Ballett-Premiere auf Kampnagel: Fette Bässe, artistische Choreografie
Ballett-Weltpremiere Da laufen sie ja!
Es bebt, es wabert, es pulsiert. Nur sehr langsam entspinnen sich fürs Publikum Strukturen, Formen und körperliches Empfinden. Doch es gibt keine Bewegungen, kaum Sichtbares für den Zuschauer: In den ersten Minuten von Olivier Dubois' neuem Ballett "Auguri" erobern sich erst Rhythmus und Klang den Raum.
Nach und nach sieht man vier quadratische, fest vertäute, offene Behältnisse, zwei zunächst regungslose Gestalten schälen sich auf der Dunkelheit. Eine liegt, eine steht. Für Bewegung sorgt einzig elektronische Musik: fette Bässe, verfremdete Paukenschläge, wie Magma im Innern der Erde. Es werde Licht! Aber ganz vorsichtig.
Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich hier eine abstrakte Geburtsszenerie vorzustellen, denn der französische Choreograf Olivier Dubois entwickelt wie stets kein Handlungs-, sondern ein Ideenballett. Für den Premierenabend seines taufrischen Werkes "Auguri" hatte er sich die Bühne der Hamburger Kampnagelfabrik gewählt, wo er bereits 2013 mit seinem Ballett "Tragédie" und einer komplett nackten Compagnie für Erstaunen und Faszination sorgte.
"Auguri" beschäftigt sich zumindest assoziativ mit der Ornithomantie, einer altrömischen Form der Weissagung, die das Schicksal der Menschheit aus dem Flug der Vögel zu bestimmen suchte. Gar nicht so dumm aus heutiger Sicht, wenn man sich das aktuelle Interesse für das Seelenleben der Tiere und Bäume vor Augen führt .
Vogelflug als Schicksalsdeutung
Wie Dubois allerdings die 22 Tänzerinnen und Tänzer seines "Ballet du Nord" über die größtenteils freie Kampnagelbühne fegen lässt, das evoziert beim Zuschauer alles andere als esoterische Weihestimmung. Diese Menschheit, wenn sie erst einmal losgelassen ist, wird schnell zur wilden Bestie, wenn auch nur metaphorisch ausgestaltet. Erst langsam, dann immer schneller ziehen die Teilnehmer dieses Weltenlaufs in Kreisen, Spurts, Geraden und Sprüngen ihre Bahnen, peinlich genau choreografiert und artistisch komponiert, denn zunächst vermeiden die sportlich beeindruckend leistungsfähigen Protagonisten jeden Körperkontakt. Immer wieder befürchtet man die scheinbar unvermeidliche Kollision, doch die zünftig in bewegungsfreundliche Outfits gepackten Athletinnen und Athleten beherrschen ihre Körper perfekt.
Perfekte Körper für athletischen Einsatz
Und sie werden unerbittlich nach vorn gepeitscht, denn da ist ja diese Techno-affine Herzschlag-Musik von François Caffenne, der auch das letzte Ballett "Tragédie" beschallt hatte. So muss man es nennen, denn Caffennes Klangschöpfung bedrängt und treibt nicht nur die Balletttruppe, sondern auch den Zuschauer und Zuhörer. Was zunächst wie eine massive Wall of Sound anmutet, verändert sich ständig. Anfangs scheinbar nur in Nuancen, auf Dauer massiv. Die beweglichen Klangmassen korrespondieren dicht verschränkt mit der wilder werdenden Bewegung der 22 Akteure auf der Bühne sowie mit der nun immer heller aufgeblendeten Beleuchtung (Patrick Riou, von zartdunkel bis hammergrell).
Techno-affine Herzschlagmusik
Leider ähneln sich die Bewegungsbilder der strömenden Körper zunehmend, und auch die sorgsam herausgearbeitete Klimax der zunehmen Zusammenpralle und Übergriffigkeiten der Protagonisten ändern da wenig: Nach zwei Dritteln der 60-Minuten-Distanz wird der Tanz zu visueller Redundanz. Es breitete sich Langeweile aus, wenn da diese unerbittlich pulsierende Musik nicht wäre, die aus immer breiter gedachten Soundgeflechten Muster webt, unterlegt von einem erdigen Rhythmus, der an karibische Earth Drums erinnert.
Die Ballettmusik erscheint in dieser Phase wie eine Rhapsodie über die Elemente des altrömischen "Auguriums", um dessen Weissagungszeremonie es hier ja geht: Auch das Geschrei, die Geräusche der Vögel teilten dem Augur (ein hoher Beamter des römischen Reiches) Informationen über künftige Geschehnisse mit. Fast übernimmt François Caffennes Musik den handelnden Part der Produktion: Die Tänzerinnen und Tänzer ziehen sich in die schützenden Quader am Bühnenrand zurück. Das Licht weicht, die Dunkelheit kehrt zurück. Der Pulsschlag des Lebens fährt herunter auf Standby.
Es war ein gelungener Auftakt für das diesjährige Avantgarde-Sommerfestival auf Kampnagel. Olivier Dubois und François Caffenne - man muss beide nennen - gelang es, über eine bei diesem Energie-Level ungeheure Distanz von 60 Minuten das Publikum zu fesseln und zu faszinieren. Verdienter Beifall für alle. Beifall aber wohl eher für die physisch-technische Leistung, denn das Geheimnis des Lebens wird auch nach dieser choreografischen Auslotung weiter eines bleiben. Das aber ist nicht schlimm, so lange philosophische Klimmzüge so sinnlich gelingen.