ARD-Programmdirektion Herres wird Struve-Nachfolger
Bremen - Es war nur noch eine Vollzugsmeldung, dennoch stimmten die Intendanten der ARD-Sender heute bei ihrer Tagung in Bremen noch einmal formal über die Nachfolge Günter Struves ab. Volker Herres, 50, NDR-Programmdirektor und Struves Wunschkandidat, war der einzige Bewerber. Die Entscheidung fiel einstimmig.
Herres wird seinen neuen Posten als Programmverantwortlicher für "das Erste" am 1. November 2008 antreten, teilte die ARD heute mit. Günter Struve, 67, der seit 1992 ARD-Programmchef ist, wird dann endgültig abtreten. Im September 2006 hatten die Intendanten seinen bis Ende April 2007 laufenden Vertrag um anderthalb Jahre bis Herbst 2008 verlängert. Er hatte betont, dass dann für ihn definitiv Schluss sei.
"Volker Herres ist ein hervorragender Journalist und Rundfunkmanager. Er kennt die ganze Bandbreite des öffentlich-rechtlichen Rundfunks", sagte der ARD-Vorsitzende Fritz Raff heute Vormittag zur Entscheidung seines Gremiums. "Er wird das Gemeinschaftsprogramm der ARD mit der ihm eigenen Souveränität und Sachkompetenz weiterentwickeln."
Herres könne auf dem Fundament aufbauen, das Struve geschaffen habe: "Ohne Günter Struve stünde das Erste nicht da, wo es steht, nämlich unangefochten auf Platz eins als Marktführer und als Nummer Eins in der Infokompetenz." NDR-Intendant Jobst Plog sagte: "Mit der Entsendung von Volker Herres wird der NDR erneut zentrale Verantwortung in der ARD übernehmen. Ich bin sicher, dass er an die erfolgreiche Arbeit von Günter Struve anknüpfen wird."
Herres begann seine journalistische Karriere 1983 als Mitarbeiter in der Berliner Redaktion des politischen ZDF-Magazins "Kennzeichen D". Seit 1984 arbeitete er in der ZDF-Zentrale in Mainz als innenpolitischer Reporter und Redakteur für Sendungen wie den "Länderspiegel". 1987 wechselte er zum Norddeutschen Rundfunk nach Hamburg, wo er laut NDR-Angaben zunächst als Referent in der Intendanz arbeitete. 1995 wurde der studierte Volkswirt und Politologe Fernseh-Chefredakteur des NDR und Leiter des Programmbereichs Zeitgeschehen.
Kein leichtes Erbe
Bis Anfang 2004 war er außerdem verantwortlich für die Informationssendungen des NDR im Ersten Deutschen Fernsehen (u.a. "Panorama", "Plusminus", "Weltspiegel") sowie für aktuelle und Informationsangebote im NDR Fernsehen. Wie schon früher beim ZDF moderierte er zahlreiche Wahl- und Sondersendungen, oft auch den ARD-Brennpunkt. Im Mai 2004 wurde Volker Herres Programmdirektor Fernsehen des NDR und damit verantwortlich für alle TV-Sendungen des Norddeutschen Rundfunks.
Zuletzt trat Herres unter anderem als Moderator in der Aufsehen erregenden Begegnung zwischen dem Ex-Terroristen Peter-Jürgen Boock und Michael Buback, dem Sohn des RAF-Opfers Siegfried Buback, in Erscheinung. Die ARD-Sondersendung, an der auch SPIEGEL-Chefredakteur Stefan Aust als Experte teilnahm, wurde im April ausgestrahlt.
Herres übernimmt kein leichtes Erbe: Die letzten Jahre von Struves Amtszeit waren geprägt von Skandalen und tiefgreifenden Umwälzungen der Medienlandschaft. Unklar blieb die Rolle des mächtigen ARD-Programmchefs in der Schleichwerbungs-Affäre sowie im Zusammenhang mit dem umstrittenen Mitarbeitervertrag von Radprofi Jan Ullrich. Unter Struve wurde der Informationsanteil der politischen Magazine, Herres' Kernbereich, empfindlich gekürzt, meist zugunsten bunter Unterhaltungsformate, Daily Soaps und Volksmusikshows, mit denen es die öffentlich-rechtliche Sendeanstalt immerhin schaffte, die private Konkurrenz quotenmäßig in den Schatten zu stellen.
Auch weiterhin auf dem schmalen Grat zwischen öffentlichem Auftrag und kommerziellem Druck zu wandeln, wird zu Herres' Aufgaben ebenso gehören wie die Auseinandersetzung innerhalb wie außerhalb der ARD über die Expansion der Programminhalte im Internet.
bor/AP/dpa