Airline-Design: Alle Röcke fliegen hoch! - DER SPIEGEL
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Airline-Design Alle Röcke fliegen hoch!

Nostalgie über den Wolken: Keith Lovegroves Bildband "Airline - Identity, Design and Culture" ist nicht nur ein Blick zurück an Bord - er ist ein modisches Muss.
Von Wiebke Brauer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Was vom Fluge übrig blieb: Der verschmähte Keks in Zellophan, die vage Erinnerung an einen zurechtgestutzten Film und das leicht angefrorene Lächeln einer Stewardess in Dunkelblau. Auf sehr viel mehr Eindrücke bringt es der durchschnittliche Passagier nach einer Reise durch die Lüfte heute nicht - von den üblichen Durchblutungsstörungen einmal abgesehen. In dem Bildband "Airline - Identity, Design and Culture" findet sich hingegen etwas, was sich der geneigte Flugpassagier heute nicht mehr vorstellen kann: Flugzeuge, deren Innenleben es erlauben, sich genussvoll auszubreiten.

"Airline" ist ein geschichtlicher Abriss über das Design von Fluglinien. Das Bildmaterial ist üppig, über dreihundert Fotos zeigen die Entwicklungsstufen der Kostümierung von Stewardessen, dessen, was man vor vierzig Jahren unter einem Bordmenü verstand, und wie man sich - wohlgemerkt - bettete. Dazu sind die Bilder mit einem von Keith Lovegrove verfassten Begleittext versehen. Der Autor ist sowohl in Formfragen beschlagen als auch ein Kenner der fliegenden Materie. 1985 gründete er in London die Designberatung Lovegrove Associates, arbeitete mit Phillipe Starck und veröffentlichte verschiedene Bücher zum Thema Gestaltung. Als Sohn eines Fluglinienangestellten jettet er seit den späten fünfziger Jahren durch die Lüfte.

Vielleicht liegt in Lovegroves eigener Geschichte auch der Grund für den nostalgischen Ton des Buches: So beschwört er in Wort und Bild noch einmal die goldene Ära des Fliegens mit großen Bars und gefälligen Interieurs herauf. "Airline" ist also auch ein Abgesang auf den Glamour des Fliegens, ein Glanz, der in den späten Sechzigern durch das Aufkommen der Massenabfertigung sein Aus fand. Einst war der Luftverkehr durch das Showbusiness geprägt, große Stars entstiegen den Maschinen und wurden bejubelt, das Essen wurde auf echtem Porzellan gereicht. Und so mokiert sich Lovegrove über die zunehmende Gesichtslosigkeit der Fluggesellschaften, die sich, aus Wirtschaftlichkeit und um niemanden vor den Kopf zu stoßen, beim Design auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen. So groß ist die Freiheit über den Wolken eben doch nicht mehr.

Dennoch ist Lovegroves Buch nicht nur ein großer Katzenjammer. Auf höchst unterhaltsame Weise widmet sich der Autor im ersten Teil des Buches der weiblichen Besatzung. Die Engel der Lüfte sind mehr als nur "Trolley-Dollys", sie sind die Knotenpunkte, an denen sich Firmenimage und Zeitgeist treffen. Die Erscheinungsform Stewardess bietet ein erquickliches Thema für kuriose Formen, die sich auch in der Sprache niederschlagen. 1965 ist in einer Unternehmensbroschüre der inzwischen nicht mehr existenten Fluggesellschaft Braniff das Anforderungsprofil für weibliches Luftpersonal wie folgt beschrieben: "Eine Braniff International Stewardess ist eine schöne Frau, eine Freundin für jeden, der ihr Flugzeug betritt. Sie ist ein Vorbild darin, wie man geht, sitzt, steht, Make-up benutzt und das Haar frisiert."

Die modischen Phänomene stehen den sprachlichen in nichts nach. Da entdeckt der Leser Braniffs Allround-Freundinnen in Hot Pants und Schnürstiefeln, und ein echtes optisches Schmankerl ist natürlich jener Helm aus Plexiglas, dessen einziger Daseinszweck der Schutz der sorgfältig in Form gelegten Frisur der Hostess ist. Diese transparente Absonderlichkeit wurde in den Sechzigern von Emilio Pucci für die Linie Braniff entworfenen und ist zugegebenermaßen ein guter Grund, wehmütig in die Vergangenheit zu blicken. Nun, zumindest für einen Designer.

"Airline - Identity, Design and Culture" ist also in erster Linie eine historische Zeitreise, denn es ist retrospektiv - und da ist es schon, das Wort, das den hartnäckigsten Trend unserer Zeit ausmacht. Retro ist in, Retro ist jetzt, und deshalb ist auch klar, zu welchem Zweck man dieses Buch unbedingt braucht: Man muss in einem Flugzeug kauern, die Haare sind über die Ohren gewachsen, der Anzug stammt aus den Fünfzigern und der Nachbar sieht einem in Haltung und Outfit verdächtig ähnlich. Und wenn dann die stromlinienförmlige Stewardess an einem vorbeilächelt, vertieft man sich mit einem Seufzer in seine bald erscheinende Neuauflage dieses Buches.

Keith Lovegrove: "Airline - Identity, Design and Culture". teNeues Verlag, Kempen; 144 Seiten; 49,80 Mark.