Andreas-Schulze-Ausstellung: Wurst mit Wäscheleine - DER SPIEGEL
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Andreas-Schulze-Ausstellung Wurst mit Wäscheleine

Ohne Menschen und meist auch ohne Sinn: In seinen großformatigen Bildern entwirft der Kölner Maler Andreas Schulze skurrile Welten zwischen Abstraktem und Konkretion. In Hamburg zeigt eine Werkschau Arbeiten aus drei Jahrzehnten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Untitled" oder "Ohne Titel" heißen Bilder oft, wenn sie abstrakt oder monochrom sind. Oder wenn sie so dermaßen deutlich irgendetwas zeigen, dass es überflüssig oder sogar peinlich wäre, das noch durch einen Titel zu benennen. Bei Andreas Schulze, 54, ist das anders, wie man jetzt in der Hamburger Schulze-Werkschau "Interieur" mit rund 50 Gemälden des Düsseldorfer Hochschulprofessors sehen kann.

"Ohne Titel, 2003, 170 x 420 cm (2-teilig)" zum Beispiel ist nicht monochrom, sondern ausschließlich in anscheinend sämtlichen existierenden Grautönen gemalt. Und es ist nicht abstrakt, denn eine gemalte Form füllt das ganze Bild aus. Aber kann man etwas figurativ nennen, wenn man nicht weiß, was für eine Figur das sein soll, die da gemalt ist?

Zu identifizieren jedenfalls ist der riesige Gegenstand nicht, weil es so ein Ding nicht gibt - etwas zwischen dicker Wurst mit Auswüchsen, U-Boot mit Fernrohr, vorzeitlichem Urtier mit Nebenarmen. Klar erkennt man nur, dass zwischen den Tentakeln des Dings eine Wäscheleine gespannt ist, an der ein kariertes Trockentuch hängt. Und um das Malen um des Malens willen kann es hier auch nicht gehen, glatt und plakativ sind die Farben aufgetragen, keine theatralische Schichtung, kein pathetischer Pinselhieb ist zu sehen.

Eine gewisse Betretenheit

Eine Herausforderung seien Schulzes Bilder, hat der Kurator Stephan Schmidt-Wulffen mal gesagt, er spüre "so eine gewisse Betretenheit", weil er die Gemälde nicht einordnen könne - keine Epoche, keine Geisteshaltung sei auszumachen. Bis er "einsah", dass es neben vielen Richtungen auch eine "völlig individuelle Ebene in der künstlerischen Arbeit gibt". Sein Fazit: "Schulzes Kunst wird man dann gerechter, wenn man den Mann kennt." Aber es funktioniert auch umgekehrt: Den Maler Schulze kann man sich vorstellen, wenn man vor seinen großformatigen Bildern und in seinen "Interieurs" mit Möbeln, gemalten und realen Teppichen und Tapetenmustern und Lampen steht.

Verschroben ist er wahrscheinlich, unangepasst, extravagant und skurril. Und souverän. Denn er entwirft und malt die Welt so, wie er sie gern hätte - eigenartig, absurd, aberwitzig, manchmal kitschig, manchmal bequemer als sie ist. Oft bösartig, immer geordnet und ohne Menschen. In einem Interview hat Schulze gesagt, die Avantgarde-Kunst würde sich "zwischen den Extremen Intellektualität und grober Banalität bewegen", ihm gehe es um "das bürgerliche Mittelmaß, um Meissner Porzellan statt Brillo-Box oder Campbell-Dose".

Da versperrt z.B. ein rotes Sofa mit Voluten-Armlehnen die Gesamtsicht auf eine perspektivisch gemalte "Rheinlandschaft b. Bacharach", so der Untertitel, exakt so breit wie das Bild, nämlich 360 cm. "Sofa mit Rheinberg" heißt es. Ein anderes ist "Ohne Titel (Hügelbild)" und zeigt neun Hügel, die wie bucklige Bettlaken-Gespenster-Häuser aussehen, mit bunten Türen, zwei mit Fenstern. Zwischen den Erhebungen liegen in Dreierreihen geordnete Felsbrocken. Schulze malt "Kugeln in der Nacht", Äpfel, Erbsen, Reihenhäuser, und ordnet Streifen zu einer Frisur-Schablone an, in die er dann farbige Kringel malt - fertig ist das Porträt seiner Galeristen Monika Sprüth mit dem Titel "Untitled (Portrait of M. Sprueth).

Gemaltes Fachwerk gegen die hehren Hallen

Schulzes Ausstellung in den Phoenix Hallen macht Spaß, weil seine Gemälde genug Platz haben, um zusammen gesehen zu werden, ohne den Betrachter in ihrer Größe und mit ihrem Witz zu erschlagen. Und weil er auch den hehren Ernst der weißen Hallen auf die Schippe nimmt, wenn er die hohe Wand neben der Treppe mit Fachwerk bemalt und ein modernistisches Zimmer mit aberwitzigen Möbeln, Lampen und Malerei einrichtet, das man betreten darf. Und es macht froh, die Arbeiten eines Künstlern aus drei Jahrzehnten zu sehen, der sich keinen Moden in der Kunst unterworfen und keinem Markt angebiedert hat, der seiner Überzeugung und damit sich selbst treu geblieben ist - künstlerisch als Außenseiter und persönlich als Einzelgänger.

Kurt Schwitters

Dafür ist Andreas Schulze unter Künstlern hoch angesehen und wird gerade von jungen Kollegen geschätzt. Er selbst hat übrigens auch ein Vorbild, nämlich den wie er selbst in Hannover geborenen . Der Sammler Harald Falckenberg zitierte ihn in seiner Eröffnungsrede: "Ich werte Sinn gegen Unsinn. Den Unsinn bevorzuge ich, aber das ist eine ganz persönliche Angelegenheit." Das könnte auch für die Haltung von Andreas Schulze stehen.


INTERIEUR. Werkschau Andreas Schulze. Bis 27.6., Hamburg-Harburg. Sammlung Falckenberg /Phoenix Kulturstiftung, Tel. 040/32 50 67 62.