Architektur-Tipp Wohnen jenseits von Ikea
Vom Arbeitsplatz in der Gaube im dritten Stock des bayerischen Jugendstilhauses schweift der Blick des Hausherrn über den See, wo sich ein Drachenflieger in den Himmel schwingt. In einem Berliner Loft im Stadtteil Mitte verirren sich die Gäste in der Weitläufigkeit eines todschick veredelten Industriegebäudes. In den Mietshäusern am Stadtrand drängeln sich Familienmitglieder vor der Nasszelle. Und der Mittelstand verwirklicht sich in der DHH (Doppelhaushälfte) mit Hobbykeller und Gartenanteil.
In Deutschland wird so vielfältig gewohnt wie verdient. Ob bäuerlich oder bürgerlich, Bauhaus oder Biedermeier: Der Begriff Wohnkultur, einst verbunden mit wertbeständigen Materialien, Tradition und Stilempfinden, ist zwischen Nachkriegssiedlung, Plattenbau, industrieller Wegwerffertigung und Designkitsch konsequent entkernt worden.
"Wie weiter wohnen" heißt eine deutschlandweite Netzwerkkampagne der Bundesstiftung Baukultur, die vom 1. September an dazu beitragen will, die Frage, was Bau- und Wohnkultur sein kann, aus Universitäten und Designerclubs heraus zu holen und an die wohnende Bevölkerung zurück zu geben.
Wie weiter wohnen, wenn der Abschied aus dem elterlichen Nest gekommen ist? Egal, ob einem Mutters Wohnstube unerträglich plüschig vorkommt oder ob zu Hause eine puristische Ästhetik die jugendlich-kreative Unruhe erschlägt: Auf die Herausforderung, die ersten eigenen vier Wände zu gestalten, fällt den meisten nichts mehr ein außer Ikea.
Warum nicht leben wie Familie Sims?, fragen dagegen Architekturstudenten der Fachhochschule Oldenburg, die im Rahmen der Netzwerkkampagne "Virtuelles Wohnen im Second Life" vorstellen.
Pferdeboxen und buddhistische Zentren
Wie weiter wohnen fragen sich Stadtplaner, Architekten und Politiker, wenn es darum geht, in den Innenstädten einerseits Geschäfte anzusiedeln und zugleich dafür zu sorgen, dass Singles und Familien dort leben wollen und sich das leisten können. "Wie schlank ist der Mensch noch bereit zu wohnen?", will dazu die Frankfurter Ernst-May-Gesellschaft herausfinden, die das Erbe des berühmten Zwanziger-Jahre-Architekten pflegt.
Wer vor unbezahlbaren Mieten und schlechter Luft in die ländliche Idylle flüchten will, kann sich bei einschlägigen Informationsveranstaltungen wie der Jahresfachtagung "Ländliches Bauen in Westfalen" Rat holen oder im Herzoglichen Marstall zu Ballenstedt bei Magdeburg üben, in 1818 erbauten und restaurierten Pferdeboxen nach Schlossherrenart zu verweilen.
66 Veranstaltungen allein in Berlin dokumentieren die Vielfalt des Angebots. Eine Ausstellung des Bauhaus Archivs zeigt Wohnsiedlungen legendärer Architekten wie Walter Gropius, Otto Bartning, Hans Scharoun. Ein Architekturbüro informiert Jugendstil-müde Metropolisten über das "Wohnen in buddhistischen Zentren".
Der Anspruch der Veranstaltungen ist mal intellektuell, mal kommerziell. Vom Zukunftsforscher bis zum Immobilienmakler, vom Architekten bis zum Mieter, kann sich auf der Website der Kampagne jeder .
Dort stellen 180 Teilnehmer 234 Aktionen und Veranstaltungen vor, die bis zum 25. November jeder, der baut oder wohnt, online oder in vivo aufsuchen kann. Und anschließend kommt der eine oder andere vielleicht ins Nachdenken, wie er weiter wohnen will.