Aussteigerstück in Wien: Kein Freund, der Baum - DER SPIEGEL
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Aussteigerstück in Wien Kein Freund, der Baum

"Wir könnten netter sein" - "Spinnst du?". So reden die Menschen in Anja Hillings neuem Stück "Der Garten". Die Autorin lässt ihre Hauptfigur aus dieser unfreundlichen Gesellschaft entfliehen in die Natur. Aber ist die weniger grausam?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Garten ist in Wirklichkeit ein Urwald, und natürlich ist er ein Symbol. Die unglaublichsten Pflanzen wuchern hier, sie heißen Darjeeling Red oder Beauty of Livermere, sie sind eine Urkraft, nicht zu bändigen, triebhaft und geheimnisvoll. Das Exotischste an ihnen aber ist, dass sie sprechen können und über die Menschen oft besser Bescheid wissen als diese selbst.

"Der Garten", nach dem die Dramatikerin Anja Hilling ihr neues Stück benannt hat, ist somit nicht nur der Hauptschauplatz, sondern auch eine der Hauptfiguren. Er befindet sich hinter dem Haus eines Rockstars. Hier hat Antonia als Gärtnerin angeheuert. Antonia ist eigentlich Rockkritikerin, die pünktlich zu ihrem 35. Geburtstag in eine Sinnkrise geraten ist. "Der Garten ist ein Fluchtort, aber nicht im romantischen, biedermeierlichen Sinn", sagt Felicitas Brucker, die am Wiener Schauspielhaus die Uraufführung des Stücks herausbringen wird. Der Garten hat etwas Unheimliches, und die sprechenden Pflanzen kommentieren das Geschehen zwar, aber Freunde der Menschen sind sie nicht.

"Antonias Ausstieg hat etwas Verzweifeltes", sagt die Regisseurin, "sie hält die ökonomischen Beziehungsgeflechte in der Gesellschaft einfach nicht mehr aus." Das Milieu, das die Autorin Hilling beschreibt, die unabhängigen, großstädtischen Thirtysomethings mit der großen Angst vor der Leere im Leben, ist oft beschrieben worden, aber selten so genau und sarkastisch. "Sie sind im Hirn zu Hause, gewohnt, die Dinge scheiße zu finden. Ihr Blick endet Millimeter, bevor etwas Wahres beginnt" - so skizziert die Dramatikerin Hilling in einer Regieanweisung die Freunde und Kollegen von Antonia, und ein typisches Partygespräch bei ihnen läuft so:

Martin: Wir könnten netter sein.
Henriette: Spinnst du.
Martin: Wir sind zu weit weg.
Phillip: Von was.
Martin: Von uns.
Phillip: Gott sei Dank.

"Keiner zeigt hier Schwäche oder Gefühle", sagt die Regisseurin Brucker, "selbst Krankheiten sind angeblich kein Problem - dabei sind alle krank." Aus dieser Welt der scheinbar perfekt Funktionierenden flieht Antonia in den Garten des Rockstars, der selbst auch ein Verwundeter ist. In jungen Jahren ein gehypter Star, dann fallen gelassen, arbeitet er gerade an seinem Comeback. Mit Thiemo Strutzenberger hat Brucker den Rockstar erstaunlich jung besetzt. Es gebe schließlich genug Beispiele von Stars, die mit Mitte dreißig den Hype bereits hinter sich haben, sagt die 37 Jahre alte Regisseurin, die bereits zum dritten Mal ein Stück von Hilling inszeniert.

Ein Panzer aus scharfen Worten

Auch die Autorin Anja Hilling ist erst 36, den großen Hype als "Nachwuchsautorin des Jahres" erlebte sie vor sechs Jahren, und sie beschreibt die Lebenskrise ihrer Protagonisten nicht nur in diesem Stück so eindringlich, dass man vermuten darf, da steckt eine Menge Autobiografisches dahinter. Sie scheint einer von diesen Menschen mit übergroßer Sensibilität zu sein, die sich gelegentlich, um nicht völlig schutzlos zu sein, einen Panzer aus scharfen Worten bauen. Aber eigentlich ist die Sprache Hillings sehr poetisch.

In "Der Garten" überlässt die Autorin diese Sprache meist den Pflanzen, die fast wie ein surrealer antiker Chor das Geschehen kommentieren. "Der entscheidende Vorteil dieser Wesen ist, dass sie ein Kollektiv sind", sagt die Regisseurin. Am Ende übernehmen sie mehr und mehr die Welt. Wie sie das auf der Bühne umsetzt, will die Regisseurin noch nicht verraten, nur, dass es auch eine "musikalische Ebene" gibt, die von Bedeutung sei.

Die Pflanzen jedenfalls gucken ziemlich ungerührt auf Antonia, die Frau, die aus ihrem Dachwohnung-mit-Dauerfreund-Leben ausbricht. Der Versuch, bei dem Rockstar nicht nur einen Job zu finden, endet natürlich fatal. Die Antidepressiva, die er und Antonia nehmen, bringen sie beide um. Und eine der sie umrankenden Pflanzen merkt an, um was es wirklich geht: "Es ist kein Sex. Es ist ein Kontakt."


Der Garten. Uraufführung am 10.12. im Schauspielhaus Wien.  Voraufführung am 8.12., außerdem am 16., 17., 29. und 30.12., Tel. 0043/1/317 01 01 18.