"Arabella Kiesbauer": Voll an die Querlatte - DER SPIEGEL
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"Arabella Kiesbauer" Voll an die Querlatte

In den Neunzigern galt sie als Schmuddel-Queen der Talkshow-Unterhaltung. Von Sodomie bis Brustbehaarung war kein Thema zotig genug für ihre Sendungen. Jetzt versucht Arabella Kiesbauer ein Comeback: als seriöse Gastgeberin schnarchlangweiliger Experten.
Von Reinhard Mohr
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Es muss an der Atmosphäre liegen", sang Friedrich Hollaender schon vor achtzig Jahren, und tatsächlich: Es liegt ein neuer Ernst über Deutschland, seit Angela Merkel vor zwei Monaten zur Bundeskanzlerin gewählt wurde. Kein cohibagestütztes breites Grinsen mehr, kein Hahaha und Hoho! Hol mir mal 'ne Flasche Bier, sonst streik' ich hier! Aus und vorbei. Die Absage der glitzernden WM-Gala in Berlin durch die Fifa war nur ein weiteres Menetekel des Zeitgeists. "Schluss mit lustig!" ist der Refrain der Saison.

Nur logisch also, dass auch Arabella Kiesbauer, das "freche Cappuccino-Girl" ("Super-Illu") von 1994, die neben Margarethe Schreinemakers bekannteste Krawallschachtel der Fernsehrepublik, ab sofort ins ernste Fach wechselt. Bei ihrem bescheidenen Comeback gestern Nacht (ab sofort jeden Dienstag) bewährte sich der kleine Nachrichtensender N24 wieder einmal als Hilfsorgan medialer Resozialisierung: Schon Michel Friedman, der gefallene Engel der deutschen Polit-Talkshow, fand hier gnädige Wiederaufnahme. Nun soll alles ganz seriös ablaufen.

"Was ist bloß mit der Fußballweltmeisterschaft los?", fragte Kiesbauer gestern um Punkt 23.30 Uhr und traf damit voll die Querlatte des gegenwärtigen deutschen Lebensgefühls. Die beiden Gäste im kleinen schmucklosen Talk-Studio - Holger Brackemann von der "Stiftung Warentest" und Oberstaatsanwalt Klaus Bronny, der den schillernden Titel eines "Justiz-Koordinators der WM" trägt - wussten es zwar auch nicht genau, beantworteten aber brav die Fragen der Moderatorin. Klar war nur, es ging um die "Sicherheit" in den Stadien und nichts anderes.

Nüchternheit macht das Spiel

Tester Brackemann waren alle Ergebnisse "moderner Panikforschung" in "Musterversammlungsstätten" geläufig. Vom WM-Organisationskomitee, das gestern die Rücknahme der kritischen "Warentest"-Studie gefordert hatte, lässt sich so einer schon gar nicht aus der Ruhe bringen und zum "Buhmann der Nation" machen. Überrascht zeigte er sich nur über die "heftigen emotionalen Reaktionen" von Beckenbauer & Co. Immer diese Leidenschaft im Spiel. Gott sei Dank hatte man niemand aus dieser Ecke eingeladen. Das hätte womöglich echten Streit gegeben.

Verglichen mit Oberstaatsanwalt Bronny war Herr Brackemann allerdings ein Vulkan beim Lavaausbruch. Eine Viertelstunde hatte Herr Bronny warten müssen, bis er dran kam. Dann legte er los wie jemand, der gewohnt ist, mehrere Stunden am Stück zu reden, etwa bei der Verlesung einer Anklageschrift vor dem Oberlandesgericht oder beim Fachvortrag vor dem Deutschen Juristentag.

"Sicherheitsleistungen bei Bagatelldelikten" war sein Lieblingswort, das bestimmt zehnmal vorkam, aber auch "das beschleunigte Strafverfahren gegen Randalierer". Man wartete förmlich darauf, dass auch die illegale "Blutgrätsche" angesprochen werden würde oder die bislang völlig unterbewertete Gefahr der Abseitsfalle mitten auf dem Spielfeld. Unverantwortlich so was.

Seriös statt monströs

Und was machte Arabella Kiesbauer derweil? Sie fragte konsequent ihren Zettelkatalog ab und war beinah kaum wieder zu erkennen in ihrem vergleichsweise dezenten Business-Outfit. Leicht angespannt wirkte sie und versprach sich ein paar Mal. Petitessen. Aber sie veranschaulichen einen Wandel. "Ich habe mich verändert, so wie sich die Zeiten verändert haben", sagte sie vor wenigen Wochen. "Ich habe nämlich eine sehr zurückhaltende Seite."

Die aber war zu Zeiten, da sie sich öffentlich über ihre Vorliebe für Liebesspiele im erotischen Dialog mit Lakritzschnecken ausließ, nicht so recht sichtbar. Als sie nach zehn Jahren im Juni 2004 im Unfrieden von Pro Sieben schied - "Ich will kein Blind-Date! Wie werde ich ihn wieder los?" war der Titel der letzten ihrer insgesamt 2700 Nachmittags-Talkshows -, flüchtete sie erst einmal für sechs Wochen nach Borneo.

Seitdem ist es ziemlich still geworden um die inzwischen 36-jährige Deutsch-Österreicherin, die 1995 Adressatin eines rassistisch motivierten Briefbomben-Attentats geworden war und vier Wochen später nackt als "Playmate des Monats" posierte. Zuletzt reüssierte sie im österreichischen Fernsehen und moderierte mehrmals den Wiener Opernball.

Berühmt und berüchtigt wurde sie in den wilden neunziger Jahren der "Spaßgesellschaft" mit ihrem daily Dirty Talk "Arabella", der immer wieder neue Breschen schlug in die Restbestände der bürgerlichen Vorstellungs- und Wertewelt. "Bist du deiner Stute treu?", fragte sie zum Beispiel einen bekennenden Sodomisten im Studio, der ein Pferd liebte. "Stoppeln, Brusthaar, Bart - meine Frau sieht aus wie ein Kerl" war nur eines der unzähligen, brennend aktuellen Arabella-Themen.

Ob "Ein Mann stöhnt nicht beim Sex", "Ich liebe den Vater meiner Freundin" oder "Körperbehaarung - schön oder hässlich?" - Arabella Kiesbauers Suche nach der Wahrheit machte vor nichts halt. Im Mai 1998 empörte sich Ministerpräsident Edmund Stoiber höchstpersönlich über die "niveaulose, minderwertige, primitive und unmenschliche Darstellung" des Allzumenschlichen am helllichten Nachmittag. Pro Sieben hatte kurzzeitig ein Einsehen und überwies eine sechsstellige Ablass-Summe an ein soziales Jugendprojekt. Dann ging es munter weiter. Bis zum Schluss.

Relaunch im Zeichen des Wertekonservatismus

"Müll in seiner reinsten Form. Man hat das Gefühl, da wird Fernsehen gemacht nach dem Motto: Produziert Scheiße, eine Milliarde Fliegen können nicht irren." Das sagte Arabella Kiesbauer, als ihre Monstrositätenshow 2004 ihr verdientes Ende gefunden hatte. Sie sagte es zwar über andere TV-Shows, aber plötzlich gab sie zu, dass auch sie "mitgeholfen habe, das Niveau zu senken". Da war es nur noch ein kleiner Schritt von der Eigen- zur Fremddiagnose: "Ich stelle einen Werte- und Sittenverfall fest - in ganz Deutschland." "Arabella Fiesbauer" schmähte sie darauf "Bild", das offizielle Organ von Sitte und Anstand in Deutschland.

Nun, nicht einmal zwei Jahre später, will sie sich also endlich "Gedanken um Werte" machen und "Ideen für die Zukunft" entwickeln. Das ist löblich, gut und schön. Aber so wichtig etwa der ewige deutsche Grundwert der "Sicherheit" auch ist - das Gespräch darüber darf nicht sterbenslangweilig sein. Nicht in einer Fernsehtalkshow. Man kann es mit der neuen Seriosität auch übertreiben.

Vielleicht findet Arabella Kiesbauer ja noch einen kreativen thematischen Kompromiss zwischen den sexuellen Exzessen der Nacktschnecke und den BND-Geheimnissen in Bagdad. Womöglich ist das sogar wieder ein Fall für die "Stiftung Warentest".

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