ARD-Essensdoku: Im Land der Hawaii-Toaster - DER SPIEGEL
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ARD-Essensdoku Im Land der Hawaii-Toaster

Die ARD rührt zusammen, was zusammen gehört: Essen und deutsche Geschichte. "Mahlzeit, Deutschland!" heißt eine dreiteilige Dokumentation, die Schönheit und Schrecken der heimischen Esskultur historisch aufbereitet.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Gammelfleisch, Lebensmittel-Imitate, krebserregende Stoffe: Wer zu Panik neigt, dem vergeht derzeit mal wieder gründlich der Appetit. Aber: Hatten wir in den fünfziger Jahren etwa mehr Esskultur? Oder ist der Schrecken nur geschickter verpackt?

Vom Nachkriegsmangel zur massenkompatiblen Gourmetküche: Mit drei Folgen "Mahlzeit, Deutschland!" blickt die ARD auf die Historie unserer Ernährung, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg mit Riesenschritten veränderte. Als Zeitzeugen dienen so ranke und schlanke Prominente wie Nachrichtenfrau Judith Rakers und Schauspielerin Gerit Kling, denen offenbar die Mamaküche bestens bekommen ist. Aber den richtig fetttriefenden Horror der Fünfziger haben die ja nicht mehr erlebt.

Schwarz-weiße Fernseh-Kochsendungen wirken heute wie Nachrichten und Bilder aus einem fernen Land. Kennen 30-Jährige überhaupt den berühmten Toast Hawaii, den angeblich der erste deutsche TV-Koch Clemens Wilmenrod erfand? Oder die kaum besser beleumundete Mehlschwitze? Kommt alles vor in "Mahlzeit, Deutschland!", und was man sieht, ist oft nicht schön.

Denn für die Essrepublik Deutschland kam es nach dem Krieg erstmal ganz dick. Essen als gehobene Unterhaltung und Kochen als Kulturleistung standen erst später auf dem Programm: Kalorien war ein Fremdwort und Übergewicht wurde unter Gewinn verbucht.

Ganz große Küchen-Schmiere

In den Fünfzigern gingen ja ohnehin nur dekadente Schmauser essen. Gekocht und vernascht wurde meist daheim, und wer nach Hungerjahren, Krieg und Entbehrung tatsächlich wieder Anregungen brauchte, bekam sie via Bildschirm und durch den legendären Fernsehkoch Wilmenrod.

Der war zwar kein Herdprofi, aber ein fettiger Charme-Bolzen, der als erster kapiert hatte, dass man für das neue Medium kein Fachmann, aber ein selbstbewusster Verkäufer sein musste.

Wie Wilmenrod seine Mandel-Erdbeeren inszenierte, das war ganz große Küchen-Schmiere, irgendwo zwischen Gustav Gründgens und Kaffeefahrt. Die deutschen Herzen und Gaumen lagen dem sympathischen Hawaii-Toaster jedenfalls zu Füßen.

Weit war der Weg zum Sushi, aber Regisseurin Katarina Schickling setzt die Etappen des bundesdeutschen Genusswesens routiniert in Szene. Flankiert von Zeitzeugen wie Joachim Fuchsberger, Marianne Koch und Ulrich Wickert zeigt sie kulinarische Wendepunkte auf, die zugleich gesellschaftlich-kulturellen Wandel markierten. So wie Europas Küche Einzug in deutsche Lande hielt, so emanzipierte sich die junge Bundesrepublik zum weltoffenen Deutschland neuer Prägung.

Auch das damals ganz neue Deutschland, die DDR, kommt vor. Das ostdeutsche Wilmenrod-Pendant, Kurt Drummer, musste immer erst abklären, welche Zutaten in DDR-Läden verfügbar waren, bevor er seine Rezepte unters Fernsehvolk bringen durfte. Das hatte etwas Rührendes, auch wenn man es heute mit gemischten Gefühlen betrachtet. Überhaupt bekommt die bis heute wenig beschriebene DDR-Esskultur angemessenen Raum in der Dokumentation. Auch wenn oft der Mangel den Speiseplan beeinflusste, so bemühten sich die DDR-Bürger doch ebenso um ihre Essfreuden - manchmal mit erstaunlichem Erfolg.

Vollmundig authentisch

Je näher sich die Dokumentation der Gegenwart nähert, umso mehr spürt man, wie sehr das Gerede ums Essen heute zum sozialen Umgang gehört. Besonders die Normalverbraucher - hier passt der Begriff ausnahmsweise mal -, die in "Mahlzeit, Deutschland!" zu Wort kommen, erfreuen mit wunderbar direkten und frischen Statements, prägenden Erlebnissen und persönlichen Vorlieben. Hier ist die Doku am lebendigsten und informativsten.

Was Alfred Biolek zum guten Essen meint, wurde schon anderer Stelle ausführlich dargestellt. Erstaunlich hingegen, wie authentisch und pur ein Medienprofi wie Tim Mälzer immer noch rüberkommt: Seine mediale Auszeit hat ihm gut getan.

"Tagesschau"-Sprecherin Rakers kokettiert mit ihrem kochenden Mann und ist als bekennende Nicht-Küchenfee vielleicht schon wieder der Mode voraus: Denn der Koch-Trend kippt so langsam. Viele sehen zwar sehr gerne den Köchen bei der Arbeit zu, aber nur wenige legen selbst Hand an Herd und Gemüse. Kochen ist halt doch nicht ganz so simpel, wie es uns grinsende Maggi-Muttis und oberschlaue Knorr-Kids weismachen wollen.

Auch wenn heute jeder Supermarkt mit Gourmet-Abteilungen aufwartet - ganz ohne eigene Mühe geht es dann doch nicht. Am Ende ist dann doch wieder die ganze Welt ein bisschen Miracoli. Und nicht so weit entfernt von Großmutters Konservenbüchse.


"Mahlzeit, Deutschland!", drei Teile, ARD, montags, 21 Uhr

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