Ansel Adams: Natur pur - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Ansel Adams Natur pur

Die Schönheit der Natur war sein einziges Thema: Ansel Adams, der "Vater der Landschaftsfotografie", wäre heute 100 Jahre alt geworden.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als Allen Ginsberg, einer der langlebigsten Veteranen der Beat-Generation, 1994 in einem Interview nach den ersten von ihm als Kind konsumierten Büchern gefragt wurde, nannte er neben "Alice im Wunderland" auch einen Fotoband von Ansel Adams. Beide sollten in der einen oder anderen Weise in Ginsbergs späterer Entwicklung wieder auftauchen: Zum Wunderland der kleinen Alice fand er mittels illegaler Narkotika Zugang, und das von Adams geliebte Kalifornien wurde, nach New York, zum zweiten Zentrum der Beat-Generation. Heute wäre Ansel Adams (1902 bis 1984), der wohl bedeutendste Landschaftsfotograf des 20. Jahrhunderts, 100 Jahre alt geworden.

Mehr als 500 internationale Ausstellungen sowie ungezählte Drucke seiner Bilder haben Adams' ehrfürchtigen Blick auf den amerikanischen Westen zum Allgemeingut gemacht. Die Mehrzahl seiner Aufnahmen entstand bereits zwischen den späten zwanziger und frühen fünfziger Jahren in Adams' Heimat Kalifornien, ein Großteil davon im Yosemite-Tal und der nach Osten daran grenzenden High Sierra. Adams kam immer wieder hierhin, ausgerüstet mit Großformatkameras, Stativen, Filmen, Objektiven. Halbe Tage wartete er dann auf das richtige Licht, um Negative zu belichten, die größer sind als fast alle heute im Großlabor gemachten Farbabzüge - häufig 18 mal 24 Zentimeter.

Um nichts dem Zufall zu überlassen, entwickelte Adams das bis heute fast unverändert gültige Zonensystem zur Perfektion. Damit wird schon vor der Aufnahme bis ins Detail festgelegt, welche Bereiche der Szene welchen Grauwerten im fertigen "Fine Print" entsprechen sollen. Das Ergebnis sind fein durchzeichnete Negative, von denen sich Abzüge mit großem Tonwertreichtum fertigen lassen. Darüber hinaus hat Adams viele Fotokurse gegeben und zahlreiche technische Lehrbücher geschrieben (Christian Verlag/München).

"Adams ist ganz bestimmt der Vater der Landschaftsfotografie", sagt Ruth Eichhorn, Photodirector des Hamburger Magazins "Geo". "Er war einer der Ersten, der die Landschaft mit künstlerischem Anspruch zum alleinigen Thema seiner Bilder gemacht hat." Und: "Er hat das mit den damals möglichen Mitteln meisterhaft bewältigt und ist bis heute fast unübertroffen. Adams ist absolut Teil der Fotogeschichte." Der Sammler, Kurator und "photokina"-Mitbegründer L. Fritz Gruber resümiert: "Adams ist ein absoluter Meister von Licht und Schatten und kann damit die grandiose Dramatik dieser Landschaftsaufnahmen ins Ungeheure steigern." Der Ehrenvorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Photographie zeigte Adams' Arbeiten erstmals 1956 auf der "photokina". Seine Aufnahmen seien "Symbol des guten, edlen Amerika".

Grubers über viele Jahre zusammengetragenen Prints - darunter Originale von Adams - bilden heute den Grundstock der fotografischen Sammlung des Kölner Museums Ludwig. Gruber hatte den Meisterfotografen als "bescheiden, lustig, voller Ehrfurcht vor der Natur und als Liebhaber der Musik von Bach" kennen gelernt.

1927 kostete ein Print von Adams einen Dollar. Wer sich heute einen 40 mal 50 Zentimeter großen Originalabzug des Negativs "The Tetons and the Snake River" von 1942 aufhängen möchte, kann diesen im Internet bei den Nachlassverwaltern ordern - für 35.000 Dollar. Abzüge seines berühmten Bildes "Moonrise over Hernandez" gehören zu den teuersten Bildern der Welt, berichtet Gruber. Besonders edle, gut erhaltene und signierte Prints brachten in den neunziger Jahren rund 100.000 Mark, "heute liegen die Preise noch darüber".

Auch auf anderem Gebiet setzte Adams Maßstäbe. Zutiefst beeindruckt von der Schönheit des Yosemite-Nationalpark wurde er, wie Ginsberg, zu einem einflussreichen Naturschützer. Seine Lobbyarbeit für den Respekt vor der Natur und für ihren Erhalt führte ihn zu mehreren amerikanischen Präsidenten. "Unberührte Natur birgt ein Geheimnis - ähnlich einer Religion, einer Philosophie oder dem Traum von einer idealen Gesellschaft", sagte Adams 1980 in einer Rede vor Naturschützern.

"Die Bilder von Ansel Adams haben unsere Auffassung des Wortes Landschaft verändert", schreibt John Szarkowski, emeritierter Direktor der fotografischen Abteilung des Museum of Modern Art in New York und einer der einflussreichsten Fotokritiker in dem aufwendigen Band "Ansel Adams at 100" (Christian Verlag/München). Um eine optimale Wiedergabe der Aufnahmen zu ermöglichen, wurde dafür eigens ein Spezialpapier geschaffen.

Szarkowski hat in langer Arbeit aus Archiven und privaten Sammlungen jene 114 Bilder zusammengestellt, die die Grundlage der umfänglichen Retrospektive "Ansel Adams at 100" bilden. Sie wird nach Stationen in San Francisco, Chicago und London vom 10. Oktober bis zum 5. Januar 2003 in der Kunstbibliothek Berlin zu sehen sein.