"Alles wird gut" Die Heilkraft des Kussmunds
Das Wichtigste lässt sie gleich im Begrüßungs-Sermon fallen: 70 Prozent der Deutschen interessieren sich für alternative Heilmethoden. Da wär's doch Quoten vor die Säue, wenn man nicht mal eine Sendung dazu machen würde, oder, Nina Ruge?
Genau. Neunmal darf die Blondine mit den stets ein wenig kühl hochgezogenen Kussmundwinkeln im Sommer auf Kerners Donnerstagabend-Sendeplatz über "Lebensfragen und -gestaltung" reden. Was, wenn man sich Ruges Sendeplan anguckt, vor allem mit spirituell-esoterischen, irgendwie diffusen "Herzensthemen" zusammenhängt, über die sich traditionell reden lässt, weil jeder seine eigene Wahrheit weiß, erlebt hat und bereit ist, vehement zu verteidigen: Über Wahrsagerei möchte sie etwa in den nächsten Wochen noch plauschen, über den Glauben an sich, Selbstheilung und die große Liebe. Klingt irgendwie hausbacken, das stimmt, aber wer bei so etwas wirklich absolut nie hängen bleibt, der werfe den ersten Stein.
Bei Ruges Premiere gestern Abend ging es nun um "Neue Heilmethoden", und Ruges Redaktion hatten genau die Richtigen eingeladen: den Schauspieler Michael Lesch, der seine Krebserkrankung mit Schulmedizin besiegt hat, und eine Heilpraktikerin, die ihrem Brustkrebs mit Schamanin und "der Kraft der Erde" den Garaus machte. Dazu natürlich die üblichen Pro- und Contra-Ärzte und Forscher, die eigentlich immer nur das bestätigten, was das Problem an Themen wie diesen ist: Jeder muss seinen eigenen Weg finden. Ja, es gibt Selbstheilungskräfte, aber man kann sich nicht darauf verlassen, beim Krebs unglücklicherweise genauso wenig wie auf die üblichen Medikamente. Und ja, es gibt immer wieder Fälle, in denen Menschen schwere Erkrankungen mit Alternativmethoden heilen, aber dagegen stehen die vielen nicht erfolgreich therapierten Kranken.
Nina Ruge redet trotzdem drüber
Wie soll man also einer gesundeten Patientin ihre Überzeugung verdenken, der irgendeine Zauberfrau die bösen Zellen austrieb? Und wie einem Mann, der sein Leben der unangenehmen Chemotherapie verdankt? Nina Ruge redet trotzdem darüber, so ist das nun mal in Talkshows, das hat sie sich nicht ausgedacht.
Zwischen den sich einigermaßen munter im Kreis drehenden Für- und Wider-Positionen hat man kleine Show-Elemente eingebaut, wie den sehr medienwirksam mit sonorer Stimme sprechenden Vertreter der traditionellen chinesischen Medizin TCM, der hübsche Schälchen mit getrockneten Zaubertrank-Zutaten vorzeigen darf und Nina Ruges "Dickdarm 4"-Punkt live mit einer beeindruckend dampfenden Moxotherapie-Zigarre erwärmt, damit sie sich endlich mal entspannt.
Vielleicht wirkte das tatsächlich: Sie störte nicht viel, die Ex-Promi-Beobachterin. Blond und barbieesk saß sie in der Rundenmitte und fragte mal den einen und mal die andere, fasste zusammen, und ließ ihre Gäste sich ansonsten ganz autark und manchmal auch kurzweilig streiten.
Die Ärzte spielten derweil Good Doc / Bad Doc: Der Schulmediziner findet Akupunktur eher niedlich, der Naturheilkundler will zuerst in die Seele gucken. Beim zweiten Show- oder, euphemistischer, Praxisteil, kletterte der skeptische Chirurg Dr. Günther Jonitz auf die Liege einer Bioresonanztherapeutin, um seine halbseitige Gesichtsnervlähmung behandeln zulassen, ließ sich ein bisschen mit einer Art Schwing-Pendel im Gesicht herumwedeln und bekam schließlich eine Herpes-Diagnose, die man, wie er richtig sagt, bei 90 Prozent aller Erwachsenen stellen könnte.
Rührenderweise fühlte man sich bei diesen populistischen On-Air-Menschenversuchen an die Samstagabend-Shows der sechziger Jahre erinnert, als noch ständig Kandidaten aus dem Fernseher heraus hypnotisiert wurden. Allerdings müsste Nina Ruge noch ein bisschen mehr auffahren, um auf diese Weise eine Schlagzeile zu bekommen inzwischen hat das "Dschungelcamp" schließlich kaum zu übertreffende Maßstäbe in Sachen Kandidaten-Trietzen gesetzt.
Am Ende wird natürlich nicht alles gut, wie Nina bei ihrer neuen Sendung sogar schon im Titel behauptet. Denn warum Menschen krank werden und wie man sie am besten behandelt, das bleibt weiterhin ein großes, schwer zu bearbeitendes Feld aus "Placebo-und Kontext-Faktoren", aus effektiver Medizin und effektivem Glauben. Und wem's hilft, der sollte ruhig zum großen Kürbis beten.