ARD-Doku in eigener Sache Die Stasi eingeschaltet
Hamburg/Berlin - Das Drehbuch schrieb eine wissenschaftliche Untersuchung, die Akteure entstammen dem deutsch-deutschen Medien-Geschäft: "Operation Fernsehen", Friederike Pohlmanns und Tillman Jens' Dokumentation, präsentiert die Ergebnisse jener über 1000 Seiten starken Studie, die Fritz Pleitgen und Udo Reiter, die Intendanten von WDR und MDR am Montagabend in Berlin vorgelegt haben.
Den Auftakt bildet heute Abend "Westkorrespondenten im Visier der Stasi": Die Dokumentation zeigt, mit welchen Methoden TV-Journalisten aus dem Westen in der DDR ausspioniert wurden. Dabei kommen ehemalige Korrespondenten wie Lothar Loewe, Peter Merseburger und Fritz Pleitgen ebenso zu Wort wie frühere Ministerialbeamte, die dem DDR-Ministerium für Staatssicherheit (MfS) Informationen zutrugen.
"Verrat im Westen", der zweite Teil der Doku, rekonstruiert dann, wie westdeutsche Reisekorrespondenten als "Inoffizielle Mitarbeiter" (IM) der Stasi aquiriert wurden. Ironie der deutsch-deutschen Spionage-Geschichte: Die West-Journalisten produzierten teilweise wohlmeinende Berichte über die Situation in der DDR, die in Westdeutschland nicht nur ausgestrahlt, sondern auch mit anerkannten Preisen geehrt wurden.
Die von der ARD in Auftrag gegebene Studie hat es in sich: Zwar soll die Stasi trotz ihrer Agenten in den Sendern keinen Einfluss auf die Entscheidungsprozesse der Leitungsgremien gehabt haben. Eine Manipulation der westdeutschen öffentlichen Meinung durch gezielte Desinformation über die DDR sei aber nicht von der Hand zu weisen.
Der Einfluss der Stasi auf die elektronischen Medien der DDR war außerdem wesentlich größer, als bisher vermutet. So seien in einigen Redaktionen bis zu acht Prozent der Mitarbeiter für die Stasi aktiv gewesen, erklärte der Leiter der Studie, Jochen Staadt vom Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität (FU) Berlin, am Montagabend.
In westdeutschen Sendern habe die DDR-Staatssicherheit zahlreiche "IM" platziert. Eine herausragende Rolle hätten sie aber nicht gespielt, wie Staadt betonte. Dennoch lieferten die Spione knapp 2000 Berichte nach Ost-Berlin. Inhalt der geheimen Dossiers: Informationen über leitende Mitarbeiter, Korrespondenten sowie über DDR-kritische Journalisten nach Ost-Berlin geliefert. Für den Krisenfall habe es außerdem Pläne für Terroranschläge auf Sendeanstalten gegeben.
61 westdeutsche und 42 ostdeutsche Quellen seien dank der "Rosenholz"-Datei über die West-Aktivitäten der Stasi identifiziert worden. Zwar habe das MfS unter Journalisten und Angestellten der ARD nur über wenige Informanten verfügt, diese hätten aber teilweise jahrelang Interna nach Ost-Berlin berichtet, wie die Studie darlegt.
Der ARD sei es letztlich aber nicht um die Suche nach bisher unerkannten "IM" gegangen, ließ Pleitgen wissen, der eine komplette Veröffentlichung befürwortet. Die Namen fast aller in der Studie erwähnten "IM" seien ohne bekannt gewesen. Folgenlos bleibt die Studie aber nicht: Der Saarländische Rundfunks soll bereits einen freien Mitarbeiter aufgrund seiner Stasi-Vergangenheit entlassen haben.
"Operation Fernsehen" ARD. Teil I: "Westkorrespondenten im Visier der Stasi", Mittwoch, 21. Juli 2004, 23:00 Uhr. Teil II: "Verrat im Westen", Donnerstag, 22. Juli 2204, 23:00 Uhr.