Ausstellung Der Krieg der Medien
Die Fotografin Dickey Chapelle ist 47 Jahre alt, als eine Schrapnell ihre Halsschlagader erwischt. Sie verblutet, umgeben von Soldaten eines U.S. Marine Corps, etwa 100 Kilometer südlich von Na Dang in Vietnam. Ihr letztes Bild fotografierte ein anderer: Eine Aufnahme des Kriegskorrespondenten Henri Huet aus dem Jahr 1965 zeigt seine Kollegin Chapelle, wie sie zusammengekauert am Boden liegt. Ein Geistlicher verabreicht ihr die letzte Ölung. Am Gürtel ihrer Uniform trägt sie eine Wildblüte.
Was treibt jemand wie Chapelle dazu, ihre bürgerliche Existenz in Milwaukee, Wisconsin, aufzugeben und in den Reisfeldern Vietnams mit einer Patrouille loszuziehen, um preisverdächtige Aufnahmen sterbender Vietcong-Soldaten oder explodierender Napalmbomben anzufertigen? Warum suchte sie wie so viele der Kriegsberichterstatter zwischen Hanoi und Saigon immer wieder die Nähe des Todes?
Im Düsseldorfer NRW-Forum kann man nach Antworten suchen. Dort wird das Grauen, das über drei Jahrzehnte, von 1954 bis 1975, in den Reisfeldern und Dschungelwäldern Indochinas und Vietnams herrschte, noch einmal lebendig. Die Werke von 135 Kriegsberichterstattern werden dort ausgestellt. Sie alle fanden im Vietnamkrieg den Tod.
Die Bilder der rasenden Reporter des Todes haben sich jedoch ins Kollektivgedächtnis eingefräst. Sie prangten auf den Titeln von "Time", "Newsweek" oder dem "National Observer", sie wurden auf Plakaten während Anti-Vietnam-Demonstrationen getragen und haben aus irgendeinem bewaffneten Konflikt in der Nähe Kambodschas das beherrschende Trauma der amerikanischen Kultur gemacht: Weil Vietnam der erste und letzte Krieg war, in dem Fotografen die ungeschminkte Wahrheit ablichten konnten.
Es sind Intellektuelle wie Robert Capa oder Draufgänger wie Larry Burrows, halbe Berühmtheiten wie Sean Flynn, der Sohn Errol Flynns, oder mit Preisen überhäufte Fotografen wie Henri Huet, denen wir unser Bild vom schmutzigen Krieg in Vietnam verdanken. Tim Page, selbst als Kriegsberichterstatter in Vietnam verwundet, hat die Schicksale amerikanischer und vietnamesischer Fotojournalisten recherchiert und ihre Werke zusammengetragen. So auch die Bilder von Charlie Chellappah.
Chellappah begleitet am 14. Februar 1966 im Auftrag der Nachrichtenagentur AP eine Einheit der amerikanischen Infanterie auf dem Weg durch den dichten Dschungel Vietnams. Die Heckenschützen des Feindes sind überall. Zentimeter für Zentimeter robben die Soldaten vorwärts, als eine Mine unmittelbar neben Chellappah detoniert. Der Kriegskorrespondent kann gerade noch fotografieren, wie ein Infanterist einem Verwundeten hilft, da geht eine zweite Mine hoch. Chellappah stirbt. Seine Bilder überleben.
"Ein ferner Krieg - Requiem", NRW-Forum für Kultur und Wirtschaft, Ehrenhof 2, 40497 Düsseldorf, 10. Februar bis 5. März. Infos: www.nrw-forum.de