Architekturbiennale Venedig: Bauer sucht schlau - DER SPIEGEL
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Architekturbiennale Venedig Bauer sucht schlau

Ein Haus ist ein Haus ist ein Haus. Wer das glaubt, ist in Venedig falsch. Die diesjährige Architekturbiennale erinnert eher an ein Theorieseminar als an eine Bauschau. Mit Riesenmöbeln und Kohlköpfen wollen die Macher das Verhältnis zwischen Bauten und Bewohnern erkunden.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Noch vor zwei Jahren, auf der zehnten Architekturbiennale in Venedig, wurden für die drastisch wachsende Weltbevölkerung "Mega-Cities" geplant, entworfen, projektiert - und gezeigt.

Mit der am Sonntag für das Publikum eröffneten elften Architekturbiennale wird jetzt umgedacht. Denn Aaron Betsky, Architekt, Theoretiker und Chefkurator der Biennale, hat der Ausstellung das Motto "Out there – Architecture beyond Building" gegeben. Architektur und Gebäude, so Betsky, seien nicht dieselbe Sache: "Gebäude sind Gebäude und Architektur ist alles über Gebäude Hinausgehende". Nämlich Kultur.

Ein interessanter Ansatz ist das, angesichts des sozialen Ungleichgewichts in der Welt, der uniformen Investorengebäude, den Retorte-Städteplanungen in China, oder all der labelartigen Gebäude globaler Stararchitekten. Sogar Herford hat ja inzwischen einen Gehry, Bielefeld einen Liebeskind und Wolfsburg eine Hadid; allesamt Bauten, die wie Sputniks in den Städten gelandet sind und nichts mit ihrem Umfeld zu tun haben.

Heute sei Architektur nur noch "das Resultat von Sicherheitscodes, effizientem Kapital-Management, Computerprogrammen und vorherrschendem Geschmack", sagt Betsky. Seiner Meinung nach solle der Mensch im Mittelpunkt stehen. Und auf seiner Biennale sollen die Architekten nun zeigen, wie das "durch, mit oder vielleicht auch ohne Gebäude" funktionieren könnte. Zwei große Ausstellungen hat Betsky dafür konzipiert: eine im Padiglione Italia, die andere im Arsenale.

Dort schickt Betsky Meister der Architektur ins Rennen um die von ihm propagierte Nicht-Architektur. Zaha Hadid ist mit einem glänzenden Riesenmöbel namens "Lotus" dabei, das Atelier Bow-Wow mit dem Projekt "Furnivehicles", das wie ein Re-Design hölzerner D-Zug-Bänke aussieht.

Greg Lynn hat Plastikspielzeug eingeschmolzen, Skulpturen daraus gegossen - und eher uninspiriert Tischplatten darauf geklebt. Trotzdem erhielt er den Preis für das beste Installations-Projekt in der internationalen Ausstellung. Das Berliner Büro Barkow Leibinger zeigt eine Rieseninstallation, die "Nomadic Garden" heißt. Auf einem Holzfeld mit vorgestanzten Kerben kann der Besucher unterschiedlich hohe Röhren zu verdichteten Formen zusammenstellen.

Das alles sieht gut aus, vieles ist elegant, manches originell, aber nur wenige Installationen lassen an den Betsky-Ansatz denken, demzufolge der Mensch im Mittelpunkt stehen solle.

Gebrauchswert von Kult-Architektur

Bei Droog & KesselsKramer allerdings tut er das. Wie auf einer Bühne inszeniert das Büro die Bewohnertypen einer "Singletown", zwischen den Figuren hängen Entwürfe, die das Single-Leben und die Kommunikation erleichtern. Jacken zum Beispiel, die sich bei einer Berührung aneinander festkletten, oder ein Sessel, der beim Hinsetzen drei Kuscheltiere aufpumpt.

Auch in der zweiten Ausstellung des Kurators im italienischen Pavillon ist wenig Gebautes zu sehen. Im Film "Koolhaas Houselife" geht es um ein Gebäude, nämlich Rem Koolhaas' berühmtes "House in Bordeaux" von 1998. Zwei Filmemacherinnen folgen dem Hauspersonal durch die Architektur-Ikone und dokumentieren die Arbeit von Putzfrau und Hausmeister; so zeigt sich der Gebrauchswert von Kult-Architektur im wahren Leben.

Realität und Utopie von experimenteller Architektur ist das Thema im ganzen Pavillon. Wer sich Zeit nimmt, findet in den kleinteiligen Beiträgen großartige Vorschläge zum Umbau trister Wohnsiedlungen, Analysen sozialer Brennpunkte inklusive Lösungsvorschläge bis zum Comic über Dubai in dreißig Jahren oder ironische Photoshop-Bilder von NL Architects, die Windräder wie Blumen gestalten und sie "Flower-Power" nennen. Dazwischen gibt es "Master"-Räume, etwa mit frühen Zeichnungen von Zaha Hadid oder mit Modellen von Frank O. Gehry, der auf der diesjährigen Biennale mit dem Goldenen Löwen für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde.

Amerika pflanzte Kohlköpfe

In den von den Ländern bespielten Pavillons geht es um die Verdichtung der Städte, um Umnutzung, ökologische Systeme, Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit. Da werden Plastikflaschen zu Wänden gestapelt, Holzpaletten zu Hütten geschichtet.

Polen zeigt mit Fotomontagen die künftige Umnutzung neuer Prestige-Gebäude und gewann damit den Preis für den besten Pavillon. Amerika pflanzte einen Nutzgarten mit Kohlköpfen und Salat und zeigt Projekte in sozialen Brennpunkten. Japan baut kleine Gärten, die beim ersten Regen ein Plastikdach vor dem Wegschwimmen retten, und bietet mit zarten Wandzeichnungen jede vorstellbare grüne Lebenswelt an.

Nebenan leuchtet der Deutsche Pavillon, jedenfalls im Eingangsbereich. Die Künstlerin Siegrun Appelt hat das Licht von 28 Strahlern fast schmerzhaft hell auf einen Punkt konzentriert. Drinnen haben die deutschen Kommissare Friedrich von Borries und Matthias Böttger ein Mobile gehängt, das nicht in der Balance ist, "eine Metapher dafür, dass die Welt ökologisch nicht im Gleichgewicht ist".

Vielleicht könnten die im Raum verteilten Versuche, Experimente und Ideen in der Zukunft daran etwas ändern, obwohl sie nur "starting points" seien, sagt von Borries. Wie das blubbernde Experiment in einer Glaskugel, "dem Bioreaktor", in dem der biotechnologisch forschende Architekt Timo Schmidt mit Zellen, Bakterien und Pilzen ein neues Gewebe konstruieren will, das sich als "strukturoptimierter Baustoff" nutzen lässt.

"Alles nur Debatten ohne Ergebnisse"

Gedanklich ist da das Büro Hollwichkushner Architecture schon weiter. In 100 Jahren könnte es eine "Metreepolis"-Stadt mit gentechnisch veränderten Riesenpflanzen geben, die wie Kraftwerke funktionieren. Oben fangen sie Wasser und Licht ein, am Boden bilden sie Moos und an ihren statisch stabilen Strukturen hängen dann die Häuser – "vielleicht gar nicht so unvorstellbar", behauptet der Katalog. Darin findet man "100 Projekte für eine bessere Zukunft", also mehr als die 20 Beispiele, die im Pavillon "Updating Germany" illustrieren.

Soviel Gedankenspielerei provoziert allerdings auch. "Alles nur Debatten ohne Ergebnisse und Perspektiven", sagt etwa ein niederländischer Architekturtheoretiker, das Aufzählen "und und und" reiche nicht.

Ganz unrecht hat er da nicht, obwohl dennoch gilt: Die theorielastigen Pavillons sind interessanter als die konventionellen Architektur-Leistungsschauen. Der Norwegische Pavillon widmet etwa seinem 84-jährigen Erbauer Sverre Fehn eine Retrospektive, die ins Museum gehört. Österreich langweilt mit einfallslosen Beispielen und Architektengesprächen auf Video, und in Frankreichs Pavillon werden unter Spotlights schwenkbare Modelle wie in einer Cartier-Schmuckschatulle präsentiert.

Richtig ehrlich geht es im Pavillon von Taiwan zu. Dort lässt sich ein Herr Tai-Nien Lu mit Gattin, die eine Art Sabine Christiansen von Taiwan sein soll, dafür feiern, dass er ist, was er ist: ein Investor.

20 bekannte Architekten hat Herr Tai-Nien Lu eingeladen, um sie luxuriöse Hauser für das 21. Jahrhundert entwerfen zu lassen, darunter die unvermeidliche Zaha Hadid, Graft oder MVRDV. Wenn die Entwürfe Käufer finden, werden sie auch gebaut – in wunderschöner unberührter Landschaft nahe Taipeh.

"Architekten", schreibt Aaron Betsky im Katalog, können "weitere Zersiedelungen verhindern", wenn sie "ab und an in Frage stellen, ob überhaupt gebaut werden sollte".

Bei der Eröffnung des taiwanesischen Pavillons fand er allerdings viele freundliche Worte für den Investor. Warum, das weiß vermutlich nur er allein.


11. Architektur Biennale. Venedig.  Giardini di Castello und Arsenale Bis 23.11.