Afghanische Kunst "Mona Lisa im Schuhkarton"
Als David Kamansky, der Leiter des kalifornischen Pacific Asia Museums, das Päckchen öffnete, traute er seinen Augen nicht: In dem ordinären Pappkarton lagen die Scherben eines 2000 Jahre alten Elfenbein-Kästchens. Das mit aufwendigen indischen Prägungen versehene Schmuckstück stammte unzweifelhaft aus der berühmten Begram-Sammlung des ehemaligen Nationalmuseums in Kabul.
"Für jemanden wie mich war das, als ob ich die 'Mona Lisa' in Einzelteilen ausgehändigt bekommen hätte", sagte Kamansky gegenüber der "New York Times". "Ich hatte einen der größten Schätze der Menschheit vor mir, in einem Schuhkarton, eingewickelt in Toilettenpapier." Nichtsdestotrotz lehnte der Museumsleiter das Angebot über mehrere hunderttausend Dollar ab - der Weiterverkauf von Museumsstücken ist in den USA verboten. Seitdem sei der Schatz nicht wieder aufgetaucht, sagte Kamansky.
Der Niedergang der afghanischen Kultur ging einher mit den zahlreichen Kämpfen, unter denen das Land zu leiden hatte. 20 Jahre Bürgerkrieg forderten ihren Tribut, alles weitere erledigte das Taliban-Regime, das Bildnisse und Kunstgegenstände als islamfeindliche, "falsche Idole" brandmarkte und ausmerzte. Das Nationalmuseum in Kabul, das eine außergewöhnliche Sammlung zentralasiatischer Kunst beherbergt hatte, wurde Augenzeugenberichten zufolge bis auf einen kleinen Raum mit islamischer Kunst völlig zerstört. Grausiger Höhepunkt der Vernichtungsaktion war die Zerstörung der bekannten Buddha-Felsstatuen in Bamiyan im vergangenen März.
Alarmiert von Taten wie diesen lockerte die Unesco die Exportbedingungen für Kulturgüter in Afghanistan. Damit sollten die Kunstwerke bis zu ihrer eventuellen Rückführung nach Afghanistan sicher gestellt werden. Stattdessen flossen viele der Kulturschätze in den privaten Kunstmarkt.
Seit März 2001 bekomme er wöchentlich Kunstgegenstände aus Afghanistan angeboten, berichtete der Vizepräsident des Auktionshauses Sotheby's, Edward Wilkinson, der "New York Times". Doch auch das Traditionsauktionshaus lehnt derartige Offerten ab: "Diese Dinge können wir nicht zum Verkauf anbieten", sagte Wilkinson.
Als Sammelhort für afghanische Kunstschätze dient seit einigen Jahren ein Museum in der Schweiz. Nachdem die Ausfuhrbedingungen für afghanische Kulturgüter gelockert wurden, gelangten viele Objekte nach Bubendorf, einem kleinen Ort in der Nähe von Basel. Paradoxerweise war das afghanische Museum ursprünglich von der Taliban-Regierung und Führern der oppositionellen Nordallianz ins Leben gerufen worden, um wertvolle Kulturgüter zu schützen. Mittlerweile ist die Sammlung, die von Spendengeldern und einem Unesco-Zuschuss in Höhe von 10.000 Dollar unterstützt wird, von einigen hundert auf über 2000 Exponaten angewachsen. Alle Kunstwerke gehen als freiwillige Spende an das Museum.
Ein Großteil der afghanischen Kulturgüter befindet sich nach Einschätzung von Experten jedoch nach wie vor in einer Grauzone. Den Besitzern ist es zu riskant, die wertvollen Objekte auf dem internationalen Markt zu verkaufen - an ein Museum wollen sie die kostbaren Stücke jedoch auch nicht abgeben. David Kamansky vom kalifornischen Pacific Asia Museum hat nun einen Appell an Sammler und Museen gerichtet: Er forderte die Kunstliebhaber auf, afghanische Kunst auf dem Schwarzmarkt zu erwerben und für Friedenszeiten aufzubewahren.