entscheidung für Deutschland rechtzeitig gefallen ist, habe ich just in diesem Moment meine Liebe zum Fußball sofort wieder entdeckt und meine Leidenschaft für die Formel 1 etwas erkalten lassen.
SPIEGEL ONLINE: War die für das ZDF peinliche Panne bei der geplanten Live-Übertragung der WM-Gruppenauslosung ein bitterer Vorgeschmack auf das, was den Zuschauer im Sommer bei den Spielen erwartet?
Struve: Nein, aber es war gut, dass es schon zu diesem Zeitpunkt passiert ist, weil so der Finger auf eine Wunde gelegt wurde, die bei den Spielen nicht aufbrechen darf und auch nicht aufbrechen wird. Denn die noch bestehenden Schwierigkeiten im Vertragswerk werden bis zum Mai ausgeräumt sein.
SPIEGEL ONLINE: Gerade erst aber hat der spanische digitale Satellitensender Via Digital darauf verwiesen, man habe die Exklusivrechte für alle in Spanien empfangbaren Übertragungsvarianten, also auch den analogen Satellitenempfang, der es etwa deutschen Urlaubern auf Mallorca möglich machen würde - via ARD oder ZDF - die Spiele zu empfangen.
Struve: Das ist ein Problem, das die KirchGruppe lösen muss und nicht die öffentlich-rechtlichen Sender, denn offensichtlich ist im Vertragswerk zwischen Kirch und den Spaniern nicht alles hundertprozentig eindeutig festgelegt. Dieses Problem muss, will und kann Kirch regeln.
SPIEGEL ONLINE: Noch bei der EM 2000 gehörte der Fußball gleichsam zur Grundversorgung durch die Öffentlich-Rechtlichen, jedes Spiel war live und in voller Länge zu sehen. Das wird nun erstmals anders sein. Gerade 25 von 64 Spielen werden frei zu empfangen sein. Müssen wir uns darauf einstellen, in Zukunft für solche Ereignisse stets extra zahlen zu müssen?
Struve: Wer alles sehen möchte, der muss etwa bei der EM oder bei den Olympischen Spielen auch in Zukunft nichts extra bezahlen. Bei Veranstaltungen, an denen die Öffentlich-Rechtlichen nicht die originären Rechte haben, kann man allerdings nur einen Teil sehen, ohne zur Kasse gebeten zu werden. Daran aber sind wir doch längst gewöhnt durch die Bundesliga oder auch durch die Champions League. Meine Prognose ist dennoch, dass die wirklichen Großereignisse mit deutscher Beteiligung auch im nächsten Jahrzehnt im Free-TV zu sehen sein werden, sei es bei ARD und ZDF oder bei Sat.1 und RTL. Nur die unbedingten "Die Hard"-Fans, die alles sehen wollen, werden sich in Zukunft im Pay-TV bedienen müssen.
Das Interview führte Andreas Kötter