Abspecken mit Kabel 1 Fettauge, sei wachsam!
Wenn 21 Übergewichtige in uniformierter Trainingskluft zu einer Massenwiegung schreiten, könnte man das dieser Tage auch für eine Disziplinierungsmaßnahme der Bundeswehr halten. Nachdem vorgestern der Wehrbeauftragte den adipösen Zustand der Truppe bejammerte, ist Fett wieder in aller Munde - oder zumindest die Sucht danach. Welch ein glücklicher Zeitpunkt für den Privatsender Kabel 1, seine neue Reality-Doku "Jedes Kilo zählt! Eine Insel wird schlank" zu starten.
Die 21 Schwergewichte sind allerdings keine wehrverpflichteten Fast-Food-Aficionados oder hüftspeckigen Offiziere sondern harmlose Zivilisten, allesamt Bewohner der kleinen Nordseeinsel Langeoog, dem Schauplatz der televisionären Massenabfettung. Drei Monate lang sollen hier zwei Körper-Coaches, eine Ernährungsberaterin und ein Personal Trainer, den Insulanern mit einem rigiden Abspeck-Programm auf den Fettleib rücken.
Wer nun ein beinhartes Food-Camp mit Schwabbelfleischbeschau erwartet, oder schmallippigen Schlankheitsterrorismus befürchtet, dem sei gesagt: So dicke kommt's nicht. Die beiden Coaches pflegen ein eher selbstironisches Verhältnis zu ihrem Job ("21 Menschen, die uns danach hoffentlich nie wieder sehen wollen"), Ekelpassagen sind in Bild und Ton nur spärlich verstreut. Ab und an blitzen zwar ein paar kariöse Zahnreihen auf oder Kandidatin Ramona (103 Kilo) präsentiert sich unvorteilhaft im Badeanzug, derweil eine Stimme aus dem Off maliziös ihre Kalorien-Karriere resümiert ("In Halle an der Saale ist sie groß, auf Langeoog ist sie breit geworden"). Das war's dann aber auch mit dem Beleibten-Bashing.
Nach den Regeln des Privatfernsehens - und der ernährungssoziologischen Faustregel "Je doofer, je dicker" - hätte man anderes erwarten dürfen; des Zuschauers Appetit zügelnde Blicke nach Kreuzberg oder Marzahn etwa.
Denn wo sonst als in diesen ökotrophologischen Sahelzonen tun sich jugendliche Food-Delinquenten an Burgern ungütlich oder verfüttern Hartz-IV-Mütter Döner an ihre Kleinen? Das zumindest suggeriert der seit einiger Zeit voller Milieu-Dünkel geführte Kreuzzug gegen Fette, nach dessen Ratio die Unterschicht wegen finanzieller und soziokultureller Mangelernährung unter echter Mangelernährung leidet - und so über den Umweg horrender Kosten auch die Gesundheit der Volkswirtschaft gefährdet.
Das neue Format erzählt dagegen augenzwinkernd vom großen Leiden an der großen Masse - und von den im Neujahrs-Vorsatz-Plauderton vorgetragenen Diätträumen bundesdeutscher Schwergewichts-Normalos. Die Pizzeria-Betreiberin Ines (115 Kilo), ihr Reitpferd bürstend, berichtet, sie wolle dem Rücken des Rosses zuliebe abnehmen. Der pfundige Webdesigner Torsten (107 Kilo), will - wenn auch widerwillig - auf seine Bierchen nach der Chor-Probe verzichten. Und Lehrer Uwe (100 Kilo) hat seine Verbeamtung verbockt, weil die Waage seinem Dienstherrn zuviel anzeigte - jetzt reicht's, sagt sich der füllige Pädagoge.
Alles kreuzbrave Menschen also, deren Fett-Erwerbsbiografien bestimmt sind von einer an selige Wirtschaftswunderzeiten gemahnenden "Wir können's uns ja leisten"-Mentalität, wie es sie so wohl nur noch in der Provinz gibt. Die "Kein schöner Land"-Ästhetik mit eingespielten Sonnenauf- und Untergängen tut ein Übriges, dass man sich eher in einem betulichen NDR-Format wähnt, als in einer Diät-Doku im Privatfernsehen.
Mit Speckverlust fängt man Mäuse
Dabei ergibt diese Mittelschichts-Fixierung durchaus Sinn. Seit einiger Zeit schon erfinden sich die Privaten mit Formaten wie "Die Ausreißer" oder "Raus aus den Schulden!" (beide RTL) als Sozialstaatsfernsehsender neu. Die Reality-Dokus bieten eine Art massenpsychologischen Ersatz für die staatliche Umverteilungsmaschinerie, die - je nach politischer Lesart - nicht mehr leisten kann oder leisten will, was sie früher einmal versprochen hatte.
Hier dockt das neue Kabel-1-Format an und betreibt Politik mit den Mitteln des Fernsehens, genauer: Gesundheitspolitik. Dabei bedient "Jedes Kilo zählt!" keine sozialpolitischen Sehnsüchte nach besseren Zeiten, sondern schreibt aktuelle Diskussionsansätze in die Zukunft fort; so etwa - ganz pragmatisch - Bonusmodelle, die man aus der Diskussion um mehr Eigenverantwortung in der Gesundheitsvorsorge kennt, die aber erst in Ansätzen realisiert sind.
Bei Kabel 1 heißt dieses Bonusmodell schlicht: Mit Speckverlust fängt man Mäuse. Denn für jedes verlorene Kilo vergibt der Sender 100 Euro an die Abnehmwilligen. Irgendwann, das ist so sicher wie das diffuse Unwohlsein nach einem McDonald's-Menu, werden auch die Krankenkassen eine Kilo-Prämie ausloben und Beiträge rückerstatten - und eben das lohnt sich nur bei Menschen aus der Mittelschicht, die überhaupt nennenswerte Eigenbeiträge zahlen. Mit sanfter Hand modelliert man so nicht nur den im Turbokapitalismus überlebensfähigen Sozialstaat, sondern auch wettbewerbsfähige Körper.
Auf Langeoog bleibt da freilich noch einiges zu tun. Bei der Massenwiegung brachten es die 21 Abnehmwilligen auf ein Gesamtgewicht von 2170 Kilogramm.
"Jedes Kilo zählt! Eine Insel wird schlank", ab heute immer donnerstags, 21.15 Uhr, Kabel 1