ARD und ZDF "Keine Sportart unter Generalverdacht"
Der Radsport kehrt schon nächste Woche ins Erste zurück. "Wir wollen denen eine Chance geben, das Doping aktiv bekämpfen", sagte der ARD-Vorsitzende Fritz Raff SPIEGEL ONLINE. Die Veranstalter der Deutschland-Rundfahrt, die vom 10. bis 18. August stattfindet, haben dem Sender ein "lückenloses Kontrollsystem" zugesagt, so Raff. Allerdings schränke die ARD ihre Live-Übertragungen zu Gunsten einer umfassenderen Hintergrundberichterstattung mit Schwerpunkt Doping ein.
Ob die ARD aber im nächsten Jahr wieder von der Tour de France berichtet und die Option für die Tour 2009 zieht, entscheide sich erst im Herbst: "Wir werden im November ein Resümee der Radsportberichterstattung ziehen", kündigte Raff an.
Im Sommer 2008 erwartet ARD und ZDF dann die nächste Nagelprobe. Denn was passiert, wenn sich beim Quoten-Highlight Olympische Spiele in Peking die Hinweise auf gedopte Sportler verdichten? Wahrscheinlich nicht viel. Die Chinesen gelten zwar in Sachen Doping als wenig zimperlich, doch dass das ZDF dann bei manchen Disziplinen seine Kameras ausschaltet, ist "derzeit auszuschließen", so ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz gegenüber SPIEGEL ONLINE.
Raff kündigte zwar an, die ARD behalte dopingverdächtige Sportarten "im Auge", erwäge aber "im Moment" keinen Ausstieg aus einzelnen Olympia-Disziplinen. "Wir stellen keine Sportart unter Generalverdacht", sagte Raff. "Aber wenn wir auf ein systematisches Dopingnetz stoßen, hat das Konsequenzen für unsere Berichterstattung." Live-Reportagen könnten dann Hintergrundberichten weichen.
Dass die Öffentlichkeit aber erfährt, ob in einem Sport systematisch betrogen wird, hängt auch davon ab, wie willens Journalisten sind, Missstände zu enthüllen. Oder wie es ein Sportreporter formulieren würde: Ob sie bereit sind, dahin zu gehen, wo es wehtut. Egal ob beim Skilanglauf, beim Biathlon, bei der Leichtathletik oder beim Schwimmen. Die Öffentlich-Rechtlichen stehen in der Pflicht, ihre Beziehung zum Sport neu zu definieren.
"Wird systematisch gedopt, steigen wir aus"
Die Sportredaktionen des WDR arbeiten daher an einem Positionspapier für Leitlinien kritischerer Sportberichterstattung. Gruschwitz glaubt an eine neue Ernsthaftigkeit seiner Kollegen: "Der Fernsehjournalismus ist insgesamt nachdenklicher geworden."Auch für das ZDF zählt allein, ob der Fisch vom Kopf her stinkt, sprich eine Sportart strukturell verseucht ist. Wegen "ein, zwei Dopingfällen", würden noch keine Übertragungen gestoppt, so Gruschwitz: "Es gibt bei uns einen klaren Maßstab: Wird systematisch gedopt, steigen wir aus."
Was für die Sportverbände freilich bedeutet: Wer für lückenlose Dopingaufklärung kämpft, sägt sich den Ast ab, auf dem er sitzt. Denn Journalisten sind keine bloßen Berichterstatter mehr, sondern Finanziers. Sport ist von Sponsorengeldern abhängig und deren Höhe wiederum von Fernsehübertragungen. Ist weniger Geld im Spiel, sinkt allerdings auch der Anreiz zu dopen, verlieren Betrugspraktiken an Effizienz und Raffinesse.
Interessant ist also die Frage, wie lange bei ARD und ZDF die Besonnenheit und der gute Wille zu mehr journalistischer Distanz vorhalten werden. Was etwa, wenn im Winter beim Biathlon auf einmal reihenweise Dopingsünder auffliegen? Die Sportart garantiert gute Quoten für kleines Geld, deutsche Athleten hamstern Medaillen fast nach Belieben. Warum also riskieren, vor lauter Pingeligkeit die gute Laune und das gute Geschäft zu verderben?
Zudem sind die Fernsehanstalten von einem Schulterschluss in Sachen kritischer Sportjournalismus weit entfernt, Solidarität ist nicht zu erwarten. Dass sich Sat.1 nur ein paar Stunden nach dem Ausstieg von ARD und ZDF die Übertragungsrechte für die Tour de France sicherte, hat die Öffentlich-Rechtlichen eiskalt erwischt. Denkbar wäre nun auch, dass ein Privatsender Gewehr bei Fuß steht, sollten sich ARD und ZDF einmal dazu durchringen, keinen Wintersport mehr zu übertragen.
Gruschwitz lässt solche Gedankenspiele als Entscheidungsgrundlage für oder wider einen Ausstieg allerdings nicht gelten: "Unsere klare journalistische Linie darf nicht von anderen Sendern beeinflusst werden." Für die ARD, so Raff, sei das mögliche Einspringen eines anderen Senders nur "ein Entscheidungskriterium unter vielen" darunter etwa auch die Popularität einer Sportart.
Was aber, wenn die private Konkurrenz dank windelweicher Berichterstattung den Zuschlag für begehrte Sportübertragungsrechte gewinnen sollte? "Wir werden keine Kompromisse eingehen, um Sportrechte zu bekommen", sagte Raff, der in diesem Zusammenhang "Drohungen" gegen die ARD andeutete.
Immerhin: Bei den Sportfunktionären zeigt der Ausstieg aus der Tour de France offenbar Wirkung. "Die Tour hat bewiesen: Das Fernsehen kann seine Position ausspielen", sagte Gruschwitz. Eine Erfahrung, die derzeit der Boxport machen muss.
Laut Nationaler Anti-Doping-Agentur (Nada) hat der Bundesverbands Deutscher Berufsboxer (BDB) im vergangenen Jahr keine einzige Doping-Trainingskontrolle bei seinen Boxern durchgeführt. Gruschwitz habe bereits mit einem Präsidiumsmitglied des BDB über die Notwendigkeit verbesserter Doping-Kontrollen gesprochen. Auch alarmierte Boxpromoter suchten bereits das Gespräch mit ARD und ZDF. "Wir werden verstärkt darauf achten, bei den Sportverbänden unseren Einfluss geltend zu machen", sagte Raff. "Aber wir bleiben Chronisten, keine Sportpolitiker."