Ausstellung "Typisch!" Immer der Hakennase nach
Dass Klischees gesellschaftlich wichtig sind, ist fast schon selber ein Klischee. Bestimmte Wahrnehmungs- und Erlebnismuster braucht man für die soziale Orientierung. Nicht jede Erfahrung lässt sich selber machen, unverzichtbar ein Repertoire von Wissenskonventionen, um sozial effektiv zu sein.
Die Sache hat einen Haken oder, wie in den abwertenden Darstellungen von Juden durch die Jahrhunderte eine Hakennase: Die Vorstellung kann zum Vehikel werden für diffamierende, ja tödliche Ideen. Der Nationalsozialismus verschärfte die Klischees um den krummnasigen, verschlagenen Juden zu einer perfekt einsetzbaren Ikonografie des Hasses. Sie war der propagandistische Firnis über den tatsächlichen Bildern maßlosen Schreckens, die nach 1945 die Weltöffentlichkeit erreichten.
Zwischen Trash und Terror
Heute, mehr als 60 Jahre und Tausende Dokumentationen später, gibt es außer der Physiognomik des Rassismus immer auch diesen zweiten jüdischen Körper: die ausgezehrte Leiche, die zum Gerippe abgemagerte Gestalt. Sie ist selbst ein Bilderfetisch geworden, ein Label des Holocaust, der, so scheint es, nur um den Preis seiner kulturindustriellen Zurichtung erinnert werden kann.
Die Ausstellungsmacher von "Typisch" wissen um diese Dialektik und sparen Schockeffekte konsequent aus. Stattdessen wird die Gewalt, unter denen Juden und andere Volks- und Glaubensgemeinschaften bis heute leiden müssen, in massenmedialen Strukturen aufgesucht und als Teil einer riskanten Folklore verstanden, die sogar zur populärkulturellen Staffage des Genozids werden kann.
Das Verfahren der Schau (ab 21. März im Berliner Jüdischen Museum) ist dialogisch: Über die Nationen- und Kulturkreisgrenzen - und auch über die Gräben von U und E hinweg - werden ganze Klischeeformationen präsentiert. In 25 Tryptichen treffen historische Artefakte auf moderne Kunstwerke, wird diffamatorischer Trash mit kritischer Kreativität konfrontiert. Auf diese Weise spielen sich die rassistischen Objekte nicht zum Blickfang auf, sondern offenbaren ihre historische Bedingtheit, ihre schaurige Suggestivität - und ihre Lächerlichkeit.
Da lehrt das Nazi-Schulbuch "Der Giftpilz" Schüler, woran man einen Juden erkennt ("Die Judennase ist an ihrer Spitze gebogen und sieht aus wie ein Sechser"). Gegenüber demontiert die amerikanische Künstlerin Deborah Kass das Motiv der Hakennase mit Warhol'scher Ironie.
Da stemmt eine schwarze, sogenannte Naturschönheit aus Porzellan kokett ein Waldhorn in die Höhe, während gegenüber die moderne Fotografie "Sexy and Dangerous" die Vorurteile vom wilden Eingeborenen dekonstruiert. Eine Riege Barbiepuppen macht mit ethnokitschigen Outfits Chauvinismus zum Kinderspiel, im Hintergrund eine Collage, die Dutzende Hauttöne präsentiert und so die Frage, was schwarz, was braun, was weiß sei, unmöglich macht.
Ideologische Figur-Probleme
Wie die Schriftstellerin Isolde Charim im exzellenten Essay des Ausstellungskatalogs erklärt: Das Stereotyp ist auf zweierlei Weise paradox. Erstens tut es so, als bedürfe es keines Beweises und kann doch nie wirklich bewiesen werden. Deshalb muss man es ständig wiederholen. Und zweitens erhält durch das Stereotyp "etwas ganz Fremdes den Status von etwas Bekanntem".
Diese doppelte Logik macht die Exposition des Berliner Jüdischen Museums anschaulich: Sie zeigt den systematischen Behauptungsfuror der rassistischen Konzepte. Und ergänzt sie um die schaurig-unschöne Erfahrung der Vertrautheit, wie sie in den Antisemitica des 19. Jahrhunderts Gestalt annimmt und sogar ein eigenes Genre des Kunsthandwerks hervorbringt. Die kleinen Porzellanjuden, Geldeintreiber und Wucherer mit stets offener Hand, oder die schwarzen Mamsells, in deren dicken Bäuchen Tee warm gehalten wurde: Sie sind dubiose Bekannte unserer bürgerlichen Unkultur.
Die Begriffe Klischee und Stereotype sind Fachbegriffe der Druckerkunst, und tatsächlich fällt der Siegeszug der Massenmedien seit dem 19. Jahrhundert mit der Normierung von Wirklichkeitsabbildungen zusammen.
Auch dies wird in der Ausstellung deutlich: Mediale Mobilität und starre Wahrnehmungsroutinen schließen sich nicht aus, im Gegenteil: Je schneller die Bilder zirkulieren, desto mehr verwischen die Grenzen zwischen Unterhaltung und Diskriminierung, Information und Populismus. Ist der Indianer der West-Reklame schon ein rassistisches Statement oder noch eine augenzwinkernde Reverenz? Ist die Reich-Ranicki-Buchstütze mit Knollnase noch karikaturistisches Gimmick oder schon Antisemitismus in Warenform?
Für solche Fragen hat das jüdische Museum den richtigen Riecher. Soll er gerade sein oder gebogen, klein oder groß.