Architektur: Der Speer-Faktor - DER SPIEGEL
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Architektur Der Speer-Faktor

Sie bauen Parlamentsgebäude, ganze Städte und am liebsten im gigantischen Maßstab: Deutsche Architekten sind weltweit tätig - vor allem in autoritären Staaten wie China, Vietnam und Libyen. Doch wie halten es die Baukünstler mit der Moral?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Meinhard von Gerkan kennt Hanoi gut. Sein Hamburger Büro "Gerkan, Marg und Partner" (gmp) hat das nationale Kongresszentrum in Hanoi entworfen. Weitere gmp-Bauten sollen in den nächsten Jahren folgen - ein Innenministerium, ein Museum für Stadtgeschichte, ein Nationalparlament. Gerkan, der in Berlin den Hauptbahnhof plante, ist dabei, Hanoi ein neues Gesicht zu geben: modern, nüchtern, international und transparent. Solche Attribute stehen im merkwürdigen Kontrast zum dortigen politischen System. Vietnam ist keine parlamentarische Demokratie, so wenig wie China. Beide Staaten sind Ein-Parteien-Diktaturen, organisiert nach marktwirtschaftlichen Prinzipien, politisch geführt mit harter Hand.

Sollte das Nationalparlament Vietnams 2010 fertiggestellt sein, wird dort die einzige Macht des Landes sitzen: die Kommunistische Partei. Die Abgeordneten segnen weiter ab, was das Politbüro beschlossen hat, die eigentliche Schaltzentrale einer kommunistischen Partei. Das Parlament ist nur Fassade. Eine schöne allerdings, entworfen von gmp.

Asien und die arabischen Länder sind Magneten für deutsche Architekten. Milliarden werden hier verbaut, meist im Großmaßstab. Von moralischen Skrupeln ist wenig zu hören. Einzig der deutsche Architekt Christoph Ingenhoven bekannte jüngst im SPIEGEL, er wolle "auf keinen Fall für die Repräsentationsbauten eines nichtdemokratischen Regimes verantwortlich sein".

Gerkan sagt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, natürlich sei Vietnam keine Demokratie nach westlichem Standard. "Doch habe ich den Eindruck, dass mehr und mehr den Menschenrechten Rechnung getragen wird. Über Architektur wird mit Bürgern diskutiert. Man mag das geringschätzig eine vorgetäuschte Demokratie nennen, es ist aber ein Ansatz, der ein ernsthaftes Bemühen offenbart, die Gesellschaft mit einzubeziehen."

Sicherlich, auch andere bauen in autoritären Ländern: zum Beispiel Rem Koolhaas in Peking die Zentrale des staatlichen TV-Senders, Herzog und de Meuron das Nationalstadion für die Olympischen Spiele im Sommer, Norman Foster den neuen Flughafen von Chinas Hauptstadt. Doch stehen der Niederländer, die Schweizer und der Brite nicht so sehr im Schatten der Geschichte wie ihre deutschen Kollegen.

Wer hierzulande an Architektur in Diktaturen denkt, der kommt an einem Namen nicht vorbei: Albert Speer. Hitlers Baumeister und späterer Rüstungsminister plante für seinen Führer Berlin als protzige Reichshauptstadt "Germania". Über sein Büro ließ er jüdische Wohnungen räumen, um dort jene unterzubringen, deren Gebäude für die geplanten Großbauten abgerissen wurden.

Verantwortung der Eliten

Nun haben neuzeitliche deutsche Architekten mit Albert Speer natürlich nichts gemein. Viele von ihnen, wie Gerkan oder der ebenfalls in China sehr aktive Sohn Speers, Albert Speer Junior, treten ganz selbstverständlich für die Beteiligung der Bürger ein, für ein am Menschen orientiertes Bauen.

Es ist die altmodische Frage nach der Verantwortung der Eliten. Heinrich Breloer hat 2005 in seinem bemerkenswerten ARD-Dokudrama "Speer und er" anschaulich gezeigt, wie dessen Architektenkollegen aus der NS-Zeit nach 1945 weitermachten, als sei nichts geschehen. Statt neoklassizistischer Monumentalbauten planten sie nun einfach im einst verfemten Stil der Moderne. Speer, auch das ein Verdienst Breloers und des verstorbenen Publizisten Joachim Fest, ist seitdem in Deutschland eine Chiffre - für das Verhältnis von Macht und Architektur.

Wer mit Architekten über den Widerspruch spricht, als Angehörige eines demokratischen Gemeinwesens in Staaten zu planen, die die Interessen der Bürger übergehen, der stößt unweigerlich auf die Frage: Wie viel vom Geiste Albert Speers steckt noch in deutschen Architekten? "Wenn man diese Frage so polemisch stellt, sollte man sie keinesfalls nur an Deutsche richten", sagt von Gerkan. Er räumt aber ein: "Der Enthusiasmus, sich zu verwirklichen, Bauzeichen zu setzen, die über die eigene Lebensspanne hinausweisen, das ist wohl in der Seele jedes Architekten auf der Welt angelegt".

Warum es eine Debatte unter deutschen Architekten braucht

Größe zeigen im Ausland

Hans Stimmann war einst ein mächtiger Mann in Berlin. Von Anfang der neunziger Jahre bis 2006 bestimmte er fast ununterbrochen als Senatsbaudirektor das Gesicht der neuen Hauptstadt. Er legte sich mit Architekten an, er verordnete Grundregeln. Stimmann wurde angefeindet, auch der Faschismusvorwurf fiel. "Schon allein Anlehnungen an neoklassizistische Architekturpositionen oder die Verwendung von Steinfassaden wurden verfemt", erinnert er sich. Das sei "eine maßstabslose Kritik" angesichts der Tatsache, "dass beim Planen des neuen Berlin einer der intensivsten demokratischen Planungsprozesse durchgeführt worden ist, die es überhaupt gibt."

Heute beobachtet er das Engagement der deutschen Architekten, etwa in China, nicht ohne Verwunderung. Dort werde bei manchen Projekten rücksichtslos die Bevölkerung vertrieben - "und kein Architekt stellt die Frage nach der moralischen Dimension seiner Planungen. Hier wird noch einmal die ganze Scheinheiligkeit deutlich, mit der manche Debatten bei uns geführt werden", sagt er zu SPIEGEL ONLINE. Stimmann möchte zwar niemanden moralisch vorverurteilen. Aber was schon auffalle, "ist das Schweigen, ja, die absolute Stille der Architekten, wenn es über ihr Bauen in autoritären Staaten geht".

Architekten, die auf ihre Arbeit in Ein-Parteien-Staaten angesprochen werden, sind vorsichtige Gesprächspartner. Es gibt Büros, die von einer Stellungnahme Abstand nahmen, weil sie um Aufträge fürchten. Andere stellen sich dem Gespräch. Das Büro von Hilde Léon, Siegfried Wernik und dem kürzlich verstorbenen Konrad Wohlhage gewann im Sommer 2007 den Wettbewerb um ein neues Regierungsviertel in Tripolis. Libyen galt jahrelang wegen seiner Unterstützung des internationalen Terrorismus als Schurkenstaat.

In Berlin haben sich Léon, Wohlhage und Wernick mit vergleichsweise bescheidenen Gebäuden wie der indischen Botschaft und der Landesvertretung Bremens einen Namen gemacht. Was mit "Tripoli Greens" geplant ist, wirkt dagegen mächtig - im Maßstab wie im Anspruch. Eine Achse, an der sich Gebäude entlangziehen: 22 Ministerien, der Sitz des Ministerpräsidenten, der Volkskongress und eine Moschee.

Die Architektin Léon sagt: "Der Bau eines neuen Regierungsviertels mit dem Volkskongress als Mittelpunkt hat uns interessiert, auch weil hier an einer hässlichen Peripherie am Schnittpunkt zu einem wertvollen Wald etwas Neues entstehen könnte". Sie wehrt sich gegen den Vorwurf, die Anlage erinnere an Speers "Germania". Dieser habe "ohne Sinn und Verstand" eine halbe Stadt zerstören wollen. "Uns geht es immer auch darum, mit der Stadt zu bauen, nicht gegen sie. Ich habe den Eindruck, in Tripolis können wir das", sagt Léon zu SPIEGEL ONLINE.

Speer, aber wer?

Stimmann meint, Speer werde als Schlagwort zu oft zu leichtfertig eingesetzt, um sich Argumente zu ersparen. "Was ich spannender finde, ist die Frage: Welche Verantwortung hat ein Architekt mit seinen Planungen und Bauten für die Gesellschaft? Wenn er bei uns baut, übernimmt er Verantwortung dafür. Wenn er für ein autoritäres Regime baut, stellt er sie zurück? Darüber müsste endlich gesprochen werden!"

Hilde Léon weiß um den Spagat, stellt aber nüchtern fest: "Architektur war und ist immer verbunden mit der Macht - das war in allen Epochen so, etwa unter den Päpsten in Italien. Wenn man das nicht sieht, dann sollte man diesen Beruf nicht ergreifen." Natürlich müsse man sich als Architekt bei jedem Projekt auch fragen: Kann ich das vor mir verantworten? Das aber betreffe nicht nur das Bauen in autoritären Staaten, sondern manchmal auch in demokratischen Systemen: "Auch hier gibt es immer wieder Investoren, die Bauten errichten, die an den öffentlichen Belangen völlig vorbeigehen und bestehende Strukturen außer acht lassen. Da werden schamlos profitorientierte Ziele gegen das Allgemeininteresse durchgesetzt", sagt Léon.

Vielleicht ist alles ganz einfach: Den Traum, sich in die Ewigkeit einzuschreiben, erfüllten einst Könige und Diktatoren. Heute sind es turbokapitalistische, autoritäre Systeme im roten oder grün-muslimischen Gewand. Auch sie wollen, im Zeitalter der Globalisierung, die Dekoration ihrer Macht. Und viele deutsche Architekten liefern sie ihnen.