Armin Petras Theaterversion nach Frank Witzels Roman - DER SPIEGEL
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Armin Petras' Theaterversion Die böse, alte BRD

In der Berliner Schaubühne inszeniert Armin Petras eine sehr aufgeräumte Theaterversion von Frank Witzels wunderbar chaotischem Westdeutschland-Roman "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969".
Theater nach der Romanvorlage von Frank Witzel
Theater nach der Romanvorlage von Frank Witzel

Theater nach der Romanvorlage von Frank Witzel

Foto: Gregor Fischer/ dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Fünf Personen suchen einen Ausweg aus einer scheußlichen Kaufhausschaufensterauslage, so lässt sich der jüngste Theaterabend in der weithin für große Unterhaltungskunst berühmten Berliner Schaubühne zusammenfassen. Tatsächlich sieht man den lustig aufgedrehten Schauspielerinnen Jule Böwe und Julischka Eichel sowie ihren gleichfalls bestens gelaunten männlichen Kollegen Paul Grill, Peter René Lüdicke und Tilman Strauß knapp zweieinhalb Stunden dabei zu, wie sie zwischen drei Dutzend blöde stierenden Schaufensterpuppen schlurfen und tanzen und stets aufgekratzte Ansagen machen. Sie sprechen über die Beatles, Braun-Plattenspieler und deutsche Altnazis. Und über ein paar deutsche Terroristen, die später unter dem Namen Rote Armee Fraktion Furcht und Schrecken verbreiteten, sich aber in den Sechzigerjahren der Bundesrepublik Deutschland noch damit begnügten, in Kaufhäusern herumzuzündeln als Zeichen des Protestes gegen Kapitalismus, Krieg und Langeweile.

Man kann die Brandstifter schon ein bisschen verstehen an diesem Schaubühnenabend. Angesetzt ist eine Theaterversion des Riesenromans "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969", mit dem der Schriftsteller Frank Witzel im vergangen Herbst den Deutschen Buchpreis gewonnen hat. Zu besichtigen aber ist eine Rauminstallation. Die Bühnenbildnerin Katrin Brack, für ihre oft überwältigenden Bildeinfälle vielgelobt, hat weibliche, männliche und kindliche Schaufensterfiguren aus Plastik mit bunten, irgendwie Sechzigerjahre-mäßigen Spießerklamotten ausstaffiert. Dann hat sie die Puppen kreuz und quer, mitunter mit dem Rücken zum Zuschauer, auf der Bühne verteilt. Der Regisseur Armin Petras stellt fünf Schauspieler und eine dreiköpfige Rockband in dieses Wimmelbild hinein - und lässt sie nettes, aber kreuzbraves Schaufenstertheater spielen.

Wie soll man das auf die Bühne bringen?

Das ist vor allem deshalb schade, weil Witzels Buch ein Wunderwerk der Erzählformen ist, in dessen 98 Kapiteln auf 800 Seiten praktisch jede Spielart der menschlichen Erinnerung ausprobiert wird: Verhör und Gedicht, Tagebucheintrag und Interview, gelehrte Abhandlung und verrückte Abschweifung. Ein Dreizehneinhalbjähriger, der wie der Autor Witzel im Jahr 1955 geboren ist, durchlebt eine Schreckensjugend in der deutschen Provinz - und blickt zwischendurch aus Erwachsenenperspektive zurück auf diese Zeit. Witzels Held erzählt von einem Aufenthalt des jungen Helden in der Psychiatrie, von katholischem Glaubenswahn, vom Zauber bestimmter Popsongs und von tausend hochinteressanten Dingen mehr. Und er versucht, aus dieser betont exakten Erkundung die Gegenwart zu begreifen; er will, wie es einmal im Buch heißt, "klären, wie es damals war und wie es heute ist".

Wie soll man das auf die Bühne bringen? Der Regisseur Armin Petras ist so etwas wie ein Fachmann für die Beschwörung vergangener Zeiten durch flüchtig skizzierte biografische Episoden. Er hat unter seinem Dramatiker-Kampfnamen Fritz Kater selber poetisch verrätselte, erinnerungstrunkene Stücke wie "zeit zu lieben zeit zu sterben" verfasst und in vielen Inszenierungen Sinn für atmosphärische Finesse bewiesen. Petras hat große Teile seiner jungen Jahre in der DDR zugebracht, was ihm möglicherweise einen frischen Blick hätte verschaffen können auf die in Witzels Roman beschriebenen Glanz-und-Elend-Jahre der BRD, auf die aberhundert Puzzle-Teile, aus denen sich der magische Kosmos von "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969" zusammensetzt.

Vielleicht fehlte es sogar an beidem

Tatsächlich hatte Petras, der nebenbei in Stuttgart Theaterintendant ist, dazu offenbar entweder nicht genug Zeit oder nicht genug Lust - vielleicht fehlte es sogar an beidem. Gegen die wilde Komplexität von Frank Witzels Erzählkunst setzt er jedenfalls auf stocknüchterne Reduktion. Deshalb sehen wir fünf hochmotivierten Schauspielkünstlern dabei zu, wie sie sehr subjektiv ausgewählte Szenen und Sätze aus dem Buch mehr vortragen als spielen. Dazu machen die drei superjungen Musiker der Band Die Nerven oft bombastisch laute Rockmusik, die großteils nach Siebzigerjahren klingt, einmal spielen sie eine hymnische Pink-Floyd-Huldigung. Das ist alles sehr vergnüglich und leider auch ein bisschen egal.

Witzels Buch handelt von scheinbar völlig disparaten Dingen, Menschen und Storys. Von Schokoriegeln und Che Guevara, von Automarken und den Straßen im Wiesbadener Stadtteil Biebrich, von der plötzlich verstummenden Mutter des jungen Helden und der Bedeutung von Gummi und Plastik im Schaffen von Lennon/McCartney und Frank Zappa. Immer aber geht es in Witzels wüstem Verhau von Markenkunde, Strukturalismus-Seminar und Terrorismus-Geschichtsschreibung um Genauigkeit. Bei Petras geht es nur ums Ungefähre. Er zitiert die Pointen einer Coming-of-Age-Story und lässt seine Schauspieler Gummitwist spielen, aber ohne Gummiband in Pantomime; er zeigt ein peinliches Gespräch im Beichtstuhl, in dem der Beichtstuhl mit einem vors Gesicht gehaltenen Nudelsieb improvisiert wird. Das ist ulkig, schon gut - nur verfehlt es den gleichfalls komischen, aber völlig anders lustigen Spirit der Buchvorlage schon ziemlich komplett.

Am Ende, nach knapp zweieinhalb Stunden, sprechen die Schauspieler dieses Theaterabends noch eine Drohung aus. "Ich habe gerade das Gefühl, wir sollten noch einmal ganz von vorn anfangen", sagt Jule Böwe. Und einer ihrer Mitspieler springt ihr bei: "Ich habe das Gefühl, ich könnte jetzt alles ganz genau schildern. Also, wie es wirklich war." Diese Sätze stehen genau so am Ende von Witzels Buch. Nur klingen sie dort wie ein tolles Versprechen.

Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969. Schaubühne Berlin , nächste Vorstellungen am 11., 12.4 und 8.5., Tel. 030/89 00 23