Arnulf Rainer: Malen, bis das Blut spritzt - DER SPIEGEL
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Arnulf Rainer Malen, bis das Blut spritzt

Der Österreicher Arnulf Rainer wollte "malen, um der Malerei zu entkommen" - und sorgte mit aggressiven Überarbeitungen von Fotoporträts und Kreuzigungsszenen immer wieder für Skandale. Das Kunstforum Wien ehrt den Künstler zum 70. Geburtstag mit einer Retrospektive.
Von Sven Siedenberg
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein Hauptwerk sucht man in Arnulf Rainers umfangreichem Oeuvre vergeblich. Trotzdem hat er so etwas wie ein Markenzeichen: die Übermalungen. Immer wieder arbeitet er an Motiv-Vorlagen, meist Fotografien, die er voller Verbesserungswut und oft in Zyklen paraphrasiert: Totenmasken, gotische Christusbilder, Madonnendarstellungen, nackte Frauen, das zerstörte Hiroshima. Und gerne auch überzeichnet er Künstlerköpfe - etwa von Picasso, Goya oder van Gogh -, die er mal feinnervig kritzelnd, dann wieder mit expressiven Farbbüscheln in Besitz nimmt.

Es ist das erste Mal, dass das Kunstforum Wien einem lebenden Künstler eine Einzelausstellung widmet. Schon daran kann man die Bedeutung ablesen, die dem 70-Jährigen zugemessen wird. Rainer war der erste Avantgarde-Künstler, der sich in Österreich ins gesellschaftliche Bewusstsein vorgearbeitet hat. Sind seine frühen Arbeiten zu Beginn der vierziger Jahre noch dem damals vorherrschenden Stil, dem phantastischen Realismus, verpflichtet, so beginnt er spätestens in den fünfziger Jahren mit seiner manischen Suche nach neuen Wegen in der Malerei. Beispielsweise verband er sich die Augen, weil er keine Eindrücke aus der Außenwelt verarbeiten wollte ("Blindzeichnungen") oder gestaltete minimalistische "Proportionsstudien" und streng monochrome Schwarzbilder.

Mitte der sechziger Jahre machte er dann durch Malexperimente unter Drogeneinfluss auf sich aufmerksam. Doch die Ergebnisse, wie das schwungvoll hingeschmierte "Manischmädel", führten ihn nicht zurück zum "Ursprung der Kreativität", wie eigentlich erhofft, sondern nur in einen entfesselten Rauschzustand. Später hat er einmal so aggressiv gemalt, dass ihm der Pinsel zerbrach, woraufhin er mit den bloßen Händen die Ölfarbe aufs Bild klatschte, bis ihm die Fingerkuppen bluteten. Seither zählt die "Fingermalerei" zu seinem festen Repertoire.

Überhaupt beschäftigt sich Arnulf Rainer sehr gerne mit sich selbst. Anfangs beschränkt er sich dabei auf sein Gesicht ("Face Farces" nennt er seine fratzenhaft verfremdeten Selbstbildnisse), später entstehen jene "Body Poses", bei denen er den ganzen Körper mit grellen Klecksen überzieht und sich oft in eine Leidenspose stilisiert. Eines der ausdrucksstärksten Bilder dieser sehenswerten Retrospektive ist jenes Werk, das auch als Plakat dient: Es zeigt eine mehrfach übermalte Kreuzigungsszene, verfremdet mit Fingermalerei und kombiniert mit einem fotografischen Selbstbildnis.

"Arnulf Rainer", Kunstforum Wien , bis zum 13. August 2000.

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