ARD-Dokumentation Das Helmut-Kohl-Puzzle
Was macht eigentlich Dr. Helmut Kohl? Im Oktober 2003 flog er zum Beispiel in die USA und besuchte seinen alten Buddy George Bush Senior. Gemeinsam schlenderten Sie durch Bushs "Presidential Library and Museum" in College Station, Texas - eine Art Heldengedenkhalle, voll gestopft mit Fotos, Ölschinken, Souvenirs und Texttafeln, die Bushs politische Karriere rühmen.
Natürlich gibt es in College Station, einem Nest mit rund 70.000 Einwohnern, auch George-Bush-Straßen und George-Bush-Plätze, den nahe gelegenen George-Bush-Flughafen nicht zu vergessen. Wahrscheinlich hätte Bush Senior seinem Besucher Kohl keine schlimmere Tortur zumuten können als diese Sightseeing-Tour. Schließlich ist in Deutschland ein derartiger Kanzlerkult undenkbar, selbst dann, wenn der Kandidat 16 Jahre im Amt war und zeitweilig wie ein Monarch regierte.
Also muss Kohl selber ran, um sein öffentliches Gedenken zu formen. Noch in diesem Jahr sollen seine zweibändigen Memoiren erscheinen, außerdem hat er sich auf ein großes TV-Porträt eingelassen: "Helmut Kohl. Ein deutscher Kanzler." (5. und 12. Januar, jeweils 21.45 Uhr, ARD). "Vor zwei Jahren wäre ein solcher Film unmöglich gewesen. Da war die Spendenaffäre noch sehr frisch und seine Frau hatte sich gerade umgebracht", sagt Co-Autor Stephan Lamby. Jetzt aber, nachdem sich die dunklen Medienwolken langsam verzogen haben, sieht Kohl seine Zeit gekommen. "Er glaubt, dass sein politisches Leben nicht angemessen beurteilt wird", sagt der Chef der Hamburger Produktionsfirma Eco Media, "das will er korrigieren."
Glücklicherweise sind Kohls Ambitionen das eine, die Ambitionen der Autoren Stephan Lamby und Michael Rutz das andere. Beide sind als Selbstdenker bekannt, auch wenn ihre Berufsbiografien politische Vorlieben erkennen lassen. Lamby, 44, war Chef von "Zeit TV" und produzierte "Greenpeace TV" - ein Mann, der eher für Rotgrünes steht. Michael Rutz, 52, der stellvertretender Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks war und nun den "Rheinischen Merkur" leitet, ist eher im konservativen Milieu zuhause. Zusammen liefern sie ein Musterbeispiel öffentlich-rechtlicher Farbenlehre, ähnlich wie weiland Hauser & Kienzle, nur dass Lamby und Rutz aus ihren Gegensätzen kein Spektakel machen, sondern sie journalistisch nutzen - unter anderem, um sich Interviewpartner jeglicher Couleur an Land zu ziehen.
Essen, reden, essen: vier Tage Oggersheim
Für die TV-Biografie öffnete Kohl sogar die Tür zu seinem Oggersheimer Bungalow, einem schmucklosen weißen Bau, der wie eine Festung anmutet, und ein unzeitgemäßes Innenleben birgt: Im Wohnzimmer stehen braune Ledersofas im Siebziger-Jahre-Design, dahinter hängt ein Ensemble beleuchteter Glaskugeln, über dem Klavier glänzen russische Ikonen, das Esszimmer kommt eher bäuerlich derb daher.
Insgesamt vier Tage stand Kohl dort Rede und Antwort. "Und das heißt: Reden, essen, reden, Kaffee trinken, reden, Wein trinken, reden", sagt Lamby, dem nach den Dreharbeiten die aufgetischten Weißwürste quer im Magen zu hängen schienen, während Rutz die Gespräche als "angenehm" empfand. Das journalistische Konzept, das die beiden durchexerzierten: Sie interviewten Kohl im Mai 2002 zunächst zwei Tage, dann schwärmten sie aus, um Statements von Kohls politischen Zeitgenossen einzuholen, darunter Bill Clinton, Michael Gorbatschow, George Bush Senior, Wolfgang Schäuble, Richard von Weizsäcker und Gregor Gysi.
Im September kam es dann zu einem zweiten Treffen, bei dem Kohl mit den eingeholten Statements konfrontiert wurde. Lamby, Rutz und die ARD sicherten Kohl außerdem einen "fairen Film" zu, behielten sich aber das Recht vor, ihn zu jedem Thema zu befragen. Last not least wurde vereinbart, dass Kohl den fertigen Film nicht vor der Ausstrahlung zu sehen bekommt. Lamby: "Ich lege meine Filme Gesprächspartnern nicht zur Abnahme vor."
Die Omerta des Panzermanns
Und was sagt der Altkanzler? In den brisanten Momenten nichts Brisantes. Die Frage nach seinem Beratervertrag mit Ex-Medienzar Leo Kirch empfindet Kohl anscheinend als Frechheit und bescheidet bündig: "Ich war der langjährige Bundeskanzler Helmut Kohl. Meinen Rat haben viele in der Welt gesucht." Ende der Durchsage. Auch beim Thema Spendenaffäre reagiert Kohl verstockt. Zu denen, die ihm persönlich Geld für die CDU zusteckten, sagt er: "Es waren vier, fünf Leute, und denen habe ich dann versprochen, dass ich das für mich behalte."
Bemerkenswert ist allein, dass Kohl versucht hat, sich aus der selbst auferlegten Omerta zu befreien. "Ich habe ja mit denen, die gespendet haben, gesprochen. Sie haben mir mein Wort nicht zurückgegeben. Und da bin ich bei meinem Wort geblieben." Kohl merkt noch an, dass er glaube, die Spender oder deren Nachkommen würden "aus einer Reihe von Gründen" in "einigen Jahren" selbst die Namen offen legen. Warum und wieso sie das tun sollten - "Einzelheiten" sind nach Kohls Ansicht nichts für die Öffentlichkeit.
So bleibt der Öffentlichkeit nur, ihn in diesen neuralgischen Interviewszenen zu beobachten, sein Schnaufen, seine sich verengenden Augen und die ruckartiger werdenden Bewegungen. "Schauen Sie sich die Körpersprache dieses Panzermanns an, darin drückt sich aus, was er nicht sagt", sagt ARD-Chefredakteur Hartmann von der Tann, der die Dokumentation gemeinsam mit dem NDR in Auftrag gab. Was Kohls Körper ausdrückt ist vielleicht, dass es für ihn selber die größte Qual ist, sein politisches Ansehen immer wieder auf dem Altar seiner alten Seilschaften zu opfern.
Aufzucht und Pflege von Seilschaften
Überhaupt: die Seilschaften. Sie sind das Metathema, das sich durch alle Etappen seiner politischen Biografie zieht - und damit auch durch die Dokumentation. Freimütig definiert Kohl im Interview, was unter dem "System Kohl" zu verstehen sei: Ein System von persönlichen Beziehungen, die aufeinander aufbauen. "Sie sind gut dran, wenn Sie in einer Seilschaft dabei sind und der eine dann an der Spitze auf den Gipfel kommt. Da ist meistens dann die Folge, dass die Anderen nachgezogen werden." Die Anderen, das waren zum Beispiel Norbert Blüm, Rita Süssmuth und Heiner Geissler. Sie machten unter Kohls Kanzlerschaft Karriere - und wagten es dennoch, 1989 gegen ihren Vordermann zu opponieren. Der finale "Putsch" sollte auf dem legendären Bremer Parteitag im September stattfinden.
Genüsslich erzählt Kohl, wie er sich damals durchsetzte. Um die Medien von den Putschisten abzulenken, sorgte er im Hintergrund für eine historische Sensation: In dem Moment, als er vor der Presse den Parteitag eröffnete, öffnete Ungarn seine Grenze nach Österreich, um die DDR-Flüchtlinge herauszulassen. Diese Nachricht verkündete Kohl als erstes und diktierte damit die Schlagzeilen. Was damals keiner wusste: Der Kanzler hatte vorher seinen ungarischen Amtskollegen Miklós Németh angerufen, um genau dieses Timing festzulegen. Dass ihm dieser Coup gelungen ist, lässt Kohl noch heute schmunzeln. Die Putschisten, vom Mediengott verlassen, wagten sich in Bremen nicht aus der Deckung.
Németh war Sozialist, der französische Präsident Francois Mitterand ebenfalls, Bill Clinton Demokrat, Michael Gorbatschow Kommunist. Dennoch pflegte Kohl persönliche Beziehungen zu ihnen, was ihm nicht zuletzt dabei half, seine politisches Glanzstück, die Deutsche Einheit, zu realisieren. Kohls "Strickjackenpolitik" orientierte sich eben nicht an Ideologien oder Gesetzen, wie die Spendenaffäre bewies. Wenn Lamby und Rutz ihrem Protagonisten auch keine überraschenden politischen Bekenntnisse entlocken konnten, so gelingt es ihnen andererseits, dieses zentrale Merkmal kohlscher Politik deutlich herauszupräparieren.
Die Autoren, die Kohls politische Lebenslinie in diesem 90-minütigen Zweiteiler von den Ludwigshafener Anfängen bis heute nachzeichnen, montieren jedes Thema nach diesem Prinzip: Rede und Gegenrede. Dadurch spiegeln sie Kohls Aussagen, brechen sie sogar oft - und das ist wohl das journalistische Maximum, das sich erreichen lässt, wenn man einen Film in Kooperation mit Helmut Kohl dreht. Andererseits bleibt vieles im Halbdunkel, da die Fülle der Ereignisse keine vertiefte Analyse zulässt.
Zudem sind die Interviewpartner ausnahmslos "Prozessbeteiligte", die naturgemäß ihre eigenen Interessen verfolgen. Wolfgang Schäuble etwa, der in der Lamby-Rutz-Dokumentation "Schäubles Fall" (2000) noch hart mit Kohl abrechnete, tritt nun plötzlich als Friedensstifter auf, der angeblich alle Verletzungen überwunden hat. Hat diese Freundlichkeit vielleicht auch damit zu tun, dass Schäuble auf das Amt des Bundespräsidenten spekuliert und dafür die Unterstützung aller Teile der CDU benötigt?
Wer weiß. "Helmut Kohl. Ein deutscher Kanzler" ist ganz nah an seinem Thema dran, das erzeugt Spannung und Emotionen, so will es das Medium. Geschichtsschreibung findet gewöhnlich in Büchern statt.