Ausstellung "Es war einmal in Amerika" in Köln - DER SPIEGEL
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Nordamerikanische Kunst Die Macht der Bilder

Wie haben Bilderwelten schon lange vor Hollywood unsere Vorstellung von den USA geprägt? Dieser Frage geht eine Ausstellung in Köln nach. Sehenswert!
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bilder prägen das kulturelle Gedächtnis von Nationen. Bevor bewegte Bilder Geschichte erzählt und konstruiert haben, prägten gemalte Darstellungen die Wahrnehmung. Und somit auch wieder Realitäten, die aus diesen geschaffen wurden.

Wie das in den USA funktioniere, versucht das Kölner Wallraf-Richartz-Museum aufzuzeigen. "Es war einmal in Amerika" heißt eine sehenswerte Ausstellung , die als erste Überblick über rund 300 Jahre US-amerikanischer Kunst bieten will. Bisher waren es immer deutlich kürzere Zeitspannen, die das deutsche Publikum zu sehen bekam - was oft die Vorstellung prägte, in der "Neuen Welt" sei vor Rothko, Pollock und Hopper nur tabula rasa gewesen.

Der Rundgang durch 130 Kunstwerke beginnt im Jahr 1650 mit den Porträtmalereien der Kolonialzeit. Damals glichen Motive und Stil noch deutlich der Alten Welt. Der Austausch mit Europa bleibt auch in den Folgejahrzehnten intensiv, während sich die Motive langsam änderten und damit die besonderen Umstände von "God's Own Country" spiegelten: Von John Trumbolls in Öl verewigter Unabhängigkeitserklärung bis zu den Landschaftsmalereien der Hudson River School stricken diese fortwährend an der Darstellung des amerikanischen Traums. Doch auch in der heilen Welt gibt es Subtext: George Caleb Bingham malt in seinen Missouri-Bootsszenen einen Sonnenschein, der sich ebenso idyllisch wie unheilvoll wahrnehmen lässt.

Den Anspruch der europäischen Siedler auf Expansion illustriert Frances Flora Bond Palmer in einer Lithografie: Links des nach vorn preschenden Zuges fällt, baut und werkelt man schon fleißig, während rechts zwei Krieger auf ihren Pferden von schwarzen Auspuffgasen eingenebelt werden - das Motiv war 1868 keineswegs als kritischer Kommentar, sondern als Werbemittel für die imperiale Landnahme gemeint.

Sklaverei ist kein Thema

Die indigene Kunst, von der im Ankündigungstext die Rede ist, findet nur sparsam dosiert in Schaukästen statt. Hinter Glas befinden sich einzelne Artefakte wie der wertvolle Wampum-Gürtel, ein kunstvolles Schmuckstück aus Meeresmuscheln, einzelne Statuen oder eine geritzte Pfeife. Und so erscheinen sie in dieser Schau als isolierte, ethnologisch faszinierende Objekte einer parallelen Lebenswelt.

Dieses Nebeneinander entspricht durchaus der historischen Entwicklung, die Geschichte der USA bestand lange Zeit aus parallelen Realitäten. Es hätte aber Beispiele gegeben, die von einer intensiveren künstlerischen Auseinandersetzung zeugten, etwa den Taos Pueblo-Maler Albert Looking Elk - bis hin zu dem paradoxen Umstand, dass seine stilisierten Landschaftsmalereien weißen Sammlern und Galeristen dereinst als zu europäisch galten.

Allerdings bekräftigt die Präsentation so unwillentlich, was sie laut Ankündigung eigentlich aufbrechen möchte - die Vorstellung also, es gäbe die eine US-amerikanische Kunstgeschichtsschreibung, die erst im 17. Jahrhundert begann und Native Americans weitgehend ausklammert.

Wie überall spiegelt die Kunstproduktion historische Gegebenheiten nicht direkt wieder, sondern ist auch Wunsch- und Traumproduktion: Themen wie Sklaverei und die Sezessionskriege beispielsweise finden kaum ihren Weg in die Ausstellung, wofür es gute Gründe geben mag. Den zynischen Idyllen-Kitsch, in dem schwarze Plantagenarbeiter in volkstümlicher Malerei bisweilen dargestellt wurden (Motive, die bis heute ihre Sammler finden), erspart die Kuratorin dem Publikum ebenso wie heroische Gemälde von Kriegsschlachten.

"Es war einmal in Amerika" kann also keinen Anspruch auf thematische Vollständigkeit erheben. Stattdessen arbeitet sich die Ausstellung chronologisch an Phänomenen entlang: Wie dem des vergoldeten Zeitalters, in dem sich neureiche Ölmagnaten in stattlichen Porträts und ihren Wohlstand und Besitz gleich dazu verewigen lassen. Man kann die brillant leuchtenden Atelieransichten des Impressionisten William Merrit Chase bewundern, die wiederum von seiner Zeit in München geprägt wurden, und der wechselseitigen Einflussnahme nachspüren, in der die US-Kunst eine ganze Weile Europa ein wenig hinterherhinkte - so zumindest empfand man es in der Alten Welt.

Das letzte Viertel der Ausstellung erfüllt dann alle Erwartungen, mit denen man so eine Schau eben auch besucht: Endlich ist sie da, die Moderne! Während in New York die Wolkenkratzer gen Himmel geschraubt werden, beginnen sich auch Motive und Stile in alle Richtungen auszudehnen. William Henry Johnson, neben dem Landschaftsmaler Robert S. Duncanson einer der wenigen afroamerikanischen Künstler in der Ausstellung, wird mit einer cool-plakativen Harlem-Straßenszene präsentiert, Georgia O'Keeffe geometrisiert den Himmel über New Mexico, gegenüber kann man die pink-türkisfarbene "tote Natur" des fast vergessenen Patrick Henry Bruce wiederentdecken.

Grant Woods berühmtes "American Gothic" sucht man leider vergebens, doch ist der Maler mit einem ebenfalls ländlich inspirierten, gewohnt überzogenen Motiv vertreten, dem man die Lust an der Weirdo-Kunst in Zeiten, in denen andere längst den diversen Stufen von Abstraktion frönten, ansieht.

Nach 278 Jahren Kunstgeschichte trifft der Besucher dann auf Edward Hopper, der noch dem schönsten Sonnenschein eine elegante Grabeskälte einzuhauchen vermag. Seine über-ästhetisierten Alltagsszenen haben das Americana-Bild geprägt wie wenige andere Kunstwerke, vielleicht weil sie das Prinzip Amerika aus europäischer Sicht bis heute in Perfektion verkörpern: Das Neue irgendwie vertraut, aber ins Vertraute grätscht eine unheimliche Fremde.

"Es war einmal in Amerika. 300 Jahre US-amerikanische Kunst"; bis 24. März 2019 im Wallraf-Richartz-Museum Köln . Katalog 39,90 Euro, Begleitheft 12,90 Euro

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