Atom-Talk bei Anne Will: Kernspalter im Klimawahn - DER SPIEGEL
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Atom-Talk bei Anne Will Kernspalter im Klimawahn

Ein Märchenonkel aus China, des Ex-Kanzlers Ex, der Umweltminister und ein Pro-Atom-Strahlemann: Bei Anne Will stritten die Diskutanten über die unsinnige Frage, ob deutsche Atomkraft das Klima retten kann. Da blieb selbst der Moderatorin nur noch ein mildes Lächeln.
Von Reinhard Mohr
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Manchmal ist es ja doch schön, Geschichte zu machen. Als wir vor dreißig Jahren am Bauzaun von Brokdorf standen, über Siele und Priele sprangen und bei fiesen Minustemperaturen mit diversem Werkzeug hantierten, konnten wir nicht ahnen, dass sich das Ergebnis Ende 2007 noch im Gesicht eines führenden Atomlobbyisten während einer Talkshow namens "Anne Will" widerspiegeln würde. Aber so war es gestern Abend.

Walter Hohlefelder, Vorstand beim Energiekonzern E.on und seitdem Chef des Deutschen Atomforums, sagte gegen Ende der Diskussion recht kleinlaut, es gehe doch gar nicht um neue Atomkraftwerke, sondern nur um längere Laufzeiten der schon bestehenden Meiler. Damit war endgültig die Luft raus aus dem Thema des Abends mit der genreüblichen Zuspitzung "Atomkraftwerke für den Klimaschutz – Traum oder Alptraum?" Auch für energie- und klimapolitische Laien war unschwer zu erkennen, dass schon die Frage absurd war: Mit deutscher Kernkraft das Weltklima retten? Der theoretisch denkbare Einspareffekt am weltweiten CO2-Ausstoß wäre lächerlich gering.

Dafür handelte man sich das potenzierte Risiko der Atomenergie ein, über das seit mehr als dreißig Jahren in Deutschland gestritten wird. Mit Erfolg. Ein Blick nach Frankreich genügt. Dort liegt der Anteil der Kernenergie an der Stromerzeugung bei 70 Prozent – die Anstrengungen bei der Reduzierung von CO2 sind aber deutlich erfolgloser als in Deutschland. Schon mit Hohlefelders Forderung nach längeren Laufzeiten würde der politisch beschlossene Ausstieg aus der Atomenergie unterlaufen, dem er als E.on-Chef selbst zugestimmt hatte. Mehr noch: Die Anti-Atomkraft-Bewegung in Deutschland hat dafür gesorgt, dass es hierzulande undenkbar scheint, ein neues Atomkraftwerk zu bauen. "No Atomstrom in my Wohnhome!" – das gilt für viele immer noch. Auch wenn es schwer zu kontrollieren ist.

Nun geht es vor allem um ein Problem: Wie überbrückt man die kommenden dreißig Jahre, bis erneuerbare, womöglich unbegrenzte Energieerzeugung aus Sonne, Wind und Wasserstoff die alten Energieträger komplett ersetzen kann.

Damit Walter Hohlefelder nicht ganz allein sei mit seiner Liebe zur Atomkraft, setzte man Laurenz Meyer dazu, CDU-Wirtschaftssprecher im Bundestag, der 2004 wegen seiner angeblich ruhenden Tätigkeit für den Energiekonzern RWE in Turbulenzen geraten war. Sprachgewandt wie immer warf er sich sogar für den Klimaschutz ins Zeug, kritisierte die US-Regierung und warb im Übrigen für "Risikostreuung und Energiemix". "Energiemix" klingt besser als "mehr Atomenergie".

Diskutanten bei Will: Mit deutscher Kernkraft das Weltklima retten?

Diskutanten bei Will: Mit deutscher Kernkraft das Weltklima retten?

Foto: NDR / Wolfgang Borrs

Da niemand von den Grünen und auch kein Kritiker der Atomkraft eingeladen worden war, musste Bundesumweltminister Gabriel, frisch von der Weltklimakonferenz auf Bali zurückgekehrt, das Rollenfach der ökologischen Vernunft übernehmen. Er tat das mit Verve, Kompetenz und einer rhetorischen Eleganz, die in der politischen Klasse ziemlich selten geworden ist. Ein paar diskursive Bühnentricks hatte er auch zu bieten - ohne dramaturgische Zuspitzung geht eben nichts mehr in der Fernsehöffentlichkeit.

"Es geht doch um die Menschen, nicht ums Geschäft"

Gabriel wies noch einmal nüchtern darauf hin, dass der Anteil der Atomenergie am CO2-relevanten Energieverbrauch der Welt bei zwei bis drei Prozent liege, Tendenz sinkend. Unzählige Meiler müssten in den nächsten Jahren aus Altersgründen abgeschaltet werden, während der Bau neuer AKW ins Stocken geraten sei. Eine "Irrsinnsdebatte" nannte er die Pseudodiskussion über die Frage, ob mehr Kernspaltung das Klima retten könne.

Das aber focht Ulf Merbold, seines Zeichens Wissenschaftler und emeritierter deutscher Astronaut, keineswegs an. Wie in alten Zeiten plädierte er für die "saubere" Atomenergie. Dreißig Tonnen radioaktive Abfälle pro Jahr und Meiler seien doch besser als mehrere Millionen Tonnen CO2 eines konventionellen Kraftwerks. Das wiederum brachte Hiltrud Hensen, besser bekannt als "Hillu" Schröder, des Ex-Kanzlers Ex, auf die Yucca-Palme. "Es geht doch um die Menschen, nicht ums Geschäft", sagte sie. Seit Jahren hilft sie krebskranken Kindern aus Tschernobyl. Etwas verloren wirkte der Abenteurer und Polarforscher Arved Fuchs. In der Arktis verfolgt er den Klimawandel aus nächster Nähe und weigert sich dennoch, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben und durch mehr Kernkraft die ökologischen Risiken noch zu vergrößern.

Zum Märchenerzähler des Abends avancierte der deutsch-chinesische Reiseunternehmer Mang Chen, der sich kaum halten konnte vor Lob für den Umwelt- und Klimaschutz in China, wo man gleich dreißig neue Atomkraftwerke plant. Wenn es überhaupt Umweltverschmutzung in China gebe, stamme sie aus alten deutschen Industrieanlagen, die man in der Not importiert habe.

Wo so viel Wahrheitsliebe herrscht, hilft nur noch das weise Lächeln des Abendlands. Sehr viel mehr tat Moderatorin Anne Will gestern auch gar nicht, und mit Verlaub: Man merkte ihr trotz aller redaktionellen Vorbereitung an, dass dies alles nicht gerade ihr Lieblingsthema war. Trotzdem schön, dass wir wieder mal drüber gesprochen haben.