ARD-Sudeten-Doku Heim ins Wohnzimmer
Es ist die 100.000-Dollarfrage der Historiker: Kann man aus der Geschichte lernen? Sie ist schon deshalb so schwer zu beantworten, weil der Maßstab fehlt: Woran merkt man das, wie misst man das? Haben die Deutschen also wenigstens seit 1945 aus ihrer Geschichte gelernt?
Noch komplizierter wird es, wenn man danach forscht, ob sie ihre eigene Geschichte überhaupt kennen, um daraus womöglich die richtigen Schlüsse zu ziehen. Jüngste Studien zu den Kenntnissen über die DDR, den Mauerbau und das Ende des SED-Regimes 1989 unter Jugendlichen zeigen leider wahre Abgründe des Unwissens. Doch was würden die jungen Zeitgenossen erst antworten, wenn man sie nach den "Sudetendeutschen" fragen würde?
So ist es allein aus Gründen der im Augenblick hoch im Kurs stehenden Bildung verdienstvoll, dass nun eine zweiteilige TV-Dokumentation des Hessischen Rundfunks über die einstige deutsche Minderheit in der Tschechoslowakei zur besten Sendezeit ausgestrahlt wird heute Abend um 21 Uhr der erste Teil, am nächsten Montag der zweite.
Mehr noch: Diese deutsch-tschechische Co-Produktion der Autoren Henning Burk und Pavel Schnabel zeichnet mit Hilfe von Originalaufnahmen und beeindruckenden Zeitzeugen einen großen, dramatischen Bogen von 1918 bis 1945, der den Ablauf der Ereignisse zu rekonstruieren versucht: zwei Weltkriege, die Entstehung der tschechoslowakischen Republik, Hitlers Aufstieg, der "Anschluss" des "Sudetenlands" ans "Reich" und der Einmarsch der Wehrmacht in Prag, am Ende die Vertreibung der Sudetendeutschen nach der Kapitulation des Naziregimes.
Wovon die Jüngeren wahrscheinlich keine Ahnung haben, das ist für die Älteren mit jeder Menge Klischees behaftet: Jahrzehntelang beschäftigte die ominöse "Vertriebenenfrage" die deutsche Politik und zugegeben: Sie nervte zuweilen auch.
Für die einen waren sie unverbesserliche "Revanchisten", "Folklore-Nationalisten" und Anhänger einer finsteren Heimat- und Volkstumsideologie, für die anderen die Opfer einer brutalen ethnischen Säuberung, der tschechischen Rache an Hitlers Deutschen, die zuvor so schrecklich gewütet hatten.
Politisch-kulturelle Tschechisierung
Der Vorzug der HR-Dokumentation ist, dass sie, pünktlich zum 70. Jahrestag des Münchner Abkommens von 1938, in dem die Westalliierten die Tschechoslowakei an Hitler ausgeliefert hatten, Geschichte als komplizierten Zusammenhang von Aktion und Reaktion schildert, als einen oft verhängnisvollen Reigen von Schuld, Dummheit und Verbrechen. Immer wieder erschütternd sind etwa die Bilder vom ekstatisch-begeisterten Empfang Hitlers nach dem Einmarsch im "Sudetenland" im Oktober 1938, das nun "heim ins Reich" geholt wurde.
Begonnen hatte das Drama nach dem Ersten Weltkrieg Ende 1918, als die Tschechoslowakei aus den Trümmern der Habsburgischen Monarchie von Österreich-Ungarn entstand. Plötzlich waren gut drei Millionen Deutsche in Böhmen und Mähren, deren Vorfahren teils aus dem 12. und 13. Jahrhundert stammten, Staatsbürger der tschechischen Republik unter ihrem ersten Präsidenten Tomas Garrigue Masaryk. Die einst dominierenden "Deutschböhmen" (alias "Sudetendeutschen") verloren ihre angestammten Privilegien, und offizielle Amtssprache, unter dem österreichischen Kaisertum stets deutsch, wurde jetzt das Tschechische.
Teil der politisch-kulturellen Tschechisierung war der Austausch zehntausender Beamter, viele Sudetendeutsche verloren ihre Posten und Ämter. Auch um die Schulen tobte ein heftiger Sprachenstreit.
Doch statt sich, gewiss mühsam und schmerzvoll, zu integrieren, strebte die deutsche Minderheit den Anschluss an Österreich an. So ging die weithin multikulturelle Vergangenheit der Habsburger Monarchie in teils blutigen Kämpfen mit Toten und Verletzten unter. Märtyrerlegenden befeuerten die nationalistischen Leidenschaften, die sich rasch ein Mann zunutze machte: Konrad Henlein, zunächst nur ein unbedeutender Vorsitzender des sudetendeutschen Turnerbundes.
Die Geschichte kannte keine Gnade
1933 gründete Henlein die "Sudetendeutsche Heimatfront", die die völlige Autonomie forderte und bereits paramilitärische Übungen abhielt. Hitlers "Drittes Reich" avancierte derweil zum leuchtenden Fixstern am Horizont deutscher Sehnsüchte, und so sang man in der Turnhalle: "Heute gehört uns die Heimat, morgen die ganze Welt."
Die Radikalisierung und Fanatisierung schritt voran, und schon bei den Wahlen zum tschechischen Parlament 1935 erhielt Henleins nazistisch inspirierte und von Hitler finanzierte "Sudetendeutsche Partei" fast zwei Drittel der Stimmen im Sudetenland. Längst ging es nicht mehr um Autonomie, sondern um den Anschluss ans "Großdeutsche Reich". In bewegenden, zugleich sehr präzisen und differenzierten Gesprächssequenzen des Films berichten sudetendeutsche Nazi-Gegner und jüdische Tschechen wie Deutsche von Saalschlachten und politischem Widerstand im Untergrund, von großer Angst und der Flucht ins "Kernland" nach Prag.
Doch die Geschichte kannte keine Gnade: Als Hitlers Truppen am 12. März 1938 in Österreich einmarschierten, wussten die Tschechen, dass sie als nächste an der Reihe sein würden. Ein halbes Jahr später besetzte die deutsche Wehrmacht, dank der zurückweichenden "Appeasement"-Politik vor allem des englischen Premierministers Chamberlain, das Sudetenland. Scheinbar ohnmächtig schaute die Welt zu, wie die "Germanisierung" der Tschechoslowakei ihren Lauf nahm. Nazi-Gegner wurden verhaftet und gefoltert, Juden verfolgt. Die Nürnberger "Rassegesetze" für Juden galten ab sofort auch in Böhmen und Mähren, und am 9. November 1938 brannten, wie im ganzen "Reich", die Synagogen.
Konrad Henlein aber durfte sich fortan "Reichsstatthalter" nennen.
"Artfremd" oder "rassisch minderwertig"
Am 15. März 1939 marschierte Hitler in Prag ein: Die Tschechoslowakei hatte aufgehört zu existieren. An der Moldau herrschte nun das "Reichsprotektorat Böhmen und Mähren" mit eiserner Faust und mörderischer Radikalität gegen alles, das sich ihm in den Weg stellte, "artfremd" oder "rassisch minderwertig" war.
Von den dreiundsiebzigtausend jüdischen Bürgern der Tschechoslowakei wurden bis 1945 sechzigtausend ermordet, 33.000 davon allein im KZ Theresienstadt.
Als schließlich am 5. Mai 1945, nach dem Vorrücken der Roten Armee der Sowjetunion, ein großer Volksaufstand in Prag losbrach, begann auch die Rache der tschechischen Bevölkerung an den Deutschen. Allein beim "Blutsonntag von Aussig" gab es Dutzende Tote, und wie immer, wenn das Volk rast, wurden auch völlig Unschuldige erschlagen und gequält, teils mit eingeritzten oder aufgemalten Hakenkreuzen durch die Straßen getrieben.
Am 19. Mai 1945, zehn Tage nach der Kapitulation des "Deutschen Reiches", erklärte der aus dem Exil zurückgekehrte tschechische Präsident Benes die "vollständige Entgermanisierung" zum Staatsziel. Über drei Millionen Sudetendeutsche mussten aus ihrer Heimat fliehen, darunter auch Nazi-Gegner.
Es ist gerade die dichte, aber dennoch ruhige Erzählweise dieses dokumentarischen Films, die den ganzen Wahnsinn dieser Geschichte aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts so drängend anschaulich macht. Und wenn sich aus all dem vielleicht doch etwas lernen ließe, dann wäre es die Erkenntnis, wie kostbar und historisch einmalig jener Zustand des Friedens und der Freiheit ist, den wir der so oft gering geschätzten, ja geschmähten Europäischen Union im Jahre 2008, 70 Jahre danach, verdanken.
"Die Sudetendeutschen und Hitler", Teil 1, heute Abend, 21 Uhr, ARD, Teil 2, nächsten Montag, 21 Uhr