Arte-Themenabend Blond, sehr blond
Das Wichtigste kommt am Schluss: "Die Meldung, dass laut einer WHO-Studie die Blondinen aussterben, war eine Ente", sagt die sonore Off-Stimme, während im Bild echte Enten um eine Blondhaarperücke herumwatscheln. "Die WHO hat andere Probleme..."
Genau. Wir auch. Das Thema Blond ist passé, seit erstens jeder und jede sich für ein Paareurofünfzig einen Platinhelm aus der Drogerie basteln kann, und seit zweitens der Blondinenwitz durch eifrige Nutzerinnen wie Paris Hilton oder Pamela Anderson zur Farce verkommen ist: Niemand kann sich heute darüber noch ernsthaft aufregen.
Dass Arte einen Themenabend zur blonden Haarfarbe macht, ist also so niedlich anachronistisch wie schwierig. Denn außer dem natürlich wunderschönen - Marilyn Monroe-Spielfilm "Wie angelt man sich einen Millionär?" von Jean Negulesco und einer fünf Jahre alten Monroe-Doku haben die Entscheider nur noch "Die Farbe Blond" von Albert Knechtel anzubieten: Ein 90-minütiger Dokumentarfilm, der pittoresk von Paris Hilton-Bildchen zu "Frankreichs Top-Coloristen", von Marlene Dietrich-Ausschnitten zur blonden Kunsthistorikerin hüpft. Nur: Neues und Interessantes bietet das filmische Sammelsurium zum Goldhaar leider selten.
Man guckt zwar amüsiert zu, wenn die "natural born blonde" Carol E. Cox aus Kanada, der einige Tassen im Schrank fehlen, ihren Kampfzug gegen die "Menschenrechtsverletzungen an natürlichen Blondinen" führt herrlich subjektive Ungerechtigkeiten, die sich aus einer ominösen Verschwörungstheorie der gefärbten Brünetten herzuleiten scheinen. Auch Catherine Deneuves Geschichten aus ihrer Vergangenheit als frisch Gefärbte sind süß, oder die altbekannten, aber immer wieder gern genommenen Weisheiten eines Attraktivitätsforschers: Hübsche Menschen mit symmetrischen Gesichtszügen und kindlichen Proportionen - haben es leichter. Ach nee.
Wieso die Evolution denn nun wirklich Blondhaar als Abweichung vom Schema hat wachsen lassen, und wie (und ob) diese Farben zum Beispiel in den großen Menschengruppen mit überwiegend dunklem Haar und dunkler Haut ankommen, wird jedoch nicht eruiert. Stattdessen besuchen wir jenen französischen Coloristen in seinem Chichi-Färbesalon so oft, dass wir seine Produktpalette mitbeten können, sein US-amerikanisches Hollywood-Pendant darf auch etwas übers Blondsein philosophieren, und vermutlich für the spice of life wird noch die amerikanische Pornodarstelllerin Mary Carey in Szene gesetzt, die mit falschem blondem Haar, echten Pornokrallen und überschaubaren Parolen angeblich eine Karriere in der Politik anstrebt, oder jedenfalls einen guten Publicity-Berater hat.
Die blonde Perücke, um die herum am Ende die Enten quaken, liegt bei dem bunten, teilweise recht sinnfreien Bilderbogen stets als blonder Faden im Bild sonst wären die Zusammenhänge in der Tat noch schwerer zu knüpfen.
Die merkwürdige Zweischneidigkeit des Mythos Blond einerseits sind Blondinen sprichwörtlich dumm, andererseits die besseren, überhaupt die guten, lichten Menschen wird in der rasanten Dokumentation zwar angesprochen, aber nicht zu Ende gedacht, genau wie das Blondsein als rassisches Gebot im Nationalsozialismus auch nur eine eher kurze Notiz im langen Film darstellt. Zu schnell wird über Hitlers wirre Rassengedanken, seinen Schäferhund "Blondie" und die "vorbildlichen Germanenköpfe" hinweggehechelt.
Vielleicht hätte es eine etwas knappere Form, ohne minutenlangem Blondenrechtlerinnengefasel oder den sympathischen, aber überflüssigen Ausführungen einer finnischen Tänzerin und Schauspiellehrerin eher getan. So verschwinden selbst eigentlich interessante, volkskundliche Beobachtungen wie die des Märchenforschers, der sich ein wenig zum Blondsein (Gretel) in der Märchengeschichte auslässt, oder den kulturhistorischen Ausführungen über die von eleganten Römerinnen begehrten Germanenhaar-Perücken im bemüht plätschernden, von vielen Spielszenen unterbrochenen Friseurgesprächsniveau. Immerhin: Der ganze Film kommt mit einem einzigen, recht harmlosen Blondinenwitz aus. Das hätte in der Tat schlimmer kommen können.