Theater-Tipp: Italien in der Zeche - DER SPIEGEL
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Theater-Tipp Italien in der Zeche

Die Ruhrtriennale macht aus alten Industriehallen spektakuläre Theaterräume. Der Regisseur Christoph Marthaler baut sich in einer der Hallen nun sein eigenes Haus.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ob die Menschen, die früher in den Zechen des Ruhrgebiets gearbeitet haben, ihren Arbeitsplatz als schön empfunden haben? Hatten sie einen Sinn dafür, dass etwa die Maschinenhalle der Zeche Zweckel, 1909 erbaut im Auftrag Preußens, an ein herrschaftliches Schloss erinnern sollte? Haben sie die Jugendstil-Elemente gewürdigt, die Wandbemalungen?

Man darf vermuten: eher nicht. Diejenigen, die einen halben Kilometer und mehr unter der Erde schufteten, sahen von den überirdischen Bauten ohnehin nicht viel, den anderen betäubten Schmutz, Lärm und Hitze täglich zehn Stunden und mehr die Sinne.

Die Faszination, die Industrieanlagen wie die Zeche Zweckel heute auf den Besucher ausüben, hat viel mit diesem Schmutz und Lärm zu tun, mit den übermenschlichen Dimensionen dieser Anlagen, der unheimlichen Urgewalt des Feuers, die man immer noch zu spüren meint, als bildungsbürgerlicher Tourist, der keine Ahnung hat, wie sich die Arbeit hier einst angefühlt haben mag.

Die Ruhrtriennale, das 2002 gegründete Festival , das heute in seine neue Saison startet, nutzt diese Faszination sehr geschickt. Die Aufführungsorte sind hier immer Teil des Events: die Duisburger Gebläsehalle, das Maschinenhaus der Zeche Carl in Essen, die Jahrhunderthalle in Bochum (durch die es am 16.9. auch eine "Backstage-Führung" gibt).

Aber es ist gar nicht so einfach, gegen die Atmosphäre dieser verlassenen heiligen Hallen anzukommen. Eigentlich gibt es nur zwei Wege: Entweder man macht das Industriedenkmal selbst zum Zentrum der Aufführung, wie das etwa Andrea Breth und Christian Boltanski 2005 mit "Nächte unter Tage" in der Kokerei Zollverein Essen so faszinierend gelungen ist, ­oder man setzt der alten Architektur selbstbewusst etwas entgegen. Eine eigene Welt, die die alte vergessen macht.

Einer, dem das in diesem Jahr gelingen könnte, ist der Regisseur Christoph Marthaler, zusammen mit seinem Bühnenbildner Duri Bischoff. Für ihre Produktion "Sauser aus Italien. Eine Urheberei" stellen sie eine italienische Ferienpension der sechziger Jahre in die Maschinenhalle der Zeche Zweckel: Ein zweistöckiges Gebäude samt Dachterrasse, Balkon und aller ihr innewohnenden Trostlosigkeit. Sie entführen den Zuschauer in die versponnene Welt des italienischen Klangavantgardisten Giacinto Scelsi (1905-1988): Acht Schauspieler, die meisten von ihnen alte Marthaler-Weggefährten, kommentieren meist pantomimisch, häufig komisch und immer sehr melancholisch zehn Werke des esoterisch angehauchten Komponisten. Wer nur Mozart mag, ist hier fehl am Platz. Die anderen werden möglicherweise entdecken, dass auch die Stille in alten Industriehallen eine besondere ist.