Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche - DER SPIEGEL
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Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Das Leben war gut zu ihm, das Leben war böse zu ihm: Selbst ein Alles-gehört-alles-gelesen-Knochen wie Jan Wigger vergeht vor Rührung, wenn Glen Campbell mit bebender Stimme über 75 Jahre Leben singt. Nach der inneren Einkunft geht es dann begeistert mit Devil den Metal-Malstrom hinab.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Glen Campbell - "Ghost On The Canvas"
(Surfdog)

Natürlich ist es immer rührend, wenn ein Mann, der dem Tod Jahr für Jahr ein Stück entgegen geht, mit mal bebender, mal gefasster Stimme berichtet, dass das Leben gut zu ihm gewesen sei, dass er gelebt und geliebt und gelitten hat, gescheitert und wieder aufgestanden ist, um nun, mit 75 Jahren seine letzte Sammlung von Songs mit uns zu teilen. "Ghost On The Canvas" ist ein Geschenk, ein großes sogar, denn welcher in Ehren ergraute Glen-Campbell-Fan kennt schon Bob Pollards "Hold On Hope", das schönste Guided-By-Voices-Stück aus der kurzen und unglücksseligen Major-Label-Phase? Der Titelsong, den Paul Westerberg an Campbell abtrat, wird von honigsüßen Streichern getragen, das gloriose "It's Your Amazing Grace" verfasste Glen, wie viele andere Selbstauskünfte auf "Ghost On The Canvas", mit dem alten Vertrauten Julian Raymond. Auf Teddy Thompsons "In My Arms" gewähren Chris Isaak, Brian Setzer und Dick Dale dem alten Knochen mit unwahrscheinlicher Leichtigkeit Unterstützung. Selbst Roger Joseph Manning Jr. und Jason Falkner von Jellyfish bedienen ein paar Instrumente, denn Campbells Musik hat keine Zeit. Und sicher finden sich "Wichtita Lineman", "Gentle On My Mind" und "Rhinestone Cowboy" bis in alle Ewigkeit auf den bekannten Suchmaschinen. (8) Jan Wigger

dEUS - "Keep You Close"
(PIAS / Rough Trade)

Diese Enttäuschung, diese Schmach! Als man mir kürzlich umstandslos ein ebenso länglichen wie erhellenden Essay von Sascha Krüger zur neuen dEUS-Platte zukommen ließ, hoffte ich ganz kurz, es sei noch 1996, denn schon damals war Krüger (ein wunderbarer, aber vielbeschäftigter Mensch) ja dEUS-Fan und Carsten la Tendresse als "Visions"-Autor für Abseitigkeiten und feinere Stoffe noch in Amt und Würden. Warum man in Bezug auf "Keep You Close" dennoch so tun kann, als sei es 1996, liegt auf Tom Barmans Hand: Jedes dEUS-Album hätte zu jeder Zeit entstanden sein können. Erst gestern legte ich meinen Favoriten "The Ideal Crash" auf und es war noch genauso aufwühlend, brillant und unauslöschlich wie damals, als Anna noch in Hamburg wohnte und die regennassen Straßen noch schuldlos, rein und unbefleckt waren. "Keep You Close" ist nicht nur eine Art Bilanz, sondern auch eine Demonstration der Fertigkeiten dieser belgischen Sentimentalisten und Tränenfänger: "Twice" (mit Greg Dulli) und das schwerblütige Titelstück gehören in die dEUS-Top-20, die Nonchalance von "Ghosts" ist beinahe irritierend, doch die Vehemenz, mit der Barman in "Easy" ein Gewicht nach unten drückt, das nicht zu ihm gehört, wird man nicht vergessen: Alleinsein hat keinen Ton. (7) Jan Wigger

Devil - "Time To Repent"
(Soulseller Records)

Nein, auch die zwei Geisteskranken, die einmal im Monat die schon jetzt notorische Hartwurst-Rubrik "Amtlich" an euch verlorene Seelen da draußen rausschicken, haben nicht immer Zeit und Platz für all das, was da rattert, dröhnt und poltert. Und da Devil bereits mit der viel zu schnell ausverkauften "The Noble Savage"-7" "ein Ausrufezeichen gesetzt haben" (haha, just kiddin'!) und "Time To Repent" so herrlich rumpelt und nach toten Jungfrauen in getrockneter Landerde schmeckt, stellen wir es einfach mal vor. Um es kurz zu machen: Wer Pentagram, Trouble und Black Sabbath schätzt (und wer bitte schätzt Black Sabbath nicht?) und mit modernen Pro-Tools-Produktionen nichts zu tun haben will, kann mit "Time To Repent" ziemlich schnell der Coole von der Schule werden. Ganz groß: die traurig aus dem Off gebrummte Doom-Lektion "Death Of A Sorcerer". "Fields are painting what we left behind / Fields are painting what is in our mind." Hinab in den Malstrom! (7) Jan Wigger

Clap Your Hands Say Yeah - "Hysterical"
(V2 / Cooperative / Universal)

Literatur ist in allererster Linie ein Selbstgespräch, welches nicht unter Leuten und schon gar nicht im Fernsehen verhandelt werden sollte. Und Clap Your Hands Say Yeah sind eine Band der Selbstgespräche, die demzufolge nicht auf eine Bühne, nicht in die Öffentlichkeit, sondern nach Hause auf die Veranda gehört: Zu ihren Freunden mit den komischen Bärten, den komischen Brillen und den immer etwas nach einseitiger Ernährung aussehenden, ermatteten Gesichtern ihrer direkten Nachbarschaft. Wir erinnern uns: Erste Platte großartig, "Heavy Metal", "Details Of The War", "The Skin Of My Yellow Country Teeth" und "Upon This Tidal Wave Of Young Blood", Alec Ounsworths größter Talking-Heads-Moment überhaupt. Zweite Platte: Verweigerung, Genöle und allgemeine Unpässlichkeiten, doch aus dem kaputten Lärm von "Some Loud Thunder" schälten sich die kostbarsten Bijouterien: "Emily Jean Stock", "Love Song No.7", "Yankee Go Home". Überraschenderweise kommen Clap Your Hands Say Yeah mit "Hysterical" nun dem am nächsten, was man in unsteten Momenten als Pop-Album bezeichnen könnte: So allgemeinverträglich wie in "Same Mistake", "Ketamine And Ecstasy" und "Hysterical" waren sie bisher noch nicht; selbst auf dem schlampig verchromten "Into Your Alien Arms" (mit The-Cure-Gitarre, circa 1985!) leiert Ounsworth plötzlich lieblicher, weniger fordernd. "In A Motel" ist dann das fahle, zittrige Gruselstück, das dem Schrecken einen Namen geben soll: "But the ghost that comes around is a dead ringer for her / I see her in my nightmares discussing literature / With her hands around my neck". Der erste Satz ins Schwarze. (6) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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