"Aller Seelen": Dämon aus deutscher Erde - DER SPIEGEL
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"Aller Seelen" Dämon aus deutscher Erde

KZ-Häftlinge werden in Erdbeermarmelade ertränkt, ein riesenhafter Gartenzwerg thront als Symbolbild des Wahnsinns auf der Bühne. Mit "Aller Seelen" hat Johann Kresnik, letzter Bürgerschreck des deutschen Theaters, die eigene Biografie als Droge entdeckt.
Von Matthias Heine
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ganz kurz vor dem Ende seiner Amtszeit als Intendant des Hamburger Thalia Theaters hat sich Jürgen Flimm noch einen lang gehegten Herzenswunsch erfüllt: Er holte für die Uraufführung von Werner Fritschs "Aller Seelen" ausgerechnet Johann Kresnik ins Haus, die sympathischste aller Krawallschachteln des deutschen Theaters.

An der heimatlichen Berliner Volksbühne sah Kresnik zuletzt oft alt aus bei seinen Bemühungen, ganzkörpergepiercte Jungspunde zu rühren. Doch nun scheint es, als sei er nach langen Irrwegen endlich wieder in einem ihm gemäßen Hafen angekommen. Seine größten Erfolge hatte Kresnik immer, wenn er seinen gefühlskommunistischen Furor in bürgerlichen Gemischtwarenläden austobte - beispielsweise in Bremen oder Heidelberg. Der letzte noch blühende Sproß des Abonnentenschreck-Theaters braucht den Bürger als Gegenüber - und wo, wenn nicht am Thalia, sollte der noch zu finden sein?

Das Stück von Werner Fritsch erzählt aus der Perspektive eines greisen Kindes (Joachim Konrad) von den Verwirrungen einer österreichischen Bauerngemeinschaft, die nie weiß, ob sie sich vor den Nazis oder den ebenso regelmäßig auftauchenden Partisanen ducken soll. Beim Bemühen, zu überleben und gleichzeitig einen Rest Würde zu wahren, scheitert der Vater (Michael Altmann): er wird vom SS-Mann Geigenbauer (Helmut Zhuber) erschossen.

Nicht nur Fritschs Großvater wurde 1945 ermordet, als befreite KZ-Häftlinge dessen Bauernhof plünderten. Auch Kresniks Vater wurde im Krieg vor den Augen des damals Dreijährigen von slowenischen Partisanen erschossen. Kresnik, der sich so oft an den Lebensläufen ferner Berühmtheiten abgearbeitet hat ("Jünger", "Frida Kahlo"), scheint im 61. Lebensjahr die eigene Biografie als Reizmittel zu entdecken.

Die aus pfälzischer Mundart destillierten Sprachbilder Fritschs spiegelt der Regisseur in Ekeltableaus einer karnevalistisch aufgekratzten Albtraumrevue - ein paar entblößte Gemächte haben die Thalia-Verantwortlichen unnötigerweise bewogen, das Stück erst ab 18 freizugeben. Gleich im Foyer empfangen den Besucher salatwiederkäuende Schauspieler. Blut fließt literweise, Zehen werden mit der Zange abgerissen. Doch wirken die vertrauten Kresnik-Tricks frisch, weil die Ratlosigkeit darüber, wie Menschen dies alles einander antun können, noch immer ganz authentisch ist.

Das Totem in dieser Geisterbeschwörung ist der Gartenzwerg. Gartenzwergmützen tragen die Mörder ebenso wie ihre Opfer, einmal wird ein riesiger grinsender Gnom auf die Bühne gehievt, aus dessen Bauch die Akteure entsteigen. Der Gartenzwerg ist hier kein freundlicher Wichtel, sondern ein Dämon, der aus der deutschen Erde sprießt, die vergessene und verdrängte Leichen birgt.

"Aller Seelen" von Werner Fritsch und Johann Kresnik. Aufführungen am 15., 16., 17. und 29. Mai um 20 Uhr. Karten: (040) 32814444 oder unter www.thalia-theater.de .

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