Antoni Tàpies: Die Spur des Sandmanns - DER SPIEGEL
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Antoni Tàpies Die Spur des Sandmanns

Lehm, Sand, Staub: Nahezu alles in der Arbeit des Malers Antoni Tàpies ist mit der Erde verbunden. Als einziges Museum in Deutschland zeigt das Haus der Kunst in München eine große Retrospektive des spanischen Künstlers.
Von Sven Siedenberg
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Antoni Tàpies ist ein Alchemist. Einer, der mit dem Pinsel modelliert und den das Magische und Mystische mehr interessiert als das Akademische oder Abstrakte. Und trotzdem sucht man von den vier Elementen drei vergeblich in seinem Werk: Feuer, Wasser und Luft werden kaum herbeiassoziiert. Stattdessen kreist alles ums Erdige. Geradezu verschwenderisch geht er mit Materialen wie Sand, Mörtel und Staub um. Sie prägen die Farben und die Formen.

International bekannt wurde Tàpies in den fünfziger Jahren durch seine Mauerbilder: düstere Firnisflächen, in die er Lehm, Erde oder Reiskörner mischt und Furchen kratzt oder Linien kritzelt. Vom Gestus erinnern sie an die Fotografien von Brassai, der in den dreißiger Jahren gemeinsam mit Picasso die unterschiedlichsten Wand-Graffitis aufgespürt hatte.

Obwohl der 1923 in Barcelona geborene Tàpies in der Franco-Diktatur einst verhaftet und verurteilt wurde (wegen einer verbotenen Versammlung zur Gründung einer Gewerkschaft), findet sich nur selten politischer Protest in seiner Kunst. Und wenn doch, dann sehr verschlüsselt: So tauchen manchmal vertikale rote Balken auf - als Symbol für die katalanische Fahne. Buchstaben und Kreuze verleihen seinen Werken etwas Rätselhaftes; Werke, die meist sehr morbide wirken und die Tàpies als Meditationshilfe verstanden wissen will. Mit Beginn der siebziger Jahre arbeitet er alltägliche Gegenstände in seine Bilder ein, verfremdet sie mit Bügelbrett oder Kissen zu großformatigen Collagen.

Gezeigt werden in dieser Retrospektive auch die frühen Werke aus den vierziger Jahren: mit Bleistift oder Tinte verfertigte Selbstporträts sowie surrealistische Bilderwelten. Da war Tàpies noch auf der Suche nach seinem Stil. Den hatte er spätestens mit seinen Mauer- und Materialbildern in den fünfziger Jahren gefunden. Und seither kaum geändert: Das neueste Gemälde der Ausstellung, im letzten Jahr entstanden, ist wieder ein krümeliges Erdbild.

"Antoni Tàpies - Die Retrospektive", Haus der Kunst München , bis zum 13. August 2000.